Den ersten Mobilitätsschub meines Lebens erfuhr ich bald nach jener Dreifachimpfung nach der meine Beine gelähmt waren. Therapeuten kneteten, drehten und zerrten an meinen Gliedern und meinten zu meinen Eltern, dass dies notwendig sei um mich zu mobilisieren. Natürlich wurde meinen Eltern von dieser fachlichen Seite auferlegt dies zuhause ebenfalls zu machen. Und so wurde mir täglich ein ordentliches Übungsprogramm auferlegt, das mir furchtbar auf die Nerven ging. Und ganz tief im Unterbewusstsein entstand der erste Groll gegen diese mobile, schnelle Welt, in der man als behinderter Mensch gezwungen ist mitzuhalten. Während meines ganzen Studiums hüpfte ich mit zwei Krücken durch die Universität Klagenfurt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits zu meinen eigenen, individuellen Lebenstempo gefunden, das bedeutend langsamer als jenes der anderen war. Die damals relativ neu gebaute Universität war eher klein und bestand aus einem Campus, also ideal für behinderte Menschen. Trotzdem waren die Wege vom behindertengerechten Nebeneingang bis zum Germanistikinstitut und dann weiter ins Vorstufengebäude, wo sich das Institut für Medienpädagogik befand, für mich sehr lange und körperlich erschöpfend. Studieren in Wien wäre jedoch wesentlich schwieriger gewesen, da die verschiedenen Institute über die Stadt verteilt sind und sich meistens in alten, schwer zugänglichen Gebäuden befinden. Als ich gegen Ende des Studiums einen Rollstuhl bekam und damit das erste Mal durch die Universität rollte, tat ich dies mit einem breiten Grinser im Gesicht. So leicht und schnell kam ich voran, ich konnte es kaum glauben und bereute es ein wenig, dass ich nicht schon früher auf diese glorreiche Idee der Fortbewegung gekommen bin. Meine Freude wurde jedoch von allen, die ich auf dieser ersten Fahrt begegnete, nicht geteilt. Im Gegenteil: Alle waren darüber entsetzt, dass ich plötzlich im Rollstuhl saß und fragten mich „Was ist dir passiert?“, „Geht es dir jetzt so schlecht, dass du im Rollstuhl sitzen musst?“. Es bedurfte einiger Anstrengungen meinerseits den StudienkollegInnen und ProfessorInnen zu erklären, dass ein Rollstuhl eine tolle Sache ist. Man kommt schnell voran, ist mobiler – und bequem sitzen tut man darin obendrein. Der Rollstuhl wird jedoch von den meisten als das Zeichen für Behinderung gesehen, wer darin sitzt ist gleich „an den Rollstuhl gefesselt“ und die Lebensqualität wird gleich einmal in Frage gestellt. Doch die Lebensrealität behinderter Menschen sieht anders aus: Man ist nicht behindert, man wird es! Denn es ist nicht das Problem im Rollstuhl zu sitzen, das Problem ist vielmehr, dass man ständig auf Stufen, zu enge Türen und nicht zugängliche Toiletten etc. stößt. Es zählt zur Lebenserfahrung eines jeden Rollstuhlfahrers, dass er mit übervoller Blase vor einem WC steht, in das er nicht kommt weil etwa die Tür wegen des Waschbeckens nicht ganz aufgeht. Behindertengerechtes Bauen heißt auch menschengerechtes Bauen, denn wer Rampen statt Stufen und Lifte statt Treppen baut, ermöglicht auch Eltern mit Kinderwägen und älteren Menschen einen leichteren Zugang. Gebäude und öffentliche Verkehrsmittel, die gleich barrierefrei errichtet worden sind haben auch kaum Mehrkosten verursacht. Nur nachträgliche Adaptierungen sind teuer. So wurde in Wien die U-Bahn nachträglich mit Liften ausgestattet, was kostenintensiv aber auch gesellschaftspolitisch dringend notwendig war. Beim U-Bahn-Bau wurde absichtlich auf behindertengerechte Zugänglichkeit verzichtet, Rollstuhlfahrer war es auch feuerpolizeilich untersagt die U-Bahn zu benutzen. Ein Zustand der durch die steigende Mobilität behinderter Menschen und durch die demographische Entwicklung der Bevölkerung