Es war die erste ÖVP-Klubsitzung und ich war ziemlich nervös, als ich das Mikrophon ergreifen und mich als neuer Abgeordneter vorstellen sollte. Da ich selbst nicht nach dem Mikrophon griff und mich stattdessen etwas hilflos umsah, entstand eine längere Pause. Es war mucksmäuschen still im Saal, alle 79 Abgeordneten erstarrten auf ihren Sesseln und blickten erwartungsvoll auf mich. Doch nichts geschah, bis mein Sitznachbar das Mikrophon ergriff und es mir an den Mund hielt. „Ich bin Franz-Joseph, 37 Jahre, Medienpädagoge, Kinderbuchautor und spiele Kabarett – jetzt auch im Parlament“, sagte ich knapp mit leiser Stimme. Der Saal lachte, die angespannte Atmosphäre war gebrochen. „Und er hat eine entzückende einjährige Tochter!“ ergänzt Elisabeth Gehrer mit breitem Grinsen. Dass ich kein ganz gewöhnlicher Politiker bin, war wohl jedem klar, der mich mit meinen dünnen Beinen und der verkrümmten Wirbelsäule im Parlament auf vier Rädern herumrollen sah. Doch wurde mit verstohlenen Blicken erstaunliches festgestellt: Ich schüttle niemandem die Hand, stehe bei Abstimmungen im Parlament nicht auf, applaudiere nicht wenn Minister oder gar der Kanzler spricht, trinke nur mit einem Strohhalm und rede oft so leise, dass mich niemand versteht. Unsicherheit machte sich anfangs unter den KollegInnen breit. Besonders dass ich aufgrund der gelähmten Arme niemand die Hand schütteln konnte, verwirrte meine Politiker-KollegInnen, für die Händeschütteln natürlich das Ritual schlechthin ist. Bei den ersten Begegnungen streckten sie mir freundschaftlich ihre Hand entgegen, die jedoch jeweils ohne Entgegnung hilflos in der Luft hängen blieb. Peinlich auch für mich. Ich versuchte diese Situationen mit hochgezogenen Augenbraun und besonders freundlichem Lächeln zu überspielen. Die Botschaft kam auch an und bald verwandelten sich die Begrüßungszeremonien in kollegiales Schulterklopfen oder liebevolles Tippen mit zwei Fingern auf meinen Handrücken. Es waren speziell die kleinen Zeichen, die mir zeigten, dass ich im Klub herzlich aufgenommen war. So gab es plötzlich auf meinem Platz Strohhalme. Die Klub-Mitarbeiterin darauf angesprochen, meinte: „Selbstverständlich, ich habe gesehen, dass sie das brauchen.“ Die Jungfernrede im Plenum begann ich, für viele überraschend, nicht mit vielen Worten, sondern mit einer langen Pause. Langsam rollte ich über die steile Rampe Richtung Mikrophon. Neugierige Stille war dort eingekehrt, wo sonst geredet, diskutiert und in der Zeitung geraschelt wird. Das Mikrophon wird abgesenkt. Ich blicke um mich, genieße kurz die volle Aufmerksamkeit des österreichischen Parlamentarismus, dann hole ich tief Luft und frage: „Hören sie mich?“ Kräftiges Kopfnicken und Ja-Rufe aller vier Parlamentsparteien, dann ein Probescherz meinerseits: „Ich habe eine leise Stimme. Die heute aber Gott sei Dank von einem Gebärdendolmetscher verstärkt wird.“ Kurze Pause. Niemand lacht. Schade, denke ich, über Behinderung müssen die erst lachen lernen. Nach einer längeren Ausführung über das Behinderten-Gleichstellungsgesetz gibt es dazu die nächste Gelegenheit. Wieder komme ich auf den Gebärdendolmetscher zu sprechen, der auf meinen Wunsch hin neben mir steht und übersetzt. „Ich beginne heute einen kleinen Gebärdensprachkurs für Abgeordnete“, kündige ich an und beginne mit Vokabeln wie „Ich liebe dich“, „Budgetbegleitgesetz“ oder „Sondierungsgespräche“. Allgemeine Heiterkeit, wird dazu im Parlamentsprotokoll vermerkt. Dann werden Namen wie Fischer, Khol, Prinzhorn und zuletzt Pilz durch plastische Handbewegungen des Dolmetschers dargestellt. Wieder allgemeine Heiterkeit, die ich mit den Worten kommentiere: „Bei der Pilz-Gebärde weiß man natürlich nicht genau, ist es ein Eierschwammerl oder ein Giftpilz“. Zuruf von den Grünen: „Das wissen wir oft selbst nicht.