In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Furche, ist mein Essay über die UN Konferenz in New York, meine Reise und meine Gedanken dazu nachzulesen. Hier der „Mastercut“ in Originallänge. Danke an Linda Exenberger und Evelyn Pammer für die Mitarbeit.

Nur gemeinsam können wir Großes bauen

Franz-Joseph Huainigg suchte am UN Gipfel in New York neue Wege, die die Welt verändern sollen. 

In New York wischt mir meine Assistentin Nathalie die Schweißperlen von der Stirn. Geschafft! Eine Flugreise nach New York ist keine Alltagsgeschichte, wenn man auf einen Elektrotollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen ist. Schon gar nicht, wenn es frühmorgens ein böses Erwachen gibt, da man vergessen hat den Akku des Beatmungsgerätes aufzuladen. Nach zwölfstündigem Zittern, ob die Batterie reicht, steckt mein Gerät jetzt endlich wieder am Stromnetz. Das war aber nicht die einzige Aufregung während der Reise. Am Ende des Fluges blieb mir plötzlich ganz die Luft weg: Beim Ausstieg hatte sich mein Beatmungsschlauch verstopft. Panik bei den Flugbegleiterinnen. Der Flugkapitän flüsterte nervös: „Ein Notarzt muss her. Wenn etwas passiert, dann liegt das in meiner Verantwortung!“ Ruhig, bedacht und professionell handelten meine drei Assistentinnen. Linda wechselte den Atemschlauch, Evelyn sicherte die Beatmungsmaschine und hielt meinen Kopf, während Nathalie sich mit dem Ambubeutel um meine Luftversorgung kümmerte. Aufatmen und Dankbarkeit für meine persönlichen Assistentinnen, die mir ein selbstbestimmtes Leben und das Reisen in andere Länder ermöglichen. Die Pioniere des Systems der persönlichen Assistenz waren beatmete Menschen aus Amerika, die nicht länger nur im Krankenhaus liegen wollten, sondern das Recht forderten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, so wie ich.

 

Der öffentliche Bus, mit dem wir vom Flughafen ins Hotel fahren hat eine Rampe. Heute ist das sogar in Österreich eine Selbstverständlichkeit. Vor 15 Jahren, als ich das erste Mal in New York war, bestaunte ich mit großen Augen, wie sich die Stufen zum Bus elektrisch in einen Hublift für Rollstuhlfahrer verwandelten. Während wir in den nächsten Tagen mit dem Bus durch die Stadt fahren, beobachten wir, dass auch ältere, mobilitätseingeschränkte Menschen mit ihrem Rollator und Eltern mit Kinderwägen den Hublift benutzten. Barrierefreiheit hilft allen! Das bestätigt mir auch meine erste Gesprächspartnerin Daniela Bas, eine Sozialexpertin der Vereinten Nationen (UN), die selbst im Rollstuhl sitzt:„Menschenrechte sind wichtig, aber nur wenn sie kein totes Recht sind. Wir müssen sie mit Leben erfüllen und dazu braucht es die richtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.“ Wir unterhalten uns intensiv über die neuen Weltziele (Sustainable Development Goals, SDGs), welche beim UN-Gipfel in New York beschlossen werden sollen. Bei den Millennium Entwicklungszielen (MDGs), welche im Zeitraum von 2000 bis zum Jahr 2015 die gültigen Weltziele waren, fanden Menschen mit Behinderungen keine Beachtung. Ein Fehler, wie sich erwies. 15 Prozent aller Menschen weltweit haben eine Behinderung und 80 Prozent davon leben in Ländern des globalen Südens. Mehr als 90 Prozent der Kinder mit Behinderungen, welche in Armutsgebieten leben, haben keinen Zugang zu Bildung. Behinderung und Armut bedingen einander gegenseitig. Wer Hunger und Armut aus der Welt schaffen möchte, wie es die neuen Weltziele vorsehen, muss Menschen mit Behinderungen mitdenken. Vor allem in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt und Chancengleichheit gilt das Motto der SDGs: „Niemand darf zurückgelassen werden.“

 

Armut und Hunger wurde in den letzten 15 Jahren halbiert

Kann die Welt positiv verändert werden? Am Beginn zur Jahrtausendwende wurde mit den MDGs dazu ein weltweiter Versuch gestartet. Die UN verbucht Erfolge im gemeinsamen Bestreben aller Länder: Die absolute Armut konnte halbiert werden, es sterben um mehr als die Hälfte weniger Kinder und über 6,2 Mio. Malaria-Tode konnten seit dem Jahr 2000 verhindert werden. Lässt sich diese Erfolgsbilanz so fortschreiben? Viele sehen das kritisch. Denn die Erfolge der MDGs waren nicht alleiniger Erfolg der Entwicklungszusammenarbeit, sondern basieren vor allem auf dem Wirtschaftswachstum von Schwellenländern wie Indien, China und einigen afrikanischen Ländern.

