06.07.: Die Wohnung ist voller Kisten, sechs Assistentinnen sind aufmarschiert und verpacken unser Hab und Gut in Kisten. Mein Schwiegervater und der Freund einer Assistentin schleppen die Kisten und führen sie mit dem Auto in die neue Wohnung. Chaos überall. Unser Vorsatz, alles in einem Tag zu übersiedeln, war doch etwas hoch gegriffen. Unglaublich, wie viel drei Menschen zum Leben brauchen. Zu Mittag hole ich mit einer Assistentin Katharina vom Kindergarten ab. Sie kommt kaum bei der Türe hinein und sucht vergeblich ihre Spielsachen, die sind natürlich längst in irgendwelchen Kisten verpackt. Katharina hilft eifrig mit. Sie hat nur nicht ganz den Zweck der Übung verstanden, denn sie packt alles wieder aus.

In der neuen Wohnung herrscht ähnliches Chaos. Überall Kisten und Leute die diese ausräumen. Judit flitzt hin und her, versucht anzuweisen, wo was eingeräumt werden muss. Die Schwiegermutter hat sich auf die Küche konzentriert, sie „verräumt“ dort alles so gut, dass ich später selbst danach suchen muss. Katharina räumt ihr Zimmer ein. Ihre Puppe bekommt ihren Platz, die Bilderbücher, ihr Spielzeug, …

Am Abend ist zwar bei weitem nicht alles an seinem Platz, aber die Wohnung ist schon relativ gemütlich. Auch Katharinas Zimmer ist recht nett geworden. Katharina ist ganz stolz auf ihr Reich. Wir fragten uns, ob sie in ihrem Bett schlafen wird. Bislang schlief sie immer bei uns im Ehebett. Judit legte sich mit Katharina in ihr Bett und las ihr ein Bilderbuch vor. Bald schlief sie ein. Danach lagen ich und Judit einsam in unserem Ehebett. Ein wenig froh über den neuen Platz, ein wenig traurig, weil unsere Tochter doch fehlte. In der Nacht stürmte es, es gab ein heftiges Gewitter. Ich wachte auf und erwartete Katharina jeden Moment bei uns. Aber sie kam nicht. Sie schlief tief und fest. Unsere Freude blieb jedoch von kurzer Dauer, denn Katharina kroch in den folgenden Nächten wieder in unsere Mitte.

Ein paar Tage später sitzen wir am Tisch und Judit schreibt jenen Leuten zurück, die uns an die alte Adresse Post geschickt haben. Plötzlich meint Katharina: „Wir müssen auch dem Nikolaus einen Brief schreiben“. „Wem?“, fragte Judit nach. „Na dem Nikolaus“, sagt Katharina, „der weiß ja nicht unsere neue Adresse“. Judit lächelte: „Natürlich! Du hast recht. Er kommt ja in unsere alte Wohnung. Dem schicken wir auch die neue Adresse“. Katharina lächelt ebenfalls und meint: „Weißt, das habe ich mir gestern schon gedacht. Das hat mir der Himmel gesagt.“

  1. 11. Über den Sommer war ich sehr müde, Katharina und Judit hatten wenig von mir. Ich hing in Kärnten herum wie ein nasser Waschlappen. Wir hofften, dass ich mich beim Schwimmen, Schlafen und Sonnenbaden erholen würde. Doch nach dem Urlaub war es wie vor dem Urlaub. Ich war sehr müde und ausgelaugt. Als ich eines Tages zu müde zum Essen war, ging ich ins Krankenhaus. Nach der Blutuntersuchung zeigten sich die Ärzte mit blassem Gesicht und sprachen über eine Patientenverfügung. Mein Körper war nämlich mit CO2 vergiftet, da ich schlecht ausatmete. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Ich bekam keine Luft mehr und wurde in Tiefschlaf versetzt. Dieser dauerte aufgrund einer Lungenentzündung und anderen Komplikationen schließlich drei Wochen. „Papa schläft“, sagte Katharina, „er ist sehr müde“. Sie kam immer wieder auf Besuch, sang mir was vor, brachte mir Kastanien oder malte mir Bilder. Sie staunte nicht schlecht über die vielen Maschinen, die rund um mich arbeiteten. Auch Judit, ihre Geschwister, die Schwiegereltern, Freunde, meine Eltern und meine Geschwister kamen auf Besuch. Eines Tages kam auch der Caritas Pfarrer, Tomas Kaupeny und sang einige seiner Lieder. Dies sorgte auf der ganzen Intensivstation für Begeisterung. Ich wäre beinahe aus dem Tiefschlaf erwacht, man musste mein Narkotikum erhöhen.

