15.8.: Katharina wünschte sich unbedingt ein kleines Kätzchen. Oder war es Papa? Jedenfalls erzählte eines Tages die Assistentin Katja, dass die Katze ihrer Oma Junge geworfen hatte. Papas Augen begannen sofort zu leuchten, „Das ist ja genau das Richtige für Katharina! Mit zwei Jahren benötigt jedes Kind sein Tierchen.“ Aktuelle Studien belegen, dass Kinder, die mit Haustieren aufwachsen, weniger anfällig für Krankheiten und Allergien sind, belehrte Papa seine Assistentin. Katja war gleicher Meinung und wusste aus eigener Erfahrung zu berichten, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen, später die besseren Menschen seien. Papa nickte und erinnerte sich daran, wie er seine Schildkröten aufgezogen hatte. So beschlossen beide mit einem Augenzwinkern, dass Katharina eines der kleinen Kätzchen bekommen sollte. Katja wollte dies sofort Judit berichten, die ja wohl damit die meiste Arbeit hätte. Aber Papa riet davon erst einmal ab, er werde mit ihr zu gegebener Zeit schon darüber reden. Die Wochen kamen, die Wochen gingen, doch Katja, die immer wieder versprach, die Katze zu bringen, kam mit leeren Händen. Da es die Katze ohnehin doch nicht gab, erschien es Papa auch nicht notwendig mit seiner Frau über das Vorhaben zu reden. Bis eines Sonntag abends, die Familie war gerade in der Kirche, das Handy läutete und Katja aufgeregt sagte: „Ich komm heute noch mit der Katze.“ Da hielt es auch Papa für angebracht mit Judit und Katharina ausführlich darüber zu reden und so meinte er: „Wenn wir heute nach Hause kommen gibt es eine Überraschung!“ Und wenn Papa so etwas sagt, stimmt das natürlich immer. Katja brachte einen Korb mit einem kleinen verängstigten Kätzchen darin, das bedrohlich fauchte, wenn man sich ihr näherte. Bei Judit saß die Überraschung voll: sie ging im Zimmer auf und ab und rief entsetzt, was ich mir wohl dabei gedacht habe. „Wer wird denn auf die Katze schauen? Sie ist ja arm in der Wohnung! So eine Schnapsidee…!“Katharina nahm es gelassener. Sie warf einen Blick in den Korb und meinte „Ah, ein Kätzchen,“ und wendete sich dann ihrem Puppenwagen wieder zu. Katja ging, die Katze blieb. Mitten in der Nacht erwachten die Eltern durch ein jämmerliches Miauen, das Kätzchen rief verzweifelt nach seiner Mutter. Judit ging ins Wohnzimmer und suchte die Katze vergeblich, sie hatte sich irgendwo versteckt. Als Judit wieder ins Bett kroch, setzten die Verzweiflungsrufe des Kätzchens wieder ein und endeten erst im Morgengrauen. Einen Tag lang suchten wir sie vergebens. Dann endlich fanden wir sie zusammengekauert in einer kleinen Ritze zwischen Schreibtisch und einem Kästchen. Katja fing die Katze ein und brachte sie zurück aufs Land zu ihrer Mutter. Katharina fragte kein einziges Mal nach ihr.

Gelegenheit zur Begegnung mit Tieren gab es im Urlaub in Kroatien. Katharina planschte vergnügt im Meer als sie plötzlich aufschrie: „Hat mich gebeißt. Eine Qualle!“ Sie weinte bitterlich. Judit wollte nicht glauben, dass es wirklich eine Qualle war. Woher sollte sie auch eine Qualle kennen. Aber Katharina bestand darauf und deutete ins Wasser. Tatsächlich bewegte sich dort ein schwammiges Etwas, das Judit in Katharinas kleinen Plastikkübel einfing. Sofort kamen alle Kinder Qualle schauen. Bei einem Telefonat mit Nonna, Katharinas Großmutter, stellte sich heraus, dass Katharina im Aquarium vom Schönbrunner Zoo Quallen kennen gelernt hatte. Damals noch voll Begeisterung, da sie sich hinter einer Glasscheibe befanden.

Katharina liebte das Meer. Mit den Zehenspitzen planschte sie in den kleinen Wellen herum, grub voll Begeisterung ein Loch nach dem anderen in den Sand und trank mit einem breiten Grinser das köstliche Meerwasser. Denn man hätte der Salzspezialistin Katharina keine größere Freude bereiten können als mit einem großen See mit salzigem Wasser. An Spielkameraden mangelte es ihr nicht, besonders Lea und Niklas hatten es ihr angetan. Ich sah Katharina stundenlang beim Sandspielen zu. Wehmütig, wie ich wohl gestehen muss. Denn allzu gerne hätte ich mit Katharina einen Sandkuchen gebacken oder einen ausgeklügelten Wasserkanal vom Meer in einen neu geschaffenen Stausee gebaut. Da ich mit dem Rollstuhl nicht im Sand fahren kann, war ich gezwungen sie von der Ferne zu beobachten. Heimlich weinte ich hinter der Sonnenbrille. Die schönen gemeinsamen Momente ließen aber auch nicht lange auf sich warten. Wir gingen früh ins Bett und zum Unterschied von zu Hause jedes Mal gemeinsam. Zu dritt lagen wir im Bett und lasen Katharina ein Buch vor, sie lag in der Mitte und umklammerte mit einer Hand Mama und mit der anderen Papa, sie genoss es sichtlich. Ich auch.

Wir wohnten in einer Anlage, die speziell für behinderte Menschen ausgerüstet ist. Dementsprechend begegnete man hier auf Schritt und Tritt Menschen mit unterschiedlichen Bedingungen. Katharina saß schon früh morgens vor unserem Appartement auf dem kleinen Frühstückstischchen, rührte mit den Fingern im Honig und schleckte genüsslich ihre Finger ab. Die vorbeirollenden und auf Krücken hüpfenden Menschen begrüßte sie freundlich und fragte neugierig: „Hallo! Woher kommst du? Wohin gehst du? Gehst du auch zur Therapie? …“ Besonderes Interesse erweckte ein junger Mann mit einem Bein. „Wo ist dein Bein? Hast du es vergessen?“ Der Mann lachte und erklärte Katharina, dass das Bein krank geworden ist und daher abgenommen werden musste. Katharina nahm es gelassen und meinte nur: „Aha!“ Als eine kleinwüchsige Frau im Elektrorollstuhl vorbeirauschte, rief Katharina: „Eine kleine Dame!“ „Hallo!“, rief die kleine Dame und fühlte sich geschmeichelt. So recht schien Katharina aber nicht zu verstehen, ob es sich bei der Frau um einen Erwachsenen oder ein Kind handelt, denn sie fragte die Freundin von ihr: „Bist du die Mama?“ Worauf beide schallend lachten. Katharina freundete sich mit der kleinen Dame an, gab ihr auch einen Abschiedskuss und heute bekam sie von ihr eine Ansichtskarte mit liebem Gruß aus Kroatien.

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