2013 fand die 3. Aschermittwochrede in bewährter Tradition im Parlament statt. Helene Jarmer war krank. Ich redete trotzdem meine 7 Wohrheiten, die die Politik anders ticken lassen soll. Lesen Sie nachfolgend die Rede oder sehen Sie sich die Videos an:

 

Begrüßung

Wohrheit Nr. 1

Wohrheit Nr. 2

Wohrheit Nr. 3

Wohrheit Nr. 4

Wohrheit Nr. 5

Wohrheit Nr. 6

Wohrheit Nr. 7

Rollstuhl Rap

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde!

 

Willkommen zum dritten Aschermittwoch der anderen Art. Willkommen zu einer Veranstaltung, die will, dass Politik anders tickt. Willkommen zu einer Rede, die Wohrheiten vermittelt, die nicht einmal Frank Stronach ausspricht. Und der redet bekanntlich viel.

Was mich von Frank Stronach unterscheidet? Ich bin ein Politiker mit einem Ausschaltknopf. Man muss mich einfach cuffen. Und dann ist Sendepause.

Was ich mit Frank Stronach gemeinsam habe: Ich bin oft auch nicht einfach zu verstehen. Das liegt bei Frank an Kanada – und bei mir am Schleim.

Ich sage zum Beispiel: „ Der Fahrtendienst kommt bald“

Meine Assistentin fragt dann: „Was, wir müssen in den Wald?“

Ich sage: Wir kommen zu spät!

Die Assistentin stimmt zu: Wir haben noch Zeit für ein Gebet!

Aber, und das ist die erste Wahrheit: Menschen mit Behinderung brauchen nicht Mitleid, sondern persönliche Assistenz. Das macht uns frei und handlungsfähig. Meine Assistentinnen sind ein gut eingespieltes Team. Jeder Handgriff sitzt, alles funktioniert, auch ohne dass ich etwas sage. Und ich muss nichts tun.

Nach einem Nachtdienst erzählte mir neulich eine Assistentin von einem verrückten Traum: „Du bist aus dem Rollstuhl auferstanden, konntest wieder gehen und die Hände bewegen! Du warst garnicht mehr behindert“, erzählt sich freudestrahlend. Ich: „Bist du wahnsinnig! Dann bin ich ja als Behindertensprecher völlig unglaubwürdig! Ich bin arbeitslos, du auch und ich muss den Müll selbst runterbringen.“

Aber so ist es zum Glück nicht und ich bin ein wirklich behinderter Behindertensprecher. Die persönliche Assistenz ist eine Erfolgsgeschichte, die weitergeschrieben werden muss. Wir brauchen die persönliche Assistenz bundesweit einheitlich und auch vor und nach der Arbeit.

Die zweite Wohrheit ist: In der Behindertenpolitik braucht es einen Paradigmenwechsel, weg von Fürsorge, Almosen und Mitleid. Hin zu Gleichstellung, selbstbestimmten Leben und Inklusion.

Wissen Sie, wie ein Paradigma entsteht? Ich erklärte es Ihnen: Wissenschaftler brachten 5 Affen in einem Käfig zusammen, befestigten in der Mitte eine Leiter und legten oben drauf Bananen. Jedes Mal, wenn ein Affe auf die Leiter kletterte, spritzten die Wissenschaftler die übrigen Affen mit kaltem Wasser nass. Nach einiger Zeit begannen die Affen, jedes Mal, wenn einer von ihnen auf die Leiter stieg, diesen zu verprügeln. Es dauerte nicht lange, da wagte es kein Affe mehr, auf die Leiter zu klettern, ganz gleich, wie groß die Versuchung auch sein mochte.

Dann tauschten die Wissenschaftler einen der Affen aus. Natürlich entdeckte der neue Affe gleich die Bananen und kletterte auf die Leiter. Nachdem er einige Male verprügelt worden war, hatte das neue Mitglied gelernt, nicht auf die Leiter zu klettern, obwohl er nicht wusste, warum. Nach und nach wurden alle 5 Affen ausgetauscht und mit jedem geschah das gleiche.

