Die vierte Wohrheit: Auch Menschen, die beatmet werden, können daheim leben – wenn man sie lässt. Ein Herr sprach mich kürzlich in der U-Bahn an und meinte: „Bui, ein ganzes Krankenhaus in der U-Bahn. Das ist ja spannend!“ Er betrachtete neugierig meine Geräte und Schläuche und ließ sich von der Assistentin alles genauestens erklären. Da hat plötzlich eine ältere Frau ihren Zeigefinger erhoben und auf mich gezeigt: „Sind Sie das?“ Ich sagte: „Ja, wahrscheinlich schon. Aber wer genau?“ Die Frau: „Dieser Abgeordnete, der durchgesetzt hat, dass persönliche Assistentinnen Pflegeleistungen durchführen dürfen. Das ist kriminell!“ Ich: „Sind Sie von der Gewerkschaft der Krankenschwestern?“ Die Dame nickte und wandte sich an die Assistentin: „Sie wissen, dass sie mit Ihrer Tätigkeit für diesen Herren mit einem Fuß im Gefängnis stehen!“ Ich: „Wollen Sie jetzt den Job übernehmen? Man müsste meine Kanüle eh gleich absaugen?“ Da war sie plötzlich zwischen den Fahrgästen verschwunden. In Österreich gibt es 1.500 beatmete Menschen, 500 davon haben ein Heimbeatmungsgerät und leben zu Hause. Dank des technischen Fortschritts ist dies heute möglich. Die Pflegegewerkschaft war immer dagegen, dass persönliche Assistenten Pflegetätigkeiten durchführen dürfen. Sie haben 2008 mit Totenscheinen und Särgen vor dem Parlament demonstriert. Wer denn nicht alles sterben wird, wenn Assistentinnen die Atemkanüle absaugen dürfen. Ich kann verstehen, dass die Krankenschwester neulich in der U-Bahn schockiert war, da ich noch immer lebe. Aber es sollten noch mehr beatmete Menschen zu Hause leben können. Dazu braucht es bessere Unterstützung und Einschulung der pflegenden Angehörigen, einen leichteren Übergang vom Krankenhaus nach Hause. Die Möglichkeit, dass Kinder mit einem Beatmungsgerät den Kindergarten und die Schule besuchen können, muss gegeben sein. Und es braucht eben die persönliche Assistenz bundesweit einheitlich. Damit wir gepflegt durchatmen können, wo wir wollen.