28.8.: Drei schöne Urlaubswochen bei Oma und Opa liegen hinter uns. Vor drei Tagen packten wir unsere Koffer und fuhren wieder Richtung Wien. Der Abschied fiel Katharina sehr schwer, aber auch die Oma hatte Tränen in den Augen. In den drei Wochen hat Katharina mit den Großeltern sehr viel erlebt: Opa las ihr wieder und immer wieder die Geschichte von Conny vor, die das erste Mal in den Kindergarten kommt. Durch Opas tiefe und raue Stimme wurden die Geschehnisse im Kindergarten zu einem abenteuerlichen Erlebnis. Abends musste Katharina freilich dem Opa beim Garten gießen helfen. Dazu hatte sie eine eigene kleine Gießkanne bekommen, die sie unermüdlich anfüllte und zu den durstigen Blumen brachte. Dazwischen lag eine Treppe mit zwanzig Stufen über die sie die Gießkanne immer schleppen musste. Positiver Nebeneffekt: Katharina fiel jeden Tag müde ins Bett. Eines Tages fragte Oma den Opa, warum er denn heute den Garten nicht gegossen habe? Opa zuckte die Achseln und meinte, dass dies ohnehin Katharina getan habe. Tatsächlich hatte sie Opa stürmisch begrüßt, als er von der Arbeit nach Hause gekommen war, und berichtete stolz, dass sie da und dort und dort hinten ebenso vorne den Garten gegossen habe. Opa fragte: „Ja, hast du den ganzen Garten gegossen?“ Katharina nickte heftig und sagte: „Den ganzen Garten habe ich gegossen, auch dort drüben.“ Oma schüttelte den Kopf: „Und du hast ihr das wirklich geglaubt?“, fragte sie Opa. „Natürlich“, lächelte dieser.

In den drei Wochen hat Katharina auch ein wenig Kärntnerisch gelernt. Opa brachte ihr ein nettes „warum denn ha?“ bei. Bei jeder Gelegenheit wie Schlafengehen, Kein Eis essen dürfen, Nicht in die Wiese pieseln hieß es laut und deutlich: „Warum denn ha?“. Sehr angebracht wäre diese Frage bei einem Besuch der drei Cousins gewesen. Die Burschen im Alter zwischen acht und fünfzehn saßen verstockt am Tisch, reagierten auf Fragen mit Kopfnicken oder Kopfschütteln und ließen während der Kuchenjause kaum ein Wort aus ihren Mündern entweichen, während Katharina den Vorsitz am Tisch übernommen hatte und den Burschen lautstark die Welt erklärte. Als Katharina ins Bett musste und von Mama davongetragen wurde, rief sie den Burschen noch zu: „Ciao Buben!“

Zum Abschied mussten Oma und Opa versprechen, dass sie am nächsten Abend Katharina anrufen werden. Was sie natürlich taten: Nach einem „Hallo“, erkundigte sich Katharina nach den Schwänen, die sie immer gefüttert hatte und nach dem Kärntner Speck den man ihr doch bitte rasch schicken solle. Der Speck kam auch wirklich bald nach Wien und wurde von Opa und Oma persönlich übergeben. Nicht zuletzt die Sehnsucht nach der Wiener Kärntnerin hatte sie zu dieser Fahrt bewogen. Als es wieder Abschied nehmen hieß, diesmal fuhr aber nicht Katharina weg sondern Opa und Oma, fragte Opa: „Willst du mitfahren?“. Katharina nickte heftig und rief nach Mama, die ihr helfen sollte, den Rucksack für die Reise zu packen. „Willst du wirklich weg fahren?“, fragte Mama, „Ich und der Papa bleiben aber zu Hause“. Katharina ließ das unbeeindruckt, sie wollte „nach Dellach“ fahren. Das war ihr nur mehr sehr schwer auszureden. Schließlich wurde sie doch überredet, hier zu bleiben und winkte ihren Großeltern nach. Am Himmel entdeckte Katharina ein Flugzeug. „Das fliegt auch nach Dellach“, sagte sie überzeugt.

