Im Frühjahr war die Behindertenrechtsberaterin im US-Außenministerium, Judith Heumann, zu Gast bei der Zero Project Conference. Auch ich traf sie und wir führten einen spannenden Austausch. Hier ein Video von ihrem Wienbesuch:

Als Reblick hier ein Interview, das sie mit Doris Helmberger von der Zeitschrift „Furche“ geführt hat:

„Wir lernen durch Vielfalt“

Judith Heumann, Behindertenrechtsberaterin im US-Außenministerium, über inklusive Bildung, ängstliche Republikaner und die Wiener U-Bahn.

Barrieren überwinden – dieses Ziel hat Judith Heumanns Leben geprägt: ob als Kind, das jahrelang aus „feuerpolizeilichen Gründen“ keine öffentliche Schule besuchen durfte, ob als erste New Yorker Lehrerin im Rollstuhl, ob als Aktivistin, als Beraterin der Weltbank oder nun als Sonderberaterin für internationale Behindertenrechte unter Außenminister John Kerry. Vergangene Woche kam die 69-Jährige nach Wien, um an der fünften Konferenz von „Zero Project“ teilzunehmen -einer Initiative der Essl Foundation, die Projekte für eine Welt mit „null Barrieren“ unterstützt und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention fördern will. Heuer stand das Thema „inklusive Bildung“ im Mittelpunkt. DIE FURCHE hat mit Judith Heumann darüber gesprochen.

 

Die Furche: Mrs. Heumann, Sie sind aus Washington nach Wien gekommen. Wie barrierefrei war Ihre Reise?

 

Judith Heumann: Sie war fein. In London hat man meinen Rollstuhl problemlos von einem Flugzeug ins andere verfrachtet. Und hier in Wien ist der öffentliche Verkehr ganz gut ausgebaut. Nur ein paar Dinge sind mir aufgefallen: In den Bussen müssen die Fahrer etwa die Rampe noch manuell ausklappen, in Washington geht das schon elektronisch. Und in den U-Bahn-Stationen sind die Druckknöpfe für den Lift zwar angenehm groß, aber zu weit oben, da komme ich nicht hin. Bei den meisten Garnituren gibt es auch einen Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn. Aber bei den neuen Zügen wird dieser Gap durch eine Platte überbrückt, die mit Getöse herausfährt. Meine Reaktion war: Oh my goodness, look at that! It’s great! Erst kürzlich war ich ja in Äthiopien, um den Behörden technische Ratschläge punkto Barrierefreiheit zu geben. Da ging es auch darum, wie dieser Spalt überwunden werden kann.

 

Die Furche: Nicht nur in den U-Bahnen, auch in den Schulen ist die Barrierefreiheit im internationalen Vergleich höchst unterschiedlich ausgeprägt …

 

Heumann: Natürlich. In Afrika oder Asien können behinderte Kinder meist nicht einmal in die Schule gehen. In den USA oder Österreich geht es hingegen um die Frage, wo der geeignete Platz für diese Kinder ist: in einer Sonderschule oder in der Regelschule. Ich bin davon überzeugt, dass wir einen gemeinsamen, inklusiven Unterricht für alle Kinder brauchen – und dass diese Diskussion auch in Afrika und anderswo relevant ist. Dort stellt sich nämlich die Frage: Sollen die begrenzten Ressourcen in den Bau getrennter Schulen investiert werden – oder in Schulen für alle? Ich rate zu Letzterem.

 

Die Furche: Warum?

 

Heumann: Weil ein gemeinsamer Unterricht die Kinder besser auf eine inklusive Welt vorbereitet und behinderte Kinder – bei entsprechendem Eingehen auf ihre individuellen Bedürfnisse – auch erfolgreicher macht. Wobei diese individuelle Unterstützung für alle Kinder relevant ist. Ich selbst habe in den 1970er-Jahren einige Jahre lang in Brooklyn Volksschulkinder unterrichtet. Da gab es manche mit Sehproblemen, mit Legasthenie, mit Aufmerksamkeitsdefiziten oder emotionalen Schwierigkeiten. Viele kamen auch aus armen Verhältnissen oder aus Migrantenfamilien. Kein Kind hatte eine festgestellte Behinderung, aber viele brauchten Unterstützung. Umso wichtiger ist es, dass Fachleute in die Schulen kommen, die mit diesen Kindern arbeiten.

 

Die Furche: Zumindest an Österreichs Schulen fehlt aber oft dieses Unterstützungspersonal. Entsprechend kritisch sehen manche Eltern das Ziel, bis 2020 Sonderschulen weitgehend aufzulösen – und damit der 2010 ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention zu entsprechen, die ein „inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen“ verlangt. Sie fragen sich: Wo sind an der Regelschule die zusätzlichen Ressourcen?