“ Mit dem Worten „Mein Name ist Franz-Joseph – und es hat mich sehr gefreut“ verabschiede ich mich von meiner neuen, politischen Bühne. Während ich begleitet von Lachen und allgemeinem Applaus die Rampe hinaufrolle, denke ich zufrieden: der erste Schritt zur gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache ist getan. Alles begann mit Ärger. Nach der Angelobung lud Klestil zum Empfang in die Hofburg. Gratulation und Glückwünsche wurden an alle Abgeordneten verteilt. Schließlich schreitet der Bundespräsident auch auf mich zu, beugt sich tief zu mir herab, umschließt fürsorglich mit beiden Händen meine rechte Hand und meint: „Ich wünsche ein frohes Weihnachtsfest – wenn es überhaupt geht.“ Warum soll das nicht gehen, denk ich mir, nur.weil man im Rollstuhl sitzt? Bevor ich etwas entgegnen kann, ist der Bundespräsident schon wieder entschwunden. Zurück bleibt Ärger über das präsidiale Mitleid, auf das ich gerne verzichtet hätte. Weihnachten begann jedoch mit einem unerwarteten Gesundheitseinbruch. Von einem Tag auf den anderen war mein Körper plötzlich völlig gelähmt. Ich konnte meine Arme nicht mehr bewegen, mit denen ich zuvor noch schrieb, trinken oder essen konnte, am Computer tippte oder Auto fuhr. Auch meine Stimme versagte, die Atmung ging schlecht und Schlucken fiel mir schwer. Schließlich landete ich auf der Neurologie des AHK und im Bett neben mir lag ein alter Mann im Sterben – wie ich erfuhr schon seit Wochen im Todeskampf, die Angehörigen hatten sich schon mehrfach von ih m verabschiedet, doch die Medizin fand immer wieder neue Wege, den Todeseintritt hinauszuschieben. Bei mir wurde eine Entzündung des Rückenmarks in der Halswirbelsäule diagnostiziert. Während das Cortison von der Infusionsflasche in meine Adern träufelte, revidierte ich meine Meinung über Klestil. Aus ihm dürfte doch große präsidiale Weisheit gesprochen haben. In der Nacht vor meiner Entlassung starb der alte Mann und ich beschloss, mich für das Hospizwesen einzusetzen. „Wie geht’s?“ werde ich von meinen KollegInnen sehr oft gefragt. Die Antwort fällt zunehmend schwerer. Früher sagte ich offen und ehrlich einfach: „Danke, es rollt wunderbar!“ und verdeutlichte damit, dass das Leben im Rollstuhl schön sein kann. Meine neuen KollegInnen bekamen von mir aber immer nur „Danke, leider nicht so gut“ oder „So lala“ zu hören. Die Reaktionen sind dem entsprechend: „Ich finde dich bewundernswert“, „Schön dass es dich gibt, du bist unser Schutzengel“ oder „Dass du dir das antust“. Klarstellungen meinerseits sind dringend gefordert. Doch zu verdeutlichen, dass man zwar unter einer Krankheit leidet, nicht aber an der Behinderung, ist ein schwieriges und bislang ungelöstes Problem. Aktuelle Parlamentserlebnisse werfen für mich neue Fragen auf. Im Wirtschaftsausschuss meldete ich mich zu Wort, jedoch die Stimme versagte kläglich. Im Verfassungsausschuss brachte ich einen Antrag ein und musste diesen ad hoc und auf der Stelle unterschreiben. Verzweifelt sah ich mich nach meiner parlamentarischen Mitarbeiterin um, die mir den Kugelschreiber irgendwie zwischen die Finger klemmte, sodass ich ein paar Striche auf dem Papier hinterlassen konnte. Telefonieren, lange Reden schwingen oder heftig Argumentieren fällt zunehmend schwerer. Kann man da noch Politiker sein? Andererseits: Wer würde dem weltberühmten Wissenschafter Steven Hawking die Fähigkeit absprechen, seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Universität nach zu kommen. Hawking kann nicht reden und von seinem Körper kann er nur einen Finger aktiv bewegen. Damit steuert er seinen Computer, mit dem er schreibt und der anderen seine selbst verfassten Reden laut vorträgt. Möglicherweise ein Zukunftsszenario für das österreichische Parlament. Doch man wird sich auch daran gewöhnen, wie es wohl vor einem halbem Jahr noch undenkbar erschien, dass eine Assistentin einem Abgeordneten bei der Abstimmung die Hand hoch hält. Noch macht Politik für mich Sinn. Ich werde ernst genommen und konnte bei der Beschlussfassung des Berufsausbildungsgesetzes oder bei der Verankerung des Gleichstellungsgesetzes im Koalitionsübereinkommen wichtige Akzente setzen. Und es war nicht zuletzt Wolfgang Schüssel, der Letzteres im Klub lobte und mir aufmunternd zurief: „Franz-Joseph, bleib uns auf den Fersen!“. Na klar doch. Es gibt noch viel zu tun!

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