18.2. Heute ist endlich der große Tag: Katharina kommt nach Hause. Ab heute werden wir zu dritt in unserer Wohnung leben. Damit stellen sich natürlich viele Fragen, wie: Werden wir jemals wieder eine Nacht ruhig durchschlafen können? Die letzte Nacht hätte ich in diesem Sinne noch in aller Ruhe genießen können. Leider war ich dazu allzu aufgeregt.

Um 9 Uhr ging es im Krankenhaus los. Schwester Beatrix führte uns in die höhere Kunst der Babypflege ein. Katharina wurde unter einer Wärmelampe ausgezogen und in einer kleinen Wanne gebadet. Die kleinen, zarten Hände und Füße, alles wirkte so zerbrechlich und ich wollte mehrmals einschreiten als ich sah, wie Schwester Beatrix unser Kind mit wilden, festen Griffen anpackte. Katharina zeigte sich gegenüber dem Wasser zunächst sichtlich skeptisch. Worüber ich lächeln musste. Eben ganz meine Tochter. Und wie ich, nach dem Schwimmen, hatte auch Katharina nach dem feuchtfröhlichen Erlebnis mächtig Kohldampf. Nach sieben Milliliter fielen ihr allerdings vor Anstrengung die Augen zu. Am liebsten hätten wir unser Kind gleich eingepackt und ab nach Hause. Aber zuvor sollte es noch ein Gespräch mit der Kinderärztin geben. Und die hatte gerade ihre Mütterrunde. Judit wollte auf jeden Fall hin und ich muss gestehen, dass mich auch die Neugierde gepackt hat. Also, lieber Vater, auf zur Mütterrunde!

 

 

Auf der Tür klebt ein Zettel auf der handschriftlich und in Blocklettern „MÜTTERRUNDE. Nicht stören!“ gekritzelt wurde. Die Tür selbst ist bereits geschlossen, die Runde ist also bereits im Gange. Jedoch noch nicht vollzählig, denn soeben treten wir ein, eine zusätzliche Mutter und mit mir der einzige Vater. Heftiges Sesselrücken beginnt, der Kreis muss vergrößert werden. Die offensichtliche Sesselknappheit quittiere ich mit der Bemerkung, dass ich gottseidank meinen Sessel schon mitgebracht habe. Natürlich lacht keiner der acht frischen Mütter, die alle im Bademantel und mit breiten Beinen um die Kinderärztin sitzen. Offensichtliche Skepsis gegenüber mir: einem Mann, einem Vater, einem Rollstuhlfahrer. Welches Vergehen wiegt da wohl am stärksten?

Die Ausführungen der Kinderärztin interessieren mich sehr, was sich durch einige Zwischenfragen meinerseits äußert: Wann schießt denn die Milch bei den Müttern ein? Wie funktioniert das mit dem Abpumpen genau? Wie stillt man Zwillinge – gleichzeitig? Wie merkt man sich, an welcher Brust das Kind das letzte Mal gesaugt hat? … Die Kinderärztin ist angesichts eines interessiert fragenden Vaters in der Mütterrunde sichtlich verwirrt, jedenfalls sieht sie bei den Antworten niemals mich sondern immer meine Frau oder die anderen Mütter an. Auch in dem persönlichen Gespräch über Katharina danach manifestiert sich die Unsicherheit in einer nunmehr ausgeprägten Vater-Manie: sie spricht nur noch mit meiner Frau. „Wir haben noch keine Kinderärztin. Sie wirken so kompetent”, schmeichle ich der Ärztin zum Abschied, um gleich mit der Frage nachzuhaken, „aber ist ihre Praxis auch rollstuhlgerecht?”. Nun gut, sie war es – aber nicht die dort praktizierende Ärztin.

Mit zittrigen Händen saß ich am Lenkrad: hinten am Rücksitz die wertvolle Fracht. Judit hielt Katharina fest eingepackt in ihren Händen. Kindersitz hatten wir keinen. Also nur keinen Unfall bauen! Doch gerade wenn man das im Hinterkopf hat, passieren die meisten Unfälle. Und dieses Wissen wiederum vermag einen derart zu verunsichern, dass man tatsächlich einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt ist. Kurzum: es passierte auf der Autofahrt – nichts.