 

Heumann: Das sind ja auch relevante Überlegungen. Deshalb müssen diese Angebote in den Schulen auch gewährleistet sein – und wenn nicht, sollten die Eltern darauf bestehen. Wobei auch in den Sondereinrichtungen die Standards nicht immer so hoch sind, wie ich weiß. Die Eltern sollten aber auch an den Lernfortschritt ihrer Kinder denken, und der ist in inklusiven Settings einfach größer. Ich habe als Mitarbeiterin des Unterrichtsministeriums während der Clinton-Administration Hunderte Schulen besucht, und die Sonderschulen haben behinderte Kinder nicht annähernd so gut ausbilden können wie die Regelschulen. Natürlich sind manche Kinder nicht in der Lage, den allgemeinen Leistungsanforderungen zu entsprechen, deshalb brauchen wir alternative Lernfortschrittsdokumentationen. Doch diese Herausforderung ist zu lösen.

 

Die Furche: Aber gibt es nicht Kinder, für die ein gemeinsamer Unterricht einfach nicht passt? Etwa Kinder mit Autismusstörung?

 

Heumann: Natürlich passt nicht jedes Setting für alle Kinder. Aber es ist gefährlich, hier spezielle Behinderungen herauszugreifen. Ich selbst hatte im Alter von 18 Monaten Polio, Kinderlähmung. Manche Kinder sterben daran, andere merken erst mit 50 oder 60 Jahren, dass sie betroffen sind. Bei Autismus ist es ähnlich. Von den sogenannten Geeks oder Nerds, die in Firmen wie Microsoft arbeiten, könnte man wohl nicht wenige als autistisch identifizieren. Diese Kinder mögen in der Schule Probleme gehabt haben, aber wenn sie in eine Sonderschule gegangen wären, dann wären sie nie mit Mathematik oder Wissenschaften auf höherem Niveau konfrontiert worden. In guten inklusiven Schulen bekommen solche Kinder – neben der gemeinsamen Zeit in der Klasse – auch spezielle Förderung. Aber das geschieht innerhalb der gemeinsamen Schule.

 

Die Furche: Bleibt die Frage, ob auch die soziale Integration gelingt – oder ob es gar zu Mobbing kommt …

 

Heumann: Kinder können aus vielerlei Gründen zu Außenseitern werden: Weil sie Immigranten sind, weil sie schüchtern sind, weil sie dick oder dünn sind. Umso wichtiger ist das Leadership der Schule bzw. der Lehrer. Sie müssen verhindern, dass Kinder ausgestoßen werden -und für den Umgang mit Diversity insgesamt gut ausgebildet sein. Am Ende des Tages lernen wir aber alle anhand von Vielfalt und Differenz. Kinder, die getrennt beschult werden, sind hingegen nicht vorbereitet auf eine integrative Welt, in der sie etwa als Arbeitskollegen miteinander zu tun haben. Ich selbst habe erlebt, wie schwierig es war, mich nach der Beschulung zu Hause und der Sonderschulklasse in der High School zu integrieren. Das hat mir anfangs Angst gemacht, weil wir nicht ähnlich sozialisiert waren. Deshalb braucht es Inklusion vom Kindergarten an.

 

Die Furche: Aber ist es nicht verständlich, dass Eltern von schwerbehinderten Kindern die Freiheit haben wollen, sich für jene Einrichtung zu entscheiden, die aus ihrer Sicht für ihr Kind am besten ist?

 

Heumann: Das ist verständlich. Aber die Eltern sollten sich auch mit anderen austauschen, deren Kind eine inklusive Schule besucht. Es gibt ja auch das Phänomen, dass Eltern ihr Kind überbehüten -ob es behindert ist oder nicht. Wichtig ist jedenfalls, dass sie der Schule klarmachen, was ihr Kind braucht. Sie sollten starke Anwälte ihres Kindes sein und ihm einen festen Grund bereiten, auf dem es wachsen kann.

 

Die Furche: Ihnen ist das geglückt: Sie beraten im Auftrag des State Departments Regierungen in aller Welt bei der Umsetzung von Behindertenrechten. Die USA selbst haben aber bis heute nicht die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Warum nicht?

 

Heumann: Weil der Senat dem Präsidenten eine solche Ratifikation vorschlagen muss und zwar alle Demokraten und einige wesentliche Republikaner im Senat dafür sind, aber manche Mitglieder der republikanischen Partei noch Zeit brauchen.

 

Die Furche: Wovor fürchten sie sich?

 

Heumann: Vor etwas, das mit dem Vertrag gar nichts zu tun hat: Sie befürchten, dass die USA dadurch ihre Souveränität verlieren. Meine Mission ist, dass wir weiter an der Ratifikation arbeiten. Das wird nicht mehr heuer passieren, aber irgendwann sicher.

 

 

Judith Heumann Die 1947 geborene Aktivistin hat in New York und Berkeley studiert. 1970 gründete sie die Behindertenrechts-Organisation „Disabled in Action“, von 1993 bis 2001 war sie im US-Bildungsministerium tätig, anschließend Beraterin der Weltbank. Seit 2010 berät sie Außenminister John Kerry.

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