25.04.: Jeden Morgen stehen Katharina, Judit und ich im Wettbewerb, wer als erster fertig angezogen ist. Meistens gewinnt Katharina, gefolgt von Judit, ich bin immer der Letzte. Heute ist ein Plenartag im Parlament und so stand ich bereits um 6:30 Uhr auf. Als Katharina ins Zimmer kam, war ich bereits fertig angezogen. Katharina war kurz entsetzt. Sie überlegte und meinte dann: „Weißt du Papa, du bist der Verlierer. Denn in der Bibel steht, die Letzten werden die Ersten sein. Ich habe gewonnen!“

1.05.: Katharina will wieder einmal nicht Zähne putzen. Nach einigem Hin und Her sagt sie plötzlich zu Mama: „Noch ein Wort und du bist Geschichte!“ Judit schaut perplex ihre Tochter an. „Was ist Geschichte?“, fragt sie Katharina. Diese zuckt die Achseln, „Das weiß ich nicht“. Judit erklärt ihr, dass Geschichte alle vergangenen Ereignisse sind. Die Reaktion von Judit war äußerst gut und brachte auch Katharina zum Nachdenken. Man muss nicht alles nachplappern, was man so zu hören bekommt.

Jeden Abend betet Judit mit Katharina im Bett liegend Vater Unser oder etwas anderes. Neuerdings leiert Katharina das Gebet schnell herunter, damit sie endlich ihre Geschichte vorgelesen bekommt. Die Reaktion Judits ist auch hier äußerst cool. Sie sagt vorerst nichts und geht zum Vorlesen des Bilderbuches über. Die Buchgeschichte liest sie dann gleich schnell und leiernd wie Katharina zuvor im Gebet gesprochen hat. Katharina protestiert und sagt: „Okay Mama, wir beten noch einmal und diesmal langsamer“. Was auch passiert. Am Ende des Gebetes fragt Judit immer: „Möchtest du noch etwas dem lieben Gott ausrichten?“ Katharina zögerte nicht und sagte heute: „Bitte lieber Gott, mach den Papa stark, damit er kein Röhrl mehr im Hals braucht“. Das war ihr Wunsch, den sie mit den Worten beendete: „Baba und tschüss, lieber Gott“. Meine Kanüle im Hals beschäftigt sie noch immer sehr stark.

 

15.05.: Der Nachrichtensprecher im Radio sprach heute Morgen von einem drohenden Wettersturz, worauf sich Katharina zu fürchten begann. Ob einem bei so einem Wettersturz gar die Wolken auf den Kopf fallen? Was passiert, wenn der ganze Himmel abstürzt? Jedenfalls zog sie sich dick an, als sie in den Kindergarten spazierte.

 

23.05.: Ich weiß nicht warum, aber ab und zu pfeift das Ventil meines Beatmungsschlauches schrill auf, ähnlich der Rückkoppelung eines Mikrofones. Nachdem mein Schlauch gestern mehrmals gepfiffen hatte, meinte Katharina: „Papa! Wenn du noch einmal so pfeifst, gehst du in dein Zimmer!“

 

24.05.: Heute morgen dröhnte es aus meinem Schlauch schon wieder recht eigenartig, so als ob ich mit einem eingeschalteten Mikrophon den Lautsprecherboxen zu nahe gekommen wäre. Es pfiff mehrmals recht laut durch unsere Wohnung. Katharina kam ins Schlafzimmer und sagte diesmal nicht, dass ich zur Strafe in mein Zimmer gehen soll – immerhin war ich ja schon dort. Diesmal sagte sie vorwurfsvoll: „Papa! Papa, hör auf so zu pfeifen. Sonst bleibst du im Bett!“

 

29.05.: Wir gehen jeden Sonntag in die Caritasmesse in die Herz-Jesu Kirche am Schedifkaplatz. Die Messe beginnt jeweils um 18:00 Uhr und ist äußerst empfehlenswert für alle, die einmal eine lebendige Messe erleben wollen. Die Kirchengemeinde ist eine eigenartige Mischung aus obdachlosen, behinderten und interessanten Menschen. Es gibt auch viele Kinder und ein eigenes Kinderprogramm mit selbst komponierten Liedern des Pfarrers Tomas. Die folgende negative Geschichte stellt wirklich die Ausnahme dar, ich habe auch schon viele schöne Erlebnisse in der Messe gehabt. Denn grundsätzlich bin ich niemand, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Aber die Caritasmesse hat etwas Besonderes!

Nun zum Pfingssonntags-Erlebnis: schon in den letzen beiden Messen ist eine scheinbar verwirrte Frau mit Stoffteddybär unter dem Arm beim Friedensgruß auf mich zu gekommen und hat mich abgebusselt. Die feuchten Schmatzer waren der größte Ekel, den ich seit langem empfunden habe. Ich kann allerdings nur leise reden, nicht schreien und nicht meine Arme zur Abwehr einsetzen. So bin ich dieser Frau immer hilflos ausgeliefert. Diesmal bat ich Judit um Schutz. Sie solle aufpassen und die Frau abweisen. Doch die Frau wartete lauernd und nützte einen Moment, in dem Judit abgelenkt war. Ich konnte meinen Kopf gerade noch zur Seite drehen und so verhindern, dass sie mich direkt auf den Mund geküsst hätte. Als Judit sah, wie ich wieder mit Küssen quasi vergewaltigt wurde, fuhr sie die Frau an, dass ich das nicht wolle. Darauf die Frau wütend: „Willst mir jetzt eine fotzen! Er will ja eh!“ Sie hatte kein Einsehen.