nicht mehr aufrecht zu halten war. Behinderte Menschen sind durch die schulische und berufliche Integration sowie die immer besser werdenden Hilfsmittel mobiler und damit unabhängiger geworden. Barrierefreies Bauen ist leider noch immer keine Selbstverständlichkeit. So sind die Ausführungsgesetze durchwegs Ländersache und zumeist wird die bestehende Ö-Norm nur als Kann- und nicht als Mussbestimmung vorgeschrieben. Mit dem Effekt, dass Architekten noch immer ihren Traum vom stufenreichen Eingang … verwirklichen. Wichtig wäre in diesem Zusammenhang einerseits eine Vereinheitlichung der Bauordnungen und andererseits eine verpflichtende Vorlesung für ArchitekturstudentInnen. Es würde den ArchitekturstudentInnen und natürlich auch allen anderen Menschen gut tun, sich einmal in den Rollstuhl zu setzten und sich auf eine kleine abenteuerliche Reise auf vier Rädern durch die Stadt zu begeben. Auch der öffentliche Raum müsste durch die sukzessive Beseitigung von Gehsteigkanten und behindertengerechten Verkehrsmitteln für RollstuhlfahrerInnen zugänglich gemacht werden. Blinde Menschen benötigen unter anderem Blindenleitsysteme (wie es sie in der Wiener U-Bahn bereits teilweise gibt) sowie akustische Ampeln und Lifttasten in Blindenschrift. Was in anderen Ländern bereits selbstverständlich ist, stößt bei uns noch immer auf seltsame Widerstände, und sei es nur, dass der Blindenhund nicht mit ins Museum darf. Die Mobilität behinderter Menschen ist schon so groß geworden, dass es ihnen nicht mehr reicht, sich in ihrer Ortsumgebung zu bewegen, nein sie verlassen jetzt auch schon in der Bahn oder im Flugzeug Österreich. Wer als RollstuhlfahrerIn einmal beispielsweise nach Amerika kommt, bleibt angesichts der zahllosen Rampen und Rollstuhllifte vor Erstaunen der Mund offen. Behindertengerechtes Bauen ist dort nicht die seltene Ausnahme sondern die selbstverständliche Regel. Auch was mir einst unvorstellbar schien, nämlich wie man Busse barrierefrei berollen kann, lernte ich in New York und auch in Barcelona kennen. Dort wurde jeder Bus mit einem Hublift ausgestattet. Naturgemäß braucht es Zeit bis eine elektrische Rampe ausfährt, der Rollstuhlfahrer in den Bus rollt und dort beim entsprechenden Stellplatz seinen Rollstuhl einparkt und fixiert. Die Leute in den Bussen nahmen diese Zeitverzögerung mit Gelassenheit hin. Während ich vermute, dass in Wien viele nervös auf ihre Uhren blicken würden und dass dem einem oder anderen ein unmutiger Raunzer entfahren würde. Meine erste persönliche Mobilität begann mit der Erlangung des Führerscheins, was sich jedoch als äußerst schwierig erwies. Einerseits gab es in Spittal/Drau kein auf Handbetrieb umgebautes Fahrschulauto, also kauften meine Eltern mir schon vor dem Fahrschulkurs ein adaptiertes Auto. Andererseits bestand ich daraufhin sehr wohl die Führerscheinprüfung, allein mein Auto fiel durch. Denn der technische Prüfer war auch gleichzeitig der technische Fahrzeugprüfer der Landesregierung. Und er befand, dass das Adaptierungssystem meines Autos nicht verkehrstauglich sei. Allerdings wurde mein Adaptierungssystem in den meisten anderen Bundesländern sehr wohl genehmigt. Doch über die Entscheidung des technischen Gutachters fuhr die Eisenbahn drüber und letztendlich resignierten meine Eltern, verkauften das Auto, das wieder zurückgebaut werden musste. Das neue Auto bestand schließlich den behördlichen Elchtest. In der Garage übte ich das alleinige Ein- und Aussteigen, nach der Schule entspannte ich mich oft mit einer kleinen Ausfahrt und genoss es plötzlich mobil zu sein. Das Auto integrierte mich auch in den Kreis meiner SchulkollegInnen. Bisher hatte ich es immer abgelehnt, dass mich meine Eltern am Abend irgendwohin bringen und