12.7.: Das erste Kindergartenjahr geht zu Ende, Katharina geht sehr gerne in den Kindergarten und freut sich jeden Tag schon darauf, mit den Kindern zu spielen. Vorgestern gab es ein Abschlussfest mit den Eltern. Wir wollten zu dritt dort hingehen, Judit blieb jedoch arbeitsmäßig im Büro hängen und so waren wir wieder einmal viel zu spät dran. Um das Fest nicht ganz zu verpassen, ging sie mit Katharina voraus und ich folgte ihr mit meiner Assistentin Paula eine halbe Stunde später nach. Die Brötchen waren leider schon aufgegessen, aber die Kinder liefen mit strahlenden Gesichtern im Gemeinschaftssaal umher. In den Händen hielten sie kleine Schätze: die selbst gebastelten und gezeichneten Werke. Katharina zeigte mir stolz eine Kette aus einer Art Styropor, die man auch essen kann. Ich wollte es nicht glauben und wurde gleich eines Besseren belehrt, Katharina aß ein Glied der Halskette. Als sie sich die Kette wenig später wieder umhängen wollte, ging das nicht mehr. Aus Erfahrung lernt man!

Wir schlenderten gemeinsam von Raum zu Raum, wo getanzt, gebastelt und geklettert wurde. Mir war der Wirbel der vielen Kinder ein wenig zu viel und ich beschloss daher, früher nach Hause zu gehen. So verabschiedete ich mich von Judit, Katharina hatte sich in ein „Baumhaus“ verkrochen. Draußen regnete es leicht, aber kein Problem, Judit hatte mir ja eine neue rote Regenhaut besorgt. Mit einem strahlenden Lächeln ließ ich mir den Regenschutz mit Kapuze von Paula umhängen, jetzt hatte der Regen keine Chance mehr. So rollten wir eine Viertel Stunde des Weges, Paula ging rechts neben mir und bediente mit ihrer linken Hand einen Joystick meines Elektro-Rollstuhles. Wir überquerten einen Kreisverkehr und meine Wohnung war schon in Sicht, da gab es einen Ruck, die Regenhaut spannte sich von einer Sekunde auf die andere nach hinten und schnürte meinen Hals völlig zu. Ich wollte schreien, um Paula auf meine lebensbedrohliche Situation aufmerksam zu machen, brachte aber keinen Ton hervor. Ich konnte nur stumm wie ein Fisch meinen Mund auf und zu machen, Paula bemerkte nichts davon und ging einfach weiter. Niemals hätte ich gedacht, in eine solche Situation zu geraten und nachempfinden zu können, was ein strangulierter Mensch empfindet. Mein ganzer Körper begann zu kribbeln und ich wusste, ich will leben, leben, leben! Irgendwie erschien es mir auch sehr skurril so zu sterben: Durch eine Regenhaut kurz vor der Haustür. Bei diesem Gedanken hätte ich beinahe gegrinst. Aber was war mit Paula?! Würde sie sich nicht endlich umdrehen, fragte ich mich. Und das tat sie dann auch zufällig. „Was ist los?“, fragte sie, als sie meinen verzweifelten Gesichtsausdruck sah. „Was soll ich tun?“, sagte sie verzagt. Ich schrie: „Mach den Reißverschluss auf!“. Doch ohne Ton verstand sie nichts. Paula geriet in Panik, kramte in ihrer Tasche nach dem Handy, da fiel ihr ein, dass es ausgeschalten war und bis sie ihr Telefon betriebsbereit gemacht hätte, wäre es vielleicht zu spät gewesen. Doch sie wusste nicht was tun. Ich war auch immer mehr verzweifelt und hoffte, dass sie endlich bemerken werde, was passiert ist. Wenn sie jetzt beginnt, mit der Rettung oder mit Judit zu telefonieren, sinkt meine Überlebenschance auf ein Minimum. Paula dachte weiter…für mich vergingen die Sekunden wie Stunden…Paula noch mehr in Panik brauchte unbedingt Hilfe von jemandem anderen und begann mein Handy zu suchen… „Oh Gott“, dachte ich. Und vielleicht war es dann auch Gott, der diesen Hilferuf von mir hörte und Paula bemerkte auf der Suche nach meinem Handy im Rucksack, dass sie nicht an das Gerät herankam. Der Rucksack hängte hinten an meinem Rollstuhl und die Regenhaut war ganz fest darüber gespannt. So wurde Paula gewahr was los war: Die Regenhaut hatte sich in den Hinterrädern verfangen und durch das Fahren wurde sie mehr und mehr aufgewickelt. Jetzt handelte Paula und riss mir die Plastikhaut vom Körper. Mein Gott, ist Atmen etwas Schönes!

