23.2.: Heute war die Präsentation meines neuen Bilderbuches mit dem Titel „Wir verstehen uns blind“. Das Buch ist Katharina gewidmet, da sie mich auf die Idee einer Geschichte zum Thema Blindheit brachte: Eines Nachts wachte Katharina auf und wollte spielen. Mama murmelte mit tief verschlafener Stimme etwas von „Es ist Nacht, alle Tiere und Menschen schlafen…“. Aber Katharina berührte diese Argumentation nicht. Selbst wenn alle Tiere jetzt schliefen, sie war hellwach und wollte spielen. „Bitte schlaf ein, es ist doch erst vier Uhr!“, murmelte Mama. Doch der Papa sagte: „Na klar, wir spielen!“. Katharina freute sich, die Mama seufzte. „Was spielen wir?“, fragte Katharina. „Ein neues Spiel“, versprach Papa, „ich sehe etwas, was du nicht siehst“. Mama lachte, Katharina suchte in der stockdunklen Nacht nach Gegenständen und schlief dabei bald ein.

Für die Buchpräsentation war Katharina von ihrer Nonna und Tante Hemma mit einem roten Kleid und dazupassendem französischem Hut eingekleidet worden. Damit sah sie so aus wie die Heldin der Geschichte, die übrigens auch Katharina heißt. Papa saß im Rollstuhl auf der Bühne und begrüßte die Gäste, Katharina war ebenfalls auf die Bühne geklettert und stellte sich stolz neben mich. Während die Verlagslektorin und Bundesminister Rauch-Kallat begrüßten, schaltete Katharina den Rollstuhl ein und begann laut zu hupen. „Seht her, das bin ich mit meinem Papa!“, wollte sie damit wohl sagen. Für mich war es ein sehr bewegender Moment mit meiner Tochter auf der Bühne zu stehen und eine Geschichte zu präsentieren, die ich für sie und andere Kinder geschrieben habe.

Ich habe mir immer vorgestellt, Geschichten für meine Tochter zu schreiben und sie ihr dann vorzulesen. Schon lange, bevor Katharina überhaupt in unser Leben kam. Dies, so träumte ich, wäre der Höhepunkt meines Daseins als Kinderbuchautor. Jetzt gibt es Katharina, und ich schreibe weiterhin Geschichten, aber mittlerweile sehe ich so schlecht, dass ich die Bücher Katharina nicht mehr vorlesen kann. Das tut mir sehr leid! Die Traurigkeit darüber wird aber von Katharinas Freude über die Geschichten überdeckt. Überdies hat Katharina die Lösung des Problems parat: Sie fragt immer, ob sie mir eine Geschichte vorlesen darf. Nicke ich, klettert sie begeistert auf mich rauf, schlägt das Buch auf und erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht. Neulich hat sie sich im Bett ganz nahe an mich herangekuschelt, klemmte meinen Arm unter ihren und las mir mein neues Bilderbuch vor. Am Ende legte sie das Buch beiseite, streichelte mich am Kinn und sagte: Hast du geschrieben. Super Papi!

 

1.3.: Katharina hat eine „erste beste Freundin“. „Müzey!!!“, schreit Katharina jedes Wochenende fast ununterbrochen. Sie tut dies so laut, dass selbst die gehörlose Müzey zusammenzuckt. Ganz gehörlos ist Müzey freilich nicht, sie hat einen kleinen Hörrest und zwei Hörapparate. Die Verständigung ist trotzdem sehr schwierig. Und wir als Erwachsene haben oft Probleme, ihr etwas zu erklären. Katharina versteht sich mit ihrer elfjährigen Freundin jedoch bestens. Gestern ertappten wir die beiden, als sie in der Küche eine Räuberleiter bildeten. Müzey hob Katharina so weit es ging in die Höhe und Katharina schnappte sich die Schokolade über dem Mikrowellenherd. Gemeinsam wird gemalt, gelacht und gestritten. Wenn Katharinas Hose voll mit Dreck von der Sandkiste ist, ziehen sich die beiden ins Schlafzimmer zurück und eine Viertelstunde später präsentiert Müzey die von ihr neu eingekleidete Katharina. Beim Spazieren klettert Müzey auf jeden Baum, alleine da macht Katharina nicht mit und beobachtet nur neugierig. Am liebsten hat sie es, wenn Müzey ihre Schwester und die beiden Zwillingsbrüder mitbringt, da geht so richtig die Post ab und Papa blicket stumm im ganzen Chaos herum…