später wieder abholen, da bevorzugte ich es allein zuhause zu bleiben. Doch jetzt mit dem eigenen Auto war ich mit dabei und stieg als Autobesitzer auch in der Gunst meiner SchulkollegInnen. Meine zweite große Mobilität lernte ich durch das world wide web kennen. Im Internet herumsurfen, von einer Sekunde auf die nächste zwischen Kontinenten zu switchen, stellte für mich eine große Faszination dar. Das Internet unterstützte mich besonders bei der Ausführung meines Berufes. Vieles kann mittels E-Mail kommuniziert werden. Die körperliche Einschränkung und die doch oft schwierige Mobilität kann durch das Internet teilweise kompensiert werden. In der Abteilung Medienpädagogik des Bildungsministeriums initierte und leitete ich das Projekt „Schülerradio 1476“. Durch das große Interesse der Schulen an solchen praxisbezogenen Projekten hatte ich bald mit über zweihundert Schulen in ganz Österreich zu kommunizieren. Eine Kommunikation die ohne Internet wohl sehr schwer möglich wäre. Aber auch Schulen in Wien, die andere gleich einmal besucht hätten, betreute ich telefonisch oder elektronisch. Was zunächst sehr abschreckend klingt bewährte sich jedoch in der Praxis sehr gut und es gelang mir, mich auf die wichtigsten und dadurch auch qualitativ interessantesten Schülerradioprojekte einzulassen, für die ich die SchülerInnen natürlich vor Ort unterstützte. Bei der behindertengerechten Ausstattung der Schulen sieht es leider sehr traurig aus. Und so musste ich immer wieder hinnehmen rumpelnd über zahlreiche Stufen ins nächste oder übernächste Stockwerk gerollt zu werden. Zahlreiche Gebäude werden und wurden aufgrund des Kostenarguments oder – noch schlimmer – wegen des Denkmalschutzes nicht adaptiert. Das dies sehr wohl möglich ist, zeigt das österreichische Parlament, – wenn auch mit Kompromissen verbunden. So wurde beim Eingang Schmerlingplatz eine vorbildliche Rampe und ein behindertengerechter Lift gebaut. Weiters wurden in den letzten Jahren zwei Lifte gebaut, über die nun alle Stockwerke erreichbar sind. Im Plenarsaal führt ein Treppenlift zum Rednerpult, das höhenverstellbar ausgestattet worden ist – kein Nachteil auch für zu klein und zu groß geratene PolitikerInnen. Auch für gehörlose Menschen ist die schriftliche Kommunikation im Internet eine Möglichkeit mit anderen Menschen auf gleicher Ebene und barrierefrei zu kommunizieren. Blinde Menschen stoßen beim Surfen im Internet oft auf Barrieren der neuen Art. So sind viele Websites durch Flashanimationen, Bilder und andere grafische Spielereien von den Blindenleseprogrammen nicht lesbar. Die durchgängige Einhaltung von Accessability-Bestimmungen ist daher sehr wichtig. Auch hier gilt wie beim behindertengerechten Bauen, wer gleich richtig programmiert verursacht keine Mehrkosten. Durch technisch bessere Hilfsmittel und bessere Bildung steigt auch die berufliche Mobilität von behinderten Menschen. Für die Öffnung „neuer Berufsfelder“ wie blinde Richter, gehörlose Lehrer, Journalisten im Rollstuhl etc. muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Die Wahrnehmung wie mobil behinderte Menschen sind und wie wichtig dies für sie ist, wird vor allem durch die Medien vermittelt. Noch immer herrschen dort sehr klischeehafte Bilder vor. Auf der einen Seite der an den Rollstuhl gefesselte Mensch, dessen Leben und Mobiliät nun ein Ende hat. Und auf der anderen Seite die sportlichen Rollstuhlkämpfer mit ihren überdimensionalen Oberkörpern, die so im Leben stehen und mitmachen als ob sie gar nicht behindert wären. Dazwischen spielt sich jedoch die Realität ab und es führt so mancher behinderter Mensch auch mit größeren Mobilitätseinschränkungen ein erfülltes Leben.

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