 

 

15.9.: Katharina ist äußerst hilfsbereit. Heute habe ich ihr etwas beigebracht, was ihr äußersten Spaß bereitet und für mich wahnsinnig hilfreich ist: Am Kopf kratzen. Wenn es einmal links oder über dem rechten Ohr oder vorne in der Mitte beißt und zwickt, rufe ich „Katharina, Hilfe“ und schon kommt die Rettung. Katharina kraxelt auf die Fußpedale des Rollstuhls und fragt, wo sie kratzen soll. Mit den genauen Stellenbeschreibungen haben wir noch kleine Probleme aber Katharina stellt sich sehr geschickt an. Die Hilfe ist natürlich für mich besonders groß und wertvoll, da meine Hände gelähmt sind und ich mich nicht selbst am Kopf kratzen kann.

Vorige Woche kam Katharina plötzlich zu mir her und sagte: „Papa, du kannst gehen!“. Ich dachte mir, na ja einmal musste ja dieser Moment kommen, wo sie hinterfragt, warum denn ihr Vater im Rollstuhl sitzt und nicht wie alle anderen herumgeht. Also holte ich tief Luft und sagte: „Weißt du, ich kann meine Beine nicht bewegen, die sind gelähmt. Deshalb fahre ich im Rollstuhl und kann nicht gehen“. „Doch Papa, du kannst gehen!“, beharrte Katharina. Bitte nicht, denke ich mir, was will die jetzt von mir? Will sie mir sagen, dass ich nur zu faul zum Gehen bin? Oder will sie einfach so mit mir streiten?! „Nein, der Papa kann nicht gehen“, wiederholte ich betont gelassen. „Doch, du kannst gehen, Papa!“, blieb Katharina bei ihrer Meinung. „Komm“, sagte sie und ich folgte ihr ins Arbeitszimmer. Dort zeigte mir Katharina ein Bild, das an der Wand hing. Da musste ich lachen: Das Foto zeigte mich in jungen Jahren, als ich studierte und als Junggeselle in der Küche ein Abendessen zubereitete. Damals konnte ich mit Schienen noch alleine stehen und gehen. Wie aufmerksam doch meine Tochter ist, dachte ich mir…

 

4.10.: Die Kindergartenstory. Den ganzen Sommer über hatten wir Katharina schon auf den Kindergarten vorbereitet. Bilderbücher zeigten ihr, wie vorbildlich mutig und tapfer kleine Mädchen sind, die ohne Mama und Papa im Kindergarten bleiben. Lustige Spiele stehen ständig am Programm und man hat mit anderen Kindern großen Spaß. Noch dazu gibt es täglich eine Jause und die liebe Tante … Katharina ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und freute sich schon sehr auf den ersten Kindergartentag. Mama und Papa begleiteten ihre Tochter auf diesen Weg, der sie erstmals aus der Familie hinaus und hinein in die Gesellschaft bringen sollte, wo sie alleine ihre Frau stellen musste. Der Weg zum Kindergarten war gesäumt von weinenden Kindern, die sich weigerten, auch nur noch einen Schritt näher zum Ort der Kinderfreude zu gelangen. Die weinen aus Freude erklärte ich Katharina, die sich wunderte. Freudig begrüßte die Kindergartentante Katharina und zog ihr gleich einmal mit einem Ruck den Schnuller aus dem Mund, „Den brauchen wir hier nicht!“. Judit flüsterte Katharina ins Ohr, wissend, dass sie ja noch den Reserveschnuller im Rucksack hatte. Der befindet sich im Geheimversteck und Katharina kann ihn jederzeit holen. Katharina war sehr interessiert und aufgeregt – oder spreche ich hier über uns Eltern? Sie setzte sich an den Tisch zu den Kindern und begann mit ihnen zu spielen. „Wir müssen jetzt gehen. Aber wir kommen dich um halb zwölf abholen!“, sagte Judit. „Ok“, sagte Katharina, ohne das Spielen zu unterbrechen. Wir gingen schweren Herzens und der Vormittag kam uns beiden unendlich lange vor. Um halb zwölf holte ich Katharina ab. Sie saß bei der Heimfahrt müde und erschöpft auf den Fußpedalen meines Rollstuhls. „Wie war’s im Kindergarten?“, fragte ich sie. „Frag mich nicht!“, sagte Katharina, der schon die Augen zufielen.

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