10.6.: Letzte Woche waren wir bei Natalies Geburtstag eingeladen. Natalie ist eine Kindergartenfreundin von Katharina und da mussten natürlich auch Mama und Papa mit. Im Garten am Land war so ziemlich der ganze Kindergarten vertreten. Die Kinder spielten Ball, bemalten mit Pinsel und Fingern Blumentöpfe und hatten es recht lustig. Die Spiele schienen jedoch in jenem Augenblick uninteressant, als Katharina mit ihrem Papa auf die Terrasse rollte. Sofort umringten uns alle Kinder. „Ist das dein Papa?“, fragte Alexander, ein kleiner Bub. „Nein!“, sagte Katharina, „das ist Ninas Papa“. Nina ist eine meiner persönlichen Assistentinnen und Katharina hatte dies vor kurzem schon einmal behauptet. Ich sah Judit an, Judit sah mich an, beiden sahen wir Katharina an. Hatte sie ein Problem, zu ihrem Vater zu stehen? Genierte sie sich gar dafür, dass er anders ist? „Das ist Ninas Papa?“ fragte Judit noch einmal nach. „Nein, mein Papa!“, lachte Katharina und schmiegte ihren Kopf an meine Hand. Es schien so, als wollte sie uns nur foppen, denn sie wusste ja, dass wir bereits das letzte Mal sehr verdutzt auf ihre Behauptung reagiert haben. Dass Katharina ganz offensichtlich Humor hat, beweist sie uns alltäglich. Wenn ich einen Witz mache, lacht sie. Vor kurzem beispielsweise lagen wir bereits alle im Bett und Judit sagte: „Gute Nacht Papa, gute Nacht Katharina!“ Katharina sagte nichts. Ich antwortete: „Gute Nacht Mama, gute Nacht Katharina!“ Katharina sagte nichts. Nach einer Weile sagte ich: „Gute Nacht Mama, gute Nacht Katharina, gute Nacht Opa!“. Kurze Stille, dann lachte Katharina hellauf: „Der Papa hat gesagt, gute Nacht Opa. Der ist ja gar nicht in unserem Bett“. Katharina kicherte und schließlich lachte auch Judit. „Gute Nacht Papa!“, sagte Katharina schließlich bevor sie einschlief.

Wenn ich einen schlechten Witz mache, werde ich von meiner Tochter bereits eingebremst. Bei einem Mittagessen machte ich mich über Annas Freundin lustig, die uns in einem Brief alle ihre Bewerbungsunterlagen für ein neues Aupair-Verhältnis geschickt hatte, aber dabei vergaß, uns wenigstens in einer kleinen Notiz liebe Grüße auszurichten. „Das fängt ja gut an“, ätzte ich, „alle vorherigen Mädchen schickten uns seitenlange Briefe voll Vorfreude. Dass sie nicht einmal wenigsten mir, dem Hausherren, eine Zeile widmet, kränkt mich sehr“. Nachdem ich während dem Kauen des Schnitzels immer wieder beleidigt vor mich hinbrummte und Anna mit rotem Kopf nervös auf ihrem Sessel hin und her rutschte, rief Katharina laut über den Tisch: „Hör auf, Papa! Hör auf!“ Dies war wohl der einzige Weg, um mich zum Verstummen zu bringen. Es wirkte, ich sagte nichts mehr – dachte mir nur mehr meinen Teil.

Zurück zur Kinderparty. Der neugierige Alexander kam immer näher, ging rund um den Rollstuhl und betrachtete das Gefährt neugierig. „Was ist das? … und das? … und das da?! …“ Der Blinker, ein Rad, noch ein Rad, der Rucksack, die Fußpedale – das Schaltpult, erklärte ich brav. Leider schien Alexander Letzteres besonders zu interessieren. „Und dieser Knopf … und der da? … und der Joystick…?“ Leider blieb es nicht bei den Fragen, sondern Alexander drückte gleich auf den Knöpfen herum, der Rollstuhl blinkte, leuchtete und rollte schließlich vor zurück, nach links in die Wiese und rückwärts gegen den Tisch… Katharinas Vater ertrug dies geduldig, man möchte sich ja bei Katharinas Freunden und ihren Eltern nicht gleich unbeliebt machen. Katharina wusste, wie man mit dem Rollstuhl umgeht und sie zeigte gleich vor, dass man mit diesem Knopf den Rollstuhl ausschaltet. Dafür war ich ihr sehr dankbar. Auch im Alltag geht Katharina oft am Rollstuhl vorbei und immer wenn er eingeschalten ist und ich irgendwo herumstehe, drückt sie ganz nebenbei auf den Ausschaltknopf. Wenn sie beim Abendessen mit mir mitessen möchte, schaltet sie den Rollstuhl ein, drückt den Joystick kurz nach hinten und richtet sich mit den weißen Knöpfen die Fußpedale zurecht. Wenn alles passt, schaltet sie den Rollstuhl aus und klettert zu mir auf die Fußpedale, so sitzt sie dann bei mir und kann bequem mitessen: einen Bissen für den Papa, einen Bissen für Katharina.