Am Ende gab es in diesem Käfig 5 Affen, die immer weiter jeden verprügelten, der versuchte, auf die Leiter zu klettern. Oben auf der Leiter vergammelten die Bananen. Obwohl keiner von ihnen je nass gespritzt worden war.

Wenn es möglich wäre, die Affen zu fragen, warum sie denn jeden verprügeln, der versucht, auf die Leiter zu klettern, ich wette, die Antwort wäre so etwas wie „ Keine Ahnung. Das war schon immer so, das ist halt so.”

Kommt Ihnen das bekannt vor? Mir schon.

Ich frage zum Beispiel: Warum gehen behinderte Kinder in die Sonderschule?

Ich bekomme die Antwort: Das war schon immer so.

Ich frage: Warum gibt es keine behinderten Lehrer und Richter?

Antwort: Das is halt so.

Ich will wissen: Warum dürfen behinderte Kinder bis zur Geburt abgetrieben werden?

Antwort: Das war schon immer so.

Zu Ihrer Information: Tatsächlich gibt es die sogenannte eugenische Indikation. Bei Verdacht auf eine Behinderung darf ein Embryo über die Fristenregelung hinaus bis knapp vor die Geburt abgetrieben werden. Das passiert laut dem Gynäkologen XXXX Fiala bis zu 300 Mal pro Jahr in Österreich. Ich sprach darauf die SPÖ Gesundheitssprecherin an, sie meinte: „Darüber rede ich nicht.“

Ich hab verstanden: Das ist halt so.

Die dritte Wohrheit: Von Barrierefreiheit wird viel geredet. Dafür wird aber nach wie vor zu wenig getan. Ich darf Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen. Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch und wenn ich in der U-Bahn auf den nächsten barrierefreien Zug warte, läuft mir die Zeit davon. Neulich bei der U3 kamen acht alte U-Bahn-Züge hintereinander, wo ich nicht einsteigen konnte. Bei der achten riss mir der Geduldsfaden: „Da müssen wir hinein!“ Die Assistentin war schockiert: „Aber da ist ja eine hohe Stufe und ein großer Spalt, wie sollen wir da drüberkommen?“ Ich sagte: „Gas geben und drüberfliegen!“

Die Assistentin gibt Gas und wir fahren mit vollem Karacho auf die Tür zu, die Vorderräder springen über die Stufe, mich wirft der Ruck fast aus dem Rollstuhl und die Hinterräder bleiben im Spalt stecken. Die Assistentin ist entsetzt, ich lächle: „Rien ne vas plus, nichts geht mehr.“ Da steigt der Zugführer aus und sagt: „Sind sie lebensmüde?!“ Ich sage: „Danke, sehr freundlich, aber ich brauch keine Sterbehilfe, sondern barrierefreie U-Bahn-Züge!“

Manche sagen, wenn man im Rollstuhl sitzt, ist das Leben zu Ende. Ich sage: Das Gegenteil ist der Fall, das Leben ist ein Abenteuer! Aber ich würde gerne barrierefrei weiter- und überleben.

Die vierte Wohrheit: Auch Menschen, die beatmet werden, können auch daheim leben – wenn man sie lässt.

Ein Herr sprach mich kürzlich in der U-Bahn an und meinte: „Bui, ein ganzes Krankenhaus in der U-Bahn. Das ist ja spannend!“ Er betrachtete neugierig meine Geräte und Schläuche und ließ sich von der Assistentin genauestens erklären.

Da hat plötzlich eine ältere Frau ihren Zeigefinger erhoben und auf mich gezeigt: „Sind Sie das?“

Ich sagte: „Ja, wahrscheinlich schon. Aber wer genau?“

Die Frau: „Dieser Abgeordnete, der durchgesetzt hat, dass persönliche Assistentinnen Pflegeleistungen durchführen dürfen. Das ist kriminell!“

Ich: „Sind sie von der Gewerkschaft der Krankenschwestern?“

Die Dame nickte und wandte sich an die Assistentin: „Sie wissen, dass sie mit ihrer Tätigkeit für diesen Herren mit einem Fuß im Gefängnis stehen!“

Ich: „Wollen sie jetzt den Job übernehmen? Man müsste meine Kanüle eh gleich absaugen?“ Da war sie plötzlich zwischen den Fahrgästen verschwunden.