Im Auto fragte Katharina: „Warum hat die Frau den Papa geküsst?“ Judit antwortete: „Ich weiß nicht. Ich glaube, sie will uns den Papa weg nehmen“. Katharina: „Nein, das will ich nicht! Dann habe ich ja keinen Papa mehr!“ Judit: „Unseren Papa geben wir nicht her!“ Katharina: „Gell Mama, nur du und ich dürfen den Papa küssen. Und die Assistentin Enila“. Papa: „Ja, nur Ihr dürft mich küssen und Enila zum Geburtstag“.

 

29.05.: Was tut man an einem verregneten Sonntag? Man fragt seine Tochter, ob sie nicht etwas mit mir spielen möchte. Katharina verschwindet kurz in ihr Zimmer und kommt mit einer Schachtel wieder. „Papa, ich weiß, was wir spielen: Mensch ärgere dich nicht.“ Sie entfaltet das Spielbrett und fragt, welche Farbe ich nehmen möchte. „Rot“, sage ich. Doch Katharina sagt entsetzt: „Papa, rot nehme ich. Du nimmst blau. Dann bist du neben mir“. Papa ist natürlich einverstanden. Ich kann aufgrund meiner Behinderung nicht die Arme bewegen. Kein Problem für Katharina, sie packt zwei Würfel aus und würfelt einmal für mich und dann für sich. Auch meine Augen sind sehr schlecht und ich kann die Spielkegel auf dem Brett nicht sehen. Auch kein Problem für Katharina! Schon eher ein kleiner Vorteil für sie, wenn ihr Gegner, der Papa, nicht alles sehen kann. Grundsätzlich vertraue ich ihr ja, wie sie für mich würfelt und die Figuren Feld um Feld voran schiebt. Eigentümlich kommt mir nur vor, dass Katharina so viel Glück hat: „Papa, ich habe einen Sechser gewürfelt. Und jetzt noch einen Sechser. Papa, schon wieder ein Sechser…!“ Nur einmal wende ich ein, dass ich lieber mit dem anderen Spielkegel fahren möchte. Darauf Katharina entsetzt: „Aber Papa, dann schlägst du mich ja!“ Natürlich fahre ich so wie es Katharina vorgeschlagen hat. Und so war auch das Spielende absehbar: „Papa, ich habe gewonnen!“ So ein Zufall!

 

1.06.: Ich habe vorübergehend eine neue Beatmungsmaschine, die leider noch sehr schlecht eingestellt ist. Dauernd gibt es Alarme: Peep zu tief, Druck zu hoch. Die Maschine ist schwer zufrieden zu stellen. Eine Assistentin wurde vom dauernden Pfeifen und Schrillen der Maschine schon recht nervös. Da kam Katharina ins Zimmer und sagte zur Assistentin ganz cool: „Die Maschine ist wurscht. Schau den Papa an. Wenn er lacht, ist alles ok!“

7.06.: Opa holt Katharina regelmäßig vom Englischunterricht ab. Im Auto fahren sie nach Hause und machen hin und wieder einen Zwischenstopp im Supermarkt, wo Katharina eine Wurstsemmel bekommt. Einmal sagte Katharina im Auto: „Opa, bleib beim Supermarkt stehen, ich mag eine Wurstsemmel“. Leider war das zu spät, denn die Einfahrt hatten sie mit dem Auto schon passiert. Der Opa bedauerte dies, Katharina nahm es scheinbar hin. Doch eine Woche später, sagte sie im Auto gleich beim Wegfahren: „Opa, wir gehen eine Wurstsemmel kaufen. Ich sag es dir jetzt, damit wir nicht wieder am Supermarkt vorbeifahren“. Da konnte der Opa nicht anders, als Katharina eine Wurstsemmel zu kaufen.

Letzte Woche waren Opa und Katharina wieder im Supermarkt, diesmal mit einer ganzen Einkaufsliste. Als sie bereits mit den Waren im Einkaufswagen an der Kassa standen, fiel Opa ein, dass er etwas vergessen hatte. „Ich hole noch schnell etwas“, sagte er zu Katharina und ließ sie in der Warteschlange alleine zurück. Als er zurückkam, fragte ihn die Kassiererin, ob er zu dem Kind gehöre und Geld habe. Denn Katharina hatte, als sie an die Reihe kam, alle Waren vom Einkaufswagen auf das Fließband gelegt, selbst die schweren 2 Liter Flaschen Mineralwasser. Die Verkäuferin hatte die Waren eingescannt und dann sah sie die 5-jährige Einkäuferin groß an. „Nein, Geld hab ich keines“, sagte Katharina. Die Verkäuferin war ratlos – aber da kam Gott sei Dank Opa mit der Geldtasche.

 

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