Katharina hat es mit ihrem Papa nicht ganz einfach. Läuft sie auf Papa zu, kann der sie aber nicht in die Arme nehmen und fest drücken. Der Rollstuhl ist wie eine kleine Festung, auf der der Papa hoch oben thront. Katharina nimmt es locker, sie nimmt meine Hand und schüttelt sie, ab und zu drückt sie ihren Kopf gegen meine Beine oder küsst meine Hand. Am Sonntag gehen wir immer in die Obdachlosenmesse, wo Katharina mit den anderen Kindern singt und zeichnet. Neulich durfte sie auch die Glocke läuten und damit die Messe eröffnen. Allein sie läutete zu früh, die Orgel begann zu spielen aber weit und breit war der Pfarrer Thomas nicht in Sicht. So wurde die Messe wieder abgeblasen und jeder wartete bis Katharina noch einmal läutete. Diesmal stimmte das Timing. Beim Vaterunser halten sich alle an den Händen, Katharina nimmt immer Mamas Hand auf der einen Seite und Papas Hand auf der anderen Seite. Sie lässt nicht eher los als das Gebet beendet ist. Dann schüttelt sie meine Hand und sagt: „Friede sei mit dir!“. Als ich und Judit eines Abends ins Bett gingen, wachte Katharina auf, griff im Halbschlaf nach dem Flügel ihres gelben Polstervogels und grüßte ihn mit „Friede sei mit dir!“. Dann schlief sie wieder ruhig ein.

So friedlich geht es bei uns nicht immer zu. Katharina befindet sich in dem Alter, das man nicht ganz zu Unrecht als „Trotzphase“ bezeichnet. Zu ihren Lieblingsworten zählt das „Nein“. Ein „Lass mich!“ bekommt Papa auch schon mal zu hören, wenn er seine Tochter zu lange ansieht. Das ein Gute-Nacht-Kuss keine Selbstverständlichkeit ist, musste Katharina auch einmal klar legen. „Willst du dem Papa keinen Gute-Nacht-Kuss geben?“, fragt Judit. Katharina schüttelt abwehrend den Kopf. „Aber das ist doch dein Papa“, argumentiert Judit. „Nein, das ist nicht mein Papa“, stellt Katharina hartnäckig fest. „Wessen Papa ist das denn dann?“; fragt Judit weiter. Katharina nicht um eine Antwort verlegen zeigt auf die Assistentin und sagt: „Ninas Papa“. Judit ist ein bisschen verwirrt und fragt noch einmal nach: „Wer ist Ninas Papa?“. Katharina bleibt bei ihrer Argumentation, zeigt auf mich und meint genervt, „Na der da!“.

Wenn Katharina ausgeschlafen ist, geht sie mit ihrem Papa freilich anders um. Da will sie schon mal mit ihm spielen, was nicht so einfach ist, da ich meine Hände und Beine nicht bewegen kann. „Spielst du mit mir Fische fangen?“, fragte Katharina vor kurzem. „Aber ich kann mit den Händen nicht die Angel halten“, sagte ich. „Da fange ich die Fische für dich, Papa. OK?“, sagte Katharina und nickte heftig mit dem Kopf. „OK, Papa?“, fragte sie noch einmal nach. „OK!“, sagte ich ganz glücklich über meine erfindungsreiche Tochter. Und so spielten wir dann gemeinsam Fische fangen. Etwas schwieriger war der Wunsch von Katharina zu erfüllen mit ihrem Papa im Bett zu hüpfen. Mit großer Begeisterung springt Katharina wie auf einem Trampolin im Bett herum. Auch Freunde, die auf Besuch sind, müssen mit ins Schlafzimmer und dürfen vom Fensterbrett aus ins Bett jumpen. Mit Mama hüpft sie mit großer Leidenschaft beinahe täglich im Bett herum. Das Bett knarrt und kracht. Einmal ist es sogar zusammengebrochen. Das war besonders aufregend für Katharina, denn gemeinsam mit Mama reparierten sie das Bettgestell wieder. „Hüpfst du mit mir im Bett?“, fragte Katharina mit großen Augen. „Ich kann nicht hüpfen“. Katharina blieb hartnäckig: „Hüpfst du mit mir im Bett, Papa. OK?!“. Ich zog die Augenbrauen hoch. Da half Mama weiter. Sie kletterte ins Bett, hob mich hoch und presste mich, am Bauch haltend fest an sich. Katharina war ganz begeistert. Sie nahm mich an den Händen und dann hüpften wir zu dritt im Bett herum.

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