Die Ethikkommission wird kommende Woche die Einführung der PID empfehlen. Lesen Sie dazu meinen Kommentar in der aktuellen Ausgabe des Falters:
Du sollst nicht selektieren!
Tötung behinderter Embryos, Vermietung der Gebärmutter, reger Handel von Eizellen: die Bioethikkommission hat sich verrannt

Wussten Sie, dass bei Verdacht auf eine Behinderung ein Baby über die Dreimonatsfrist bis zur Geburt abgetrieben werden darf? Sollte der Fötus bereits in einem außerhalb des Mutterleibes überlebensfähigem Stadium sein, wird er wie folgt abgetötet: Unter Ultraschallsicht wird der Schwangeren über die Bauchdecke in die Gebärmutter und die Fruchtblase gestochen. Über die Nabelschnurblutgefäße werden dem Fötus zunächst schmerzstillende Medikamente verabreicht, im Anschluss erfolgt die Injektion von Kaliumchlorid in das fetale Herz. Der daraus resultierende Herzstillstand tritt innerhalb weniger Minuten ein.

Der soeben beschriebene Fetozid entstammt keinem Gruselfilm, sondern ist gängige Praxis, um zu verhindern, dass der fertig ausgebildete Fötus nach der Abtreibung außerhalb des Mutterleibes weiterlebt. Die Kaliumchloridspritze wird u.a. auch zum Einschläfern von Haustieren und bei der Vollziehung der Todesstrafe in den USA verwendet. Die Mehrheit der ExpertInnen der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt sieht in dieser Praxis der Spätabtreibungen, die in Österreich in Anlehnung an Zahlen aus Deutschland schätzungsweise 80 Mal pro Jahr durchgeführt werden (in Österreich fehlt jegliche Abtreibungsstatistik), offensichtlich kein ethisch-moralisches Problem. Die Bioethikkommission, die zur Beratung des Bundeskanzlers eingesetzt wurde, wird dieser Tage einen Beschluss zum Fortpflanzungsmedizingesetz fassen, wobei die eugenische Indikation nicht in Frage gestellt wird. Dafür soll, wenn es nach dem Willen der Mehrheit der Kommission geht, durch die Einführung der Präimplantationsdiagnostik (PID) eine weitere Selektionsmöglichkeit gesetzlich geschaffen werden. Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht die vor der Einsetzung in die Gebärmutter genetische Testung eines In-vitro gezeugten Embryos. Nur so genannte „gesunde“ Embryonen werden übertragen. Grundlegend für die PID ist die Bereitschaft zur Selektion. Eine Selektion nach gesund und behindert, nach gut und schlecht, nach wertem und unwertem Leben – aber ist ein behindertes Leben weniger wert? Der überwiegende Teil der Ethikkommission befürwortet die Einführung der PID mit dem Hinweis darauf, dass man damit behinderungsbedingte Spätabtreibungen vermeiden könne. Wenn das das entscheidende Argument sein soll, müssten die BefürworterInnen in der Bioethikkommission im gleichen Atemzug für die Abschaffung der eugenischen Indikation eintreten – was sie aber nicht tun.

Geurteilt wird nicht nach ethisch-moralischen Kriterien, geschweige denn das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt gerückt. Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen werden kaum beleuchtet. So sollen nunmehr auch Alleinerzieherinnen durch Samenspende und gleichgeschlechtliche Paare durch Eizellspende und In-vitro-Fertilisation (IVF) Kinder im Reagenzglas zeugen können. Im ersten Fall sind es bewusst vaterlos gezeugte Kinder. Gesellschaftlich fordern wir hingegen, dass Väter ihre Rolle stärker wahrnehmen müssen. Dieser Widerspruch ist für die Ethikkommission offenbar keiner und auch nicht, dass diese Kinder kaum eine Chance haben werden, ihren leiblichen Vater jemals kennenzulernen,

geschweige denn mit ihm in Kontakt zu sein. Im zweiten Fall wird der Körper der Frau kommerzialisiert. Es besteht bereits ein reger internationaler Handel von Eizellen. Reiche Frauen bekommen Kinder auf Kosten von ärmeren Frauen, die sich durch gesundheitsgefährdende Eizellspenden und Leihmutterschaften ihr Leben finanzieren. Eizellen sind ein weltweit gefragtes Gut für die Forschung. Auch wenn Leihmutterschaften in den neuen Maßnahmen nicht offiziell enthalten sind, wird ihnen doch Tür und Tor geöffnet. In den USA werden für die Miete der Gebärmutter 30.000 Dollar bezahlt, in Indien 5.000 bis 10.000 Dollar, was wenig klingen mag, in Indien allerdings dem Wert eines Hauses entspricht. Wollen wir in Österreich tatsächlich diese körperliche Ausbeutung von Frauen etablieren? Das Zulassen der Eizellspende ist ein erster Schritt dazu, denn damit würde die gespaltene Mutterschaft gutgeheißen.

Natürlich ist der Wunsch nach einem Kind nachvollziehbar, aber es gibt kein Recht auf ein Kind und schon gar nicht auf ein gesundes, schönes und intelligentes. Die grundlegenden gesellschaftspolitischen Fragen am Beginn des Lebens müssen unter der Prämisse der unantastbaren Menschenwürde diskutiert werden. Alle Menschen haben durch ihre Würde denselben Wert, unabhängig von Alter, genetischen Anlagen, Gesundheit, Krankheit oder Behinderung. Es ist menschliches Schicksal, dass nicht jeder und jede biologisch eigene Kinder haben kann. Es gibt jedoch die Möglichkeit, den Kinderwunsch durch Adoption oder die Übernahme eines Pflegekindes zu erfüllen. Gleichzeitig gibt man benachteiligten Kindern damit eine großartige neue Lebensperspektive.

Die Rasterfahndung nach behindertem Leben wird durch die PID ausgeweitet. Schon jetzt kommen kaum noch Kinder mit Trisomie 21 zur Welt. Dabei führen diese Menschen ein meist glückliches und zufriedenes Leben. Das Lebensglück kann nicht durch das Mikroskop gesehen und durch Pipetten erzeugt werden. Die PID als Selektionsverfahren ist ein klarer Verstoß gegen das Recht auf Leben, wie es in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verankert ist, und verstößt gegen Art. 7 der Bundesverfassung, wonach niemand aufgrund einer Behinderung benachteiligt werden darf.

Was ist eine Ethikkommission wert, die mehrheitlich nahezu jeder ethisch umstrittenen Praxis einen Persilschein ausstellt? Wir brauchen eine Ethikkommission, die gegen den ethischen Ausverkauf des Mainstreams ankämpft, die die Kommerzialisierung des Frauenkörpers entschieden ablehnt, die die Verantwortung jener, die Eltern werden wollen, einfordert, die das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellt und die ein positives Bild von einem Leben mit Behinderung vermitteln kann! Österreich wurde anno dazumal belächelt als wir ein fertiggestelltes Kernkraftwerk nicht in Betrieb genommen haben, obwohl uns große Teile der Wissenschaft weismachen wollten wie sicher diese Form der Energieerzeugung ist. Heute erst haben die mutigen Leute von damals Recht bekommen. Wo ist dieser Mut zum Widerstand und zur Aufklärung heute, wenn es um das künstliche Erzeugen von Menschen geht? Nicht alles, was machbar ist, ist ethisch vertretbar und im Sinne des Menschen und seiner Würde!