In Österreich gibt es 1500 beatmete Menschen, 500 davon haben ein Heimbeatmungsgerät und leben zu Hause. Dank des technischen Fortschritts ist dies heute möglich. Die Pflegegewerkschaft war immer dagegen, dass persönliche Assistenten Pflegetätigkeiten durchführen dürfen. Sie haben 2008 mit Totenscheinen und Särgen vor dem Parlament demonstriert. Wer denn nicht alles sterben wird, wenn Assistentinnen die Atemkanüle absaugen dürfen. Ich kann verstehen, dass die Krankenschwester neulich in der U-Bahn schockiert war, da ich noch immer lebe. Aber es sollten noch mehr beatmete Menschen zu Hause leben können. Dazu braucht es bessere Unterstützung und Einschulung der pflegenden Angehörigen, einen leichteren Übergang vom Krankenhaus nach Hause. Die Möglichkeit, dass Kinder mit einem Beatmungsgerät den Kindergarten oder die Schule besuchen können, muss gegeben sein. Und es braucht eben die persönliche Assistenz bundesweit einheitlich. Damit wir gepflegt durchatmen können, wo wir wollen.

Die fünfte Wohrheit: In der Pflege darf es nicht nur menscheln, wir brauchen auch viel mehr High-Tech. Denn neue Technologien bieten nicht nur bei der Beatmung neue Chancen, sondern auch bei der allgemeinen Pflege. Der 80-jährige Herr Joachim Müller lebte z.B. bis vor kurzem in der Vergangenheit. Er schnitzte immer Holzfiguren. Aber immer öfter vergaß er zu duschen, seine Haustür stand offen und hatte einmal sogar vergessen den Herd auszuschalten.

Jetzt muss er nicht ins Pflegeheim, sondern ist noch immer at home. Denn er ist nicht hinten, sondern vorne. Er ist einer der ersten online-living-Senioren. Seine Sensorenkästchen überwachen ihn dauernd. Die Sensoren disliken es, wenn die Haustüre offen steht, oder er mit seiner Körperhygiene nicht up to date ist. Herr Müller liked es, wenn dann sein Betreuer kommt, bevor die Nachbarn seinen shitstorm riechen. Er rät allen Senioren: „Share this concept!“ Besser zuhause leben, als im Heim.

Hier müssen wir auch unsere Politik updaten und neue Finanzierungsmöglichkeiten sichern. Technologien machen uns in vielen Lebensbereichen das Leben leichter – warum nicht auch in der Pflege?

Die sechste Wohrheit: Kinder mit pflegebedürftigen Eltern müssen wieder Kinder sein können – und junge Querschnittsgelähmte haben nichts im Altersheim verloren.

Die meisten von Ihnen wissen es aus eigener Erfahrung. Kinder sind da, um die Eltern zu fordern und ein wenig zu nerven. Ich kenne das selbst nur zu gut. In der Nacht müssen die Windeln gewechselt werden, beim Anziehen braucht es viel Überredungskunst und Geschick. Beim Baden wird nicht nur das Bad überflutet, sondern auch gerettet, wenn das Kind ausrutscht.

Aber über 42.000 Kinder, im Durchschnittsalter von 12 Jahren, leben in Österreich in einer verkehrten Welt. Es ist unerträglich, wenn Kinder ihre Eltern duschen und baden, ihnen aufs Klo helfen, sie anziehen, kochen oder Essen geben müssen. Hier überschreiten wir die Verantwortungsmöglichkeit von Kindern. Darum ist die Politik gefordert, die Familienförderung auszubauen! Pflegende Menschen müssen durch diplomierte Krankenschwestern, Pfleger, Tagesstrukturen und persönliche Assistenz unterstützt werden. Kinder müssen Kinder bleiben können!

