Eine wahre Weihnachtsgeschichte.

Seit 13 Jahren feiert Franz- Joseph Huainigg zu Weihnachten seinen zweiten Geburtstag. Warum und welche Rolle dabei das Gebet und der Kardinal spielen, erzählt er uns in diesem Weihnachtskommentar:

Weihnachten 2006. Alle Jahre wieder hatte sich die Familie
unter dem Christbaum versammelt. Es war wie immer und doch ganz anders. Mein
Schwiegervater brachte es in den persönlichen Worten nach der
Weihnachtsgeschichte auf den Punkt: „Dass wir alle hier sind ist ein
Weihnachtswunder“. Meine Frau Judit hielt mir die Hand. Wochenlang hatte sie um
mein Leben gezittert, als ich im Tiefschlaf im Krankenhaus am Rosenhügel lag.
Täglich hatte sie mich zwei Mal besucht, immer wieder auch mit unserer Tochter
Katharina, hatte mit mir geredet, mir vertraute CDs vorgespielt, Briefe
vorgelesen, aufmunternde Worte zugeflüstert. Gemeinsam führten wir den Kampf
ums Überleben, ich in meinen Träumen, sie am Bett sitzend, mich streichelnd.

Mein Leben stand an der Kippe. Es war völlig unklar, ob ich jemals wieder erwachen würde und vor allem in welchem Zustand.
Judit war mein Strohhalm weg vom Krankenhaus, zurück ins Leben und zur Familie. Jetzt zu Weihnachten war es Wirklichkeit geworden. Ich feierte mit allen zusammen, zu Hause. Das Lammkotelett, welches meine Schwiegermutter immer so köstlich zubereitete hat, durfte ich nur in einem Netz kauen, aber nicht schlucken. Das wäre zu gefährlich gewesen. Alle am Tisch aßen die köstliche Speise, ich war froh, jetzt nach vier Monaten wieder zuhause sein zu können. Die Weihnachtslieder konnte ich nur ganz leise und abgehakt mitsingen, da ich erst mit dem Beatmungsgerät, das mich fortan Tag und Nacht begleiten sollte, leben und reden lernen musste. Aber ich war wieder da, zurück im Leben, es war der Beginn meines zweiten Lebens, wir feierten erstmals nicht nur Weihnachten, sondern für mich war es auch wie ein zweiter Geburtstag.

Dass Judit und ich uns kennen gelernt hatten, mag Zufall,
Bestimmung oder Gottesfügung gewesen sein. Am ehesten glaube ich an Letzteres,
da ich als Jugendlicher jeden Abend vor dem Einschlafen zu Gott betete: „Bitte
lass mich die Frau kennen lernen, die zu mir passt“. Ich lebte im Glauben, dass
es auf dieser großen Welt zumindest eine Frau geben muss, die für mich vorbestimmt
war. Und wenn es eine war, dann Judit. Das wusste ich bereits bei der ersten
Begegnung. Es war Liebe auf den ersten Blick. Judit sagt, bei ihr war es Liebe
auf den zweiten Blick.

Als wir uns kennen lernten, war ich mobil mit Krücken
unterwegs, fuhr selbst mit dem Auto, arbeitete im Bildungsministerium und wir
hatten eine schöne Zeit mit vielen Reisen und Träumen. Im Laufe der Jahre
verschlechterte sich leider mein Gesundheitszustand. Die Lähmung stieg hoch und
ich konnte meine Arme nicht mehr bewegen. Fortan war ich im Rollstuhl unterwegs
und diktierte einer persönlichen Assistentin die Texte am Computer, die ich
zuvor noch selbst schreiben konnte.

2006 stieg die Lähmung abermals und ich konnte nicht mehr
alleine atmen. Nach dem 3- wöchigen künstlichen Tiefschlaf erwachte ich mit
einem Schlauch im Hals. Eine Maschine gab mir regelmäßige Luftstöße. Konnte ich
ihr vertrauen? Diese Abhängigkeit machte mir zu schaffen. Und wie sollte ich mit
der Kanüle im Hals reden können? Jedenfalls war ich am Leben, Judit lachte
glücklich am Krankenbett sitzend und ich nahm dies als Auftrag, ein zweites
Leben zu beginnen und wollte so schnell wie möglich nach Hause. Doch die Ärzte
winkten ab. Den Kampf gegen die Bakterien und Viren sowie die Entzündungsherde
hatte ich noch nicht ausgekämpft. Ich verzweifelte von Tag zu Tag immer mehr.

Doch eines Nachmittags ich war schon drei Monate im Spital,
herrschte große Aufregung auf der Lungenstation im Otto Wagner Spital. Kardinal
Schönborn war gekommen, um das neue Schlaflabor einzuweihen. Zufällig traf ihn
Judit am Gang und er kam dann tatsächlich an mein Krankenbett. Meine Worte
waren unklar und schwer verständlich, so übersetzte Judit: „Wir sehen uns bei
der Messe am heiligen Abend wieder“. 
Judit blickte fragend zur Oberärztin. Diese lächelte und nickte mit dem
Kopf: „Das könnte sich ausgehen“. Der Kardinal lächelte: “Ich bete für dich und
wir sehen uns am heiligen Abend in der Messe der Caritasgemeinde, so wie jedes
Jahr.“  Es ist sich ausgegangen, zwei
Tage vor dem hl. Abend wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. 

Wir machten uns bereit, in die Mitternachtsmette zu fahren. Ich
wurde dick eingepackt, Judit kontrollierte, ob der Ambubeutel, das mechanische
Absauggerät, Absaugkatheder und eine Notfallkanüle auch wirklich im Rucksack
eingepackt waren. Es war nach vier Monaten mein allererster „Ausflug“. Judit
war mutig, denn ab sofort gab es keinen Notfallknopf, um eine Krankenschwester
oder eine Ärztin zu rufen. Sie war eingeschult, aber den Alltag mussten wir erst
in der Praxis bewältigen.

Jedes Jahr zelebrierte Kardinal Schönborn mit Tomas Kaupeny, dem Pfarrer der Caritasgemeinde, gemeinsam die Mitternachtsmette. In der Kirche war alles für uns penibel vorsondiert und vorbereitet worden. Es gab eine Steckdose, da ich Strom für die Erwärmung und Befeuchtung meiner Beatmung benötigte. Und sogar für Notfälle hatte die Kirchengemeinde mit einem Nebenraum vorgesorgt. Es war eine wunderschöne Messe, für mich auch noch die Rückkehr ins Leben, ein Weihnachtswunder.

Dieser Tage hatte Kardinal Schönborn einen Lungeninfarkt und
befindet sich in Genesung. Jetzt bin ich es, der in Gedanken bei ihm ist.

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