Atemschaukel. Vom Christkind (ich weiß, es war meine Frau :-))habe ich zu Weihnachten das Hörbuch „Atemschaukel“ von Herta Müller geschenkt bekommen. Jeden Abend liege ich im Bett und höre die bedrückende Geschichte aus einem NS-Arbeitslager in Rumänien. Der Protagonist erzählt von den Kleinigkeiten des Lebens, die plötzlich ganz groß werden: Zement, der sich verflüchtigt, der täglichen Scheibe Brot als Essensration, dem essbaren Unkraut am Wegrand, dem Geschmack des Sandes…
Meine Erfahrungen kann man natürlich nicht vergleichen. Aber auch bei mir werden oft die kleinen Dinge zu Wichtigkeiten. Wenn ich irgendwo stehe oder liege betrachte ich oft lange Zeit eine Wand, die Fliesen oder schmutzige Fensterscheiben. Man beginnt automatisch Muster heraus zu lesen oder die Gegenstände auf Systematik hin zu überprüfen. So weiß ich beispielsweise, dass bei uns in der Dusche an der hinteren Wand 5 x 8 Fliesenreihen sind, der Schrank in unserem Schlafzimmer hat 6 Türen, im Haus meiner Eltern führen 15 Stufen in den ersten Stock… Als Kind war ich oft im Rehabilitationszentrum Tobelbad und musste oft lange auf der Toilette sitzen bleiben und auf die Schwester warten. Dabei betrachtete ich ein Schild an der Klotüre. Ich wusste als 9-Jähriger noch nicht genau, was die Aufschrift zu bedeuten hat. Aber ich kann sie noch heute zitieren: „Die biologische Kläranlage baut Kunststoffartikel nicht ab. Werfen Sie daher keine Handschuhe, Katheter und u. Ä. in das WC. Danke!“

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