Ein anderes Beispiel: Michaela bekommt zum Mittagessen Brei, obwohl ihre Zähne mit 32 noch vollkommen in Ordnung sind. Den ganzen Tag läuft der Fernseher, obwohl sie lieber in einem Popkonzert wäre. Um 22 Uhr heißt es: Licht aus. Nein, Michaela hat nichts verbrochen, sie empfindet aber ihre Wohnumgebung als Gefängnis. Es ist ein Altersheim. Jetzt fragen Sie sich wahrscheinlich, was eine 32-jährige im Altersheim zu suchen hat? Ich frage mich das auch. Nur weil jemand querschnittsgelähmt ist, kann man ihm oder ihr nicht die Lebensperspektiven rauben. Michaela ist kein Einzelfall. Es gibt in Österreich schätzungsweise rund 1000 junge Menschen, die aufgrund mangelnder Pflegeeinrichtungen in Altersheimen leben müssen. Auch wenn wir die Kirche im Dorf lassen wollen, brauchen wir nicht mehr solche Hundszustände. Lieber Rudi, setzt di mitn Michi, Erwin, Hansi, Franzl, Gerri, Gabi, Seppi, Günther und Markus zom und, bitte, duats wos!!!

Und die siebente Wohrheit, die in einer Aschermittwochsrede nicht fehlen darf: Wir brauchen mehr Rollmöpse.

Sie wissen ja, was ein Rollmops ist? Nein, ich meinen keinen in Essig und Salz eingelegten, zusammengerollten Heringslappen mit Kraut und Zahnstocher. Ich meine die Rollmöpse, wie ich sie am Flughafen Berlin kennengelernt habe. Die Flughafen-AssistentInnen dort heißen Rollmöpse und ihr Motto lautet: Geht nicht, gibt’s nicht!

In diesem Sinn lade ich Sie ein: Erkennen wir unseren inneren Rollmops und helfen wir auch mal anderen über Barrieren. Dann geht vieles leichter und besser. Man muss ja nicht alles gleich immer an andere delegieren.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Im heurigen Superwahljahr werden Sie mit vielen Wohrheiten konfrontiert werden. Die Niederösterreicher werden einen eigenen Bundespräsidenten bekommen. Die Wähler in Kärnten werden kräftig ver-scheucht werden. Die Salzburger erhalten zusätzlich zum Mönchsberg einen Schuldenberg. Die Österreicher bekommen mehr oder weniger die alte Regierung neu. An der Spitze mit Bundeskanzler Strache? Dass ich nicht lache!

Hauptsache es ist Verlass auf die grüne Eva, 100 Prozent Bio, da ziehts sogar dem Holzwurm die Schuhe aus.

Aber das werden wir schon alles aushalten. Mit ein bisschen Politik, die anders tickt. Und die andere Wohrheiten sagt, als die, die man in Wahlkampfzeiten gerne hört. Darum sind wir hier. Und dafür sage ich: danke.

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Ah, ich habe noch etwas vergessen! Das Bundesheer!

Beim Bundesheer heißt es: „Alles grüßen, was sich bewegt, alles putzen, was sich nicht bewegt“. Ich wurde für untauglich erklärt, da man mich nach dieser Philosophie ständig geputzt hätte. Wissen Sie, was mich beim Bundesheer wirklich ärgert? Sie haben mich als untauglich eingestuft. Also wenn das keine Diskriminierung ist. Das bisschen Elektrorollstuhl, das bisschen Beatmungsgerät, das bisschen die Hände nicht bewegen können? Ich meine, wenn ich Abgeordneter sein kann, kann ich doch wohl auch im Büro einer Kaserne arbeiten. Ich habe auch durchaus Ideen, für die Reform des Bundesheeres: statt Klos putzen, und Pistolen reinigen, Rampen bauen. Was glauben Sie wie schnell Österreich barrierefrei wäre!

 

 

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