 

Ich erwachte während der Aufwachphase zu schnell, war völlig verwirrt und desorientiert. Zum Teil lebte ich noch in meinen dunklen Träumen, in denen ich verfolgt wurde und man mir nach dem Leben trachtete. Langsam wurde mir bewusst, dass ich am Rosenhügel liege und von meiner Frau täglich zweimal besucht wurde. Ab und zu kam auch Katharina mit, sie streichelte mir mit ihren kleinen Händen über das Gesicht und meinte, „ Papa, ich hab dich lieb!“. Solche Momente waren sehr aufbauend und brachten mich rasch ins Leben zurück.

 

Es ist nun schon die neunte Woche die ich im Krankenhaus verbringe. Inzwischen bin ich nicht mehr stationär am Rosenhügel sondern in einer Art Rehabstation für beatmete Patienten im Otto-Wagner Spital. Für Katharina war meine Zeit im Krankenhaus nicht einfach. Sie hatte kaum eine Mutter, diese war sehr oft im Krankenhaus. In letzter Zeit schlief Judit immer wieder bei mir im Spital. Katharina übernachtete bei Nonna und Opa. Opa wurde immer ins Gästezimmer ausquartiert. Katharina schlief im Ehebett bei Nonna, was ihr natürlich sehr gefiel. Allerdings nutzte sich diese Freude mit der Zeit ab und Katharina wollte wieder bei Mama und zu Hause schlafen. Sie vermisste auch ihren Papa. Wenn sie auf Besuch ins Krankenhaus kam, betrachtete sie mich sehr genau. Die Kanüle im Hals, die Beatmungsmaschine und die Schläuche der Magensonde welche aus meinem Bauch herauswuchsen, das alles beschäftigte sie sehr. Eines Nachts hatte sie plötzlich furchtbares Bauchweh. Sie weinte so sehr, dass Judit mit ihr im Auto Richtung Krankenhaus fuhr. Noch unterwegs meinte Katharina: „Ich habe nur geträumt“. Wahrscheinlich hat sie von meiner Magensonde geträumt, was mir sehr leid tat.

 

Vorletzte Woche feierten wir Judits Geburtstag, sie wurde 40 Jahre alt. Zum Feiern war ihr nicht zumute und ich durfte auch das Krankenhaus noch nicht verlassen. Kurzerhand wurde im Spital gefeiert. Nonna backte eine ihrer wunderbaren Torten, die sie im Picknickkorb mit Tellern und Gabeln mitbrachte. Auch Judits Geschwister waren gekommen. Gefeiert wurde am Gang, im so genannten Wintergarten. Die Sonne schien durch das Fenster und die Festgäste genossen die köstliche Torte. Ich durfte sie nicht essen, da ich Schluckprobleme habe und die Gefahr besteht, dass Teile der Torte in die Luftröhre kommen.

Dafür speiste ich meinen „Eierlikör“, eine künstliche breiartige Nahrung, welche ich über einen Schlauch in den Darm eingeführt bekam. Die anderen Gäste tranken Kaffee aus dem Automaten. Katharina durfte das Geld einwerfen, darin ist sie Spitze. So wurde es trotz der schwierigen Umstände ein nettes Fest.

 

Besorgt kamen alle zwei Wochen meine Eltern aus Kärnten. Sie wollten sehen, wie es ihrem Sohn geht und ihn wieder aufbauen. Ich freute mich über diese Besuche sehr, wenngleich sie sehr anstrengend waren – wie alle anderen Besuche auch. Mein Gesundheitszustand bedrückte sie mehr als sie mir gegenüber eingestanden. Denn als sie im Auto mit Judit am Steuer und Katharina am Rücksitz in die Wohnung heimfuhren, herrschte im Fahrzeug bedrückte Stille. Plötzlich sagte Katharina laut: „Ich hab den Papa ur-ur-ur-lieb!“. Da mussten alle erleichtert lachen.

 

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