Wir fuhren das kurze Stück nach Hause und ich trank ein Glas Wasser. Ich war gut aufgelegt, hatte ich doch überlebt. Der Schock saß mir aber in den Gliedern. Kurz darauf kamen Judit und Katharina bei der Türe herein. Ich fragte, warum sie jetzt schon da wären. Judit erzählte mir, dass Katharina plötzlich bemerkt hatte, dass ich nicht mehr da war. Sie begann „Papa, Papa, Papa!“ zu schreien. Unbedingt wollte sie zu ihrem Papa, das Basteln, Tanzen und Spielen schien plötzlich uninteressant. „So mussten wir gleich nach Hause gehen“, sagte Judit. Ich hatte auch einiges zu berichten. Vielleicht hatte Katharina wirklich gespürt, dass ich in einer schwierigen Situation war. Das freute mich sehr und so lagen wir danach auf der Couch, Katharina krabbelte auf meinen Bauch.

Es gibt auch lustigere Sachen zu schreiben: Katharina entdeckte vor kurzem den Rollstuhl als Fortbewegungsmittel. Sie setzte sich hinein, schaltete ein und betätigte vorsichtig den Joystick. Ich und Judit versuchten, sie durch Rufe in der Wohnung herum zu navigieren, „Mehr nach rechts, mehr nach links, gerade und stopp…!“ Es machte ihr sichtlich Spaß. Trotzdem war die Faszination nicht so groß, denn in den kommenden Tagen wiederholte sie das Experiment nicht mehr. Wir warteten vergeblich darauf. Katharina führte das Experiment jedoch auf andere Art weiter: Drei Tage später zu Mittag sagte Nonna, die in der Küche ein herrliches Mahl zubereitet hatte, „Das Essen ist fertig, Katharina hole bitte Papa!“ Katharina kam ins Arbeitzimmer, wo ich meiner persönlichen Assistentin am Computer einen Brief diktierte. Katharina kam zu mir, sagte „Papa das Essen ist fertig, komm ich bringe dich zum Tisch“, schaltete den Rollstuhl ein und führte mich, wie es sonst die Assistentinnen tun, ins andere Zimmer. Dies war gar nicht so einfach, denn sie musste den Rollstuhl um die Achse drehen und mich durch die Türe durchschieben. Beides gelang tadellos und ich war ganz stolz! Es überrascht mich immer wieder, wie selbstverständlich Katharina mit meiner Behinderung umgeht. Neulich im Zoo wollte sie mir einen Papagei zeigen. Da ich schlecht sehe und immer in die falsche Richtung sah, kletterte sie auf die Fußpedale, griff mit ihren Händen auf meinen Kopf und drehte mich in die richtige Richtung. „Da ist der Papagei“, rief sie. Ich musste richtig lachen. Ein Erlebnis gab es auch im Schwimmbad. Katharina spielte mit Kindern im seichten Freibecken. Judit und ich standen am Beckenrand. Mein Handy läutete, Judit holte es aus dem Rucksack und hielt es mir ans Ohr. Gleichzeitig fragte ein Bub Katharina: „Ist das dein Papa?“. Katharina sagte: „Ja, das ist mein Papa“. Daraufhin fragte der Bub: „Was hat dein Papa?“ Katharina zuckte die Schultern und antwortete: „Ein Handy!“

Und vielleicht noch eine kleine Episode aus unserem Alltagsleben: Judit führte mich mit dem Auto ins Parlament. Hinter ihr saß Katharina im Kindersitz und die Assistentin, ganz hinten saß ich angeschnallt im Rollstuhl. Plötzlich sagte Katharina: „Papa ist früher selbst mit dem Auto gefahren“. Judit bestätigte dies und erzählte der Assistentin, wie das Auto für mich umgebaut wurde. Da sagte Katharina zur Assistentin: „Mein Papa ist Auto gefahren, gell Mama, als er noch klein war“.

 

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