Die Party nahm ihren Lauf, die Kinder spielten, die Erwachsenen vergnügten sich mit selbst mitgebrachten gegrillten Würstchen, Salaten, Bier. Wir plauderten nett, die Sonne schien, die Sonne schien nicht mehr und plötzlich regnete es aus dicken schwarzen Wolken, die niemand bemerkt hatte. Was tun mit einem Vater im Rollstuhl? Blöde Sache, in das Haus führten einige Stufen, eine Herausforderung für die Gastgeber. Zum Glück war Judit mit einer rettenden Idee dabei: „Gehen wir doch in die Garage!“ Keine blöde Idee, wie sich herausstellte. Die Autos wurden in den Regen gekarrt und ich mit samt den Tischen, Stühlen, Essen … hinein. Der neue Ort war nicht nur trocken sondern auch schön aufgeräumt und geräumig. So wurde aus dem Gartenfest eine fröhliche Garagenparty. Wir plauderten mit Alexanders Mutter und erzählten ihr, dass Katharina jeden Tag in der Früh Salzbrezel zum Mitnehmen verlangt, die hat nämlich der Alexander besonders gern. Alexanders Mutter wusste nichts von diesen kleinen Aufmerksamkeiten von unserer Tochter.

Katharina ist ein äußerst hilfsbereites Mädchen. Kratzt es den Papa am Ohr und ruft er „Hilfe, Katharina, mein Ohr beißt!“, kommt sie schon gerannt und ruft: „Ich komm schon Papa. Welches Ohr? Das da oder das da?“ – „Das da, sag ich“, sage ich. „Das da?“, fragt Katharina und zeigt auf ein Ohr.“ „Nein, das andere, das rechte“, sage ich. Dann klettert Katharina auf die Couch wo ich liege und kratzt mich am Ohr, was mit ihren scharfen Nägeln sehr effizient erfolgt.

Zu Ostern hat Katharina mit mir gebadet. Voll Begeisterung stand sie vor mir in der Badewanne, die Hände voll Haarshampoo. So wie Mama ihr immer die Haare wäscht, wollte sie jetzt meine waschen. Mit ihren kleinen Händen kraulte sie in meinen Haaren herum und shampoonierte mich ganz ordentlich. Die Seife rannte in meine Augen, aber als sich Katharina zu mir runterbeugte und fragte, „Papa, geht’s eh“, setzte ich ein Lächeln auf und sagte, „Na klar“. Als Katharina den ersten Teil des Werkes vollbracht hatte, spritze sie plötzlich von unten mein Gesicht voll mit Wasser an. Ich bekam kurz keine Luft und hustete fest. Wieder tauchte vor meinen Augen Katharinas Kopf auf. „Papa, geht’s eh?“. „Na klar“, röchelte ich. Dann kam noch mehr Wasser von oben durch die Dusche und als wir fertig waren, war nicht nur Katharina glücklich sondern auch ich.

In den letzten beiden Wochen hatte mich eine Bronchitis arg erwischt. Ich röchelte und konnte den Schleim von alleine nicht raufhusten. Immer wieder musste mich Judit oder eine der Assistentinnen vorne über aus dem Bett ziehen, damit Kopf, Schulter und Hände nach unten hängen und dann trommelten sie auf meinem Rücken herum, bis sich die Schüssel am Boden langsam füllte und ich wieder Luft bekam. Katharina war von diesem Spektakel beeindruckt. Immer wenn es „Ausklopfen“ hieß, holte sie flink ihren kleinen Sessel, setzte sich vor meinem Kopf und klopfte mit, mal auf die Schulter mal auf den Kopf. Dazwischen beugte sie sich immer wieder zu mir nach unten, blickte mir in die Augen und fragte, „Papa, geht’s eh?“. In solchen Situationen muss man lachen, selbst wenn einem alles weh tut.

Wer so hilfsbereit ist wie Katharina, dem hilft man natürlich auch gerne. Als Katharina eines Abends wieder einmal nicht Zähne putzen wollte, rief sie aus dem Bad: „Papa! Papa! Papa, hilf mir!“ Jeder Ruf traf mich voll in meinem Herzen. Aber ich konnte nicht alleine mit dem Rollstuhl ins Bad fahren. Minuten später kam Katharina aufgeregt ins Wohnzimmer gerannt und kletterte zu mir auf den Rollstuhl. Dann betrat schon Mama mit der Zahnbürste die Bühne. Ich bekehrte Katharina, dass man Zähne putzen muss, auch wenn man nicht will – ich mag es ja auch nicht. Mama ergänzte: „Wenn du nicht die Zähne putzt, bekommst du Karies, das tut furchtbar weh und dann musst du mit dem Papa zum Zahnarzt gehen!“ Katharina schüttelte den Kopf: „Mit dem Papa geh ich zum Friseur!“ Da lachten wir alle drei. Aber die Zähne mussten letztendlich doch geputzt werden – im Beisein vom Papa ging es vielleicht ein bisschen leichter.

 

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