Zuhause angekommen war das erstemal die Frage, wie wir das mit dem Aussteigen organisieren. Hilft Judit zuerst mir oder Katharina. Ich ließ sie frei entscheiden und die Wahl fiel auf Katharina. Ja, Katharina, wir müssen uns jetzt die knappen Pflegeressourcen des Hauses teilen! Also wurde zunächst Katharina von Judit in die Wohnung gebracht und dann ich. Als erstes zeigten wir Katharina ihr neues Zuhause. Wo sie schläft, wo wir vielleicht schlafen, wo wir auf’s Klo gehen, wo sie gewickelt wird und wo sie später mal fernsehen wird. Was Judit sofort ärgerlich kommentierte: Fernsehen braucht sie noch lange nicht – und der nunmehrige Vater als pädagogisches Vorbild auch nicht.

Nach ihrem ersten Fläschchen zuhause legten wir Katharina in den historischen Stubenwagen von Tante Ida, den sie eigens vom Dachboden geholt hatte und in dem schon Philipp, Stefan, Christopher, Susan, Karoline und Julian geschlafen haben. Also ein etwas durchgelegener, leicht klappriger Schlafplatz, aber Katharina schlummerte selig. Wir standen davor, die stolzen Eltern und flüsterten mutmaßend, was wohl einmal aus ihr werden wird, während sich der Mund von Katharina zu einem Grinsen formte. Engelslächeln, hatte ich einmal in einem Buch gelesen.

5.3. Unser Leben ist völlig aus den Fugen geraten. Ich bin sehr müde, fast zu müde, um diese Zeilen zu schreiben. Aber nach zwei Wochen ist es wohl Zeit, ein paar der vielen Ereignisse festzuhalten. Wie spät ist es jetzt eigentlich? Zwei Uhr. Tag oder Nacht? Die letzten zwei Wochen sind wie im Fluge vergangen. Ich habe mir Urlaub genommen, um mein Vaterglück entsprechend genießen zu können. Aus der ursprünglich geplanten beschaulichen Zeit wurde ein richtiger Abenteuerurlaub. Katharina hat es geschafft, unseren Lebensrhythmus völlig umzukrempeln. Sie kennt keinen Tag und keine Nacht. Für sie teilt sich das Leben in mehr oder weniger kürzere oder längere drei Stunden-Intervalle. Dann braucht sie immer etwas zu essen und das bitte subito presto. In einem dieser klugen Fachbücher habe ich gelesen, wie Eltern auf das nächtliche Schreien ihrer Kinder reagieren. Zunächst tun beide so, als würden sie nichts hören. Dann wartet ein Partner (zumeist der Vater) bis der andere Partner sich anschickt, aus dem Bett zu steigen. Jetzt heißt es für den noch im Bett liegenden Partner ein bisschen warten, – bis nämlich der (zumeist aber die) Partner(in) vollständig und damit unwiderruflich aus dem Bett gestiegen ist. Da tut dann der noch im Bett liegende Partner so, als ob er gerade das schreiende Kind wahrgenommen hat und sagt aufopfernd, „Schatz, soll ich gehen?” – Bei uns gab es keine Diskussionen, wer gehen soll. Denn eines war klar, wenn ich gehen hätte sollen, hätte Judit erst einmal mich anziehen müssen. Der Mehraufwand wäre so ungleich mehr gewesen, dass es mir leicht fiel, immer gleich wenn Katharina sich rührte, Judit anzustoßen und zu sagen: „Schätzle, soll ich gehen?”

Behindert sein kann so seine Vorteile haben. In anderer Beziehung treten aber auch neue Schwierigkeiten auf. Wer bekommt von Judit sein Fläschchen zuerst? Die ausgehungert schreiende Katharina? Oder der Vater mit der übervollen Blase, der diese dringendst in sein (Urin-) Fläschchen entleeren muss? Nur soviel sei hier, liebes Tagebuch, verraten: die Entscheidung war nicht immer die Richtige.

Morgen ist leider der Urlaub zu Ende. Ich bin zwar nicht, was man sich sonst von einem Urlaub erwarten würde, erholt. Das ist mir aber noch das geringste Problem. Was mir Sorgen bereitet, ist die Frage, wie werde ich mich morgen von Katharina verabschieden können? Sie ist ein so liebes Kind. Stundenlang könnte ich sie nur anschauen. Ihre Mimik und Gestik ist einzigartig, eine richtige Schauspielerin. Bis vor kurzem kannte ich sie nicht einmal und jetzt scheint mir jede Stunde ohne sie unvorstellbar. Ich bin richtig verliebt in meine Tochter. Das Glück ist so groß, dass ich mich oft frage: kann das alles Wirklichkeit sein? Oder erwache ich plötzlich und alles war nur ein wunderschöner Traum …?

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