 

Wir erleben New York, betrachten die Entwicklung der Stadt und denken dabei auch an die globalen Veränderungen. Die Diskussionen rund um den Klimawandel zeigen sogar hier in Amerika ihre Auswirkungen: Weg vom Auto, hin zum Fahrrad. Der ehemalige Bürgermeister Michael Bloomberg hat in den vergangenen Jahren 500 Kilometer neue Fahrradwege anlegen lassen – New York City kommt mittlerweile auf mehr als 1200 Kilometer Fahrradwege. Fahrradfahren boomt. Aufgrund des Klimawandels und des damit verbundenen Anstiegs des Meeresspiegels, wird wohl auch die Freiheitsstatue bald nasse Füße bekommen. An der Küste New Yorks wird nach Expertenmeinung das Wasser innerhalb des nächsten Jahrhunderts zwischen anderthalb und zwei Meter steigen. Gleichzeitig sollen mit der Klimaerwärmung auch die Stürme zunehmen. Einen ersten Vorgeschmack darauf gab es schon 2012 mit dem Hurrican Sandy, wobei allen klar wurde, der Klimawandel ist real.

 

Die Erderwärmung hat weltweit zu einer steigenden Anzahl von Naturkatastrophen geführt, unter welchen besonders Entwicklungsländer mit verletzlichen Strukturen leiden. Dies hat wiederrum andere weitreichende Folgen, wie wir sie jetzt gerade in Europa durch die Flüchtlingswelle spüren. So führte beispielweise die Dürrekatastrophe von 2006 bis 2010 in Syrien zu einem Zusammenbruch der Landwirtschaft, einer Verarmung der Landbevölkerung und zu massiver Landflucht. Die Konkurrenz um Nahrung, Unterkunft und Arbeit in den Städten, die Untätigkeit der Regierung und der IS-Terror waren der Nährboden für den heutigen blutigen Bürgerkrieg.

 

New York war schon immer durch seine Lage am Atlantischen Ozean und den Wasserweg des Hudson Rivers ins Inland der Anlaufpunkt für Einwanderer aus der ganzen Welt. Die Stadt ist bekannt für seine kulturelle Vielfalt:  35% aller New Yorker sind europäischer Abstammung. Ungefähr jeweils ein Viertel ist afro-amerikanisch bzw. latein-amerikanisch und 10% stammen aus dem asiatischen Raum. „We New-Yorkers are open-minded people, we welcome everyone!“, ruft mit euphorisch schriller Stimme die ambitionierte Reiseleiterin am Touristenboot zur Freiheitsstatue. Das Zusammenleben ist aber freilich keine heile Welt. Probleme gibt es etwa beim Bildungssystem oder auch der Ghettoisierung von Migranten in einzelnen Stadtgebieten, wie China-Town, Little Odessa oder Little-Italy.

 

Neue Herausforderungen – neue Politik

 

Bisher wurden Herausforderungen wie Hunger, Armut, Bildung, Wirtschaft oder Umweltprobleme als getrennt voneinander behandelt und gedacht. Aber jetzt ist allen klar: Veränderungen können in der heutigen globalisierten Welt nur durch einen vernetzten Ansatz gelöst werden. Der neue Ansatz der SDGs ist die Verbindung von sozialen, ökologischen und ökonomischen Dimensionen. „Entwicklungshilfe war gestern. Bei den SDGs muss sich jeder Staat entwickeln“, sagt uns Thomas Gass, Assistent des Generalsekretariats der UN. Die SDGs sind universell. Das heißt, dass diese Ziele für alle Staaten gelten. Denn nicht nur in den Ländern des globalen Südens gibt es Armuts- und Hungerprobleme, sondern auch in den Industrieländern. In New York erlebt man den Kontrast zwischen Arm und Reich hautnah. Wir spazieren am Broadway, der einen mit Leuchtreklamen der glitzernden Modewelt fast erschlägt, biegen um die Ecke und treffen in einer Seitenstraße auf einen Obdachlosen, der sich in Kartons seinen Schlafplatz gesucht hat. Jedes fünfte Kind in New York hat nicht genug zu essen. Das sind knapp 500.000 Kinder. Armut betrifft alle Länder.

 

Am UN Gipfel wurden die 17 Weltziele mit den 169 Unterzielen von über 160 Regierungschefs aus aller Welt beschlossen. Ein ehrwürdiger und berührender Moment. Diese Ziele sollen in den nächsten 15 Jahren die Welt verbessern. Zur Messung des Erfolgs werden bis März entsprechende Indikatoren entwickelt. „Können Armut und Hunger gänzlich aus der Welt verbannt werden?“ frage ich mich während ich auf den Straßen von Manhattan rolle. Blickt man zu den gigantischen Wolkenkratzern hoch, kommt man sich klein und unbedeutend vor. Doch auch diese Häuser wurden von einzelnen Menschen gemeinsam erbaut. Es kommt auf jeden Einzelnen an. Gemeinsam können wir die Welt verändern. Packen wirs an!

 

 

 

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