30.06: Marie-Luise ging es schlecht. Sie war ständig müde und ausgelaugt, musste sich hinsetzen oder versuchte durch ein Mittagsschläfchen neue Kraft zu tanken. Ihre Müdigkeit war so groß, dass sie sogar nach einem Telefonat völlig erschöpft war. Ein Zeichen, dass sie unbedingt im Krankenhaus untersucht werden musste. Im AKH wurde sie gleich stationär aufgenommen, da ihr Blut auffällig war. Katharina ging ihre Nonna sehr ab. Sie vermisste sie sichtlich. Als Judit mit Katharina die Nonna im Krankenhaus besuchte, fragte Katharina besorgt: „Mama, bekommt die Nonna jetzt auch ein Röhrl in den Hals, wie der Papa?“ Judit zerstreute die Besorgnisse unserer Tochter. Aber es zeigte auch, dass sie meine Beatmung noch sehr beschäftigt und Angst hat, dass man nicht mehr so wie früher aus dem Krankenhaus nach Hause kommt.

Nonna geht es jetzt Gott sei Dank wieder besser. Sie ist zwar noch wackelig auf den Beinen, aber sie erholt sich von Tag zu Tag. Jeden Morgen macht sie einen langen Spaziergang mit ihrem Mann quer durch Schönbrunn. Katharina freut das sehr, sie spielt mit Nonna Karten – und lässt sie gewinnen.

 

06.07: Ich habe schon einmal geschrieben, wie nett es ist, mit meiner Tochter Brettspiele zu spielen. Sie würfelt für mich und schiebt die Kegel weiter. Verlieren ist für sie ganz schlimm! Aber den Papa lässt sie heimlich gewinnen. Er sieht schlecht und kann nicht die Anzahl der Augen auf dem Würfel erkennen. Sie würfelt und sind die gewürfelten Punkte für mich ungünstig, gibt sie sich verlegen und würfelt schnell noch einmal. Hat ja eh keiner gesehen! Hauptsache, sie muss mich nicht rauswerfen. Das ist wirklich berührend.

 

15.07: Katharina spielte mit einer Kindergarten-Freundin bei uns zu Hause. Judit sagte zu ihr, dass sie jetzt zu sich nach Hause gehen müsse, da sie den Papa von Katharina von der Arbeit abholt. „Der kann doch gar nicht arbeiten“, sagte das 5-jährige Mädchen, „der Papa von Katharina ist ja behindert“. Darauf Katharina: „Mein Papa ist nicht behindert. Er kann den Daumen bewegen“.

 

16.07: Im Sommer Schwimmengehen war immer unser gemeinsames Familienvergnügen. Jetzt geht das leider nicht mehr. So ging Judit gestern alleine mit Katharina ins Gänsehäufl schwimmen. Ich blieb zu Hause. Als sie am Abend heim kamen, berichtete Katharina stolz von ihren Erlebnissen: „Papa, im Wellenbecken hat mich eine große Welle ins Gesicht getroffen. Papa, ich bin durch die Welle richtig auf den Rücken gefallen, war urlustig. Papa, wir sind über die große Rutsche ins Wasser gerutscht. Das war cool, Papa.“ Es hat mich sehr gefreut, dass Katharina so schillernd von ihren Erlebnissen erzählt hat und gewissermaßen war es eine Versöhnung mit dem getrennt verbrachten Tag. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Wochenenden trotzdem gemeinsam gestalten können.

 

18.07: Gestern war ein besonders heißer Tag. Judit schaltete am Abend die Rasenspritzanlage an und Katharina nutzte den künstlichen Regen um lustvoll hin- und herzurennen. Dabei sang sie leise vor sich hin: „Ich bin ein kleines Wunschkind…“. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir dies ihr gesagt haben. Aber es stimmt und es ist schön, dass sie so empfindet.

 

03.08: Wir sind auf Urlaub bei meinen Eltern am Millstätter See, in der Nähe von Spittal an der Drau. Gleich in der Früh lief Katharina zur Terrassentüre und öffnete die Balken: „Es regnet, Mama!“, rief sie entsetzt. „Also nichts mit Schwimmen“, sagte Judit. Dabei hatte Katharina in den letzten Tagen wirkliche Fortschritte beim Schwimmen gemacht. Eine Woche lang war sie nur bis zu den Knien ins Wasser gegangen, hatte sich geweigert, im Millstätter See ihre Schwimmkünste zu verbessern. Doch gestern siegte der Mut und siehe da, Katharina konnte gar dreizehn Tempi alleine schwimmen – ohne Untergehen und Wasser schlucken! Heuer war ich nicht wie sonst im Wasser, denn mit der Atemkanüle ist das Risiko zu groß, dass Wasser direkt in die Lunge kommt. Natürlich ist auch das Beatmungsgerät nicht unbedingt wasserdicht und wenn es absäuft, saufe ich Minuten später auch ab. So bleiben die Erinnerungen an Zeiten, wo ich mit Katharina gemeinsam im See geschwommen bin und sie Freude strahlend und spritzend auf mich mit Schwimmflügeln zugeschwommen ist. Aber an Schwimmen war heute ohnehin nicht zu denken.

„Wir können ein Brettspiel spielen“, schlug Judit vor. Katharina war sofort begeistert und begann mit der Organisation: „Ich spiel rot, der Papa blau, die Mama grün und Nina gelb. Ich und Mama würfeln mit dem schwarzen Würfel, Nina und Papa mit dem roten“. Das reichte ihr aber noch nicht ganz und so legte sie weiters fest: „Zuerst würfle ich, dann die Mama, dann der Papa und zum Schluss die Nina. Das ist heute der Uhrzeigersinn!“

Vorgestern waren wir im Schloss Porcia in Spittal und sahen uns das Kindertheaterstück „Biene Maja“ an. Als wir im Schloss ankamen, musste ich prompt katheterisieren. Judit fand rasch ein „stilles Örtchen“ im Schloss hinter zwei Plakatständern. Sie öffnete den Notfallskoffer, zückte Urinflasche und Katheder und schon konnte es los gehen. Katharina ging inzwischen zur Platzanweiserin und redete mit ihr über die Länge des Stückes, dass Mama und Papa gleich kommen, dass der Papa noch „kathetert“ werden muss und dass der Papa krank sei. Die letzte Aussage verwunderte mich sehr und ich fragte später Katharina, was sie der Dame über mich gesagt hat, ob ich wirklich krank sei? Katharina schüttelte den Kopf: „Nicht krank, ich habe der Dame gesagt, dass der Papa gratis ist“. Denn Rollstuhlfahrer zahlten keinen Eintritt.

Das Stück gefiel Katharina ausgezeichnet. Sie lachte hell auf, wenn die Biene Maja oder Flip auf der zu einer Hüpfburg verwandelten Bühne durch die Gegend sprangen. Als wir wieder im Auto nach Hause fuhren, piepste mein Beatmungsgerät am Rollstuhl. Ein Fehlalarm, der natürlich ein richtiger Alarm hätte sein können. Katharina drehte sich besorgt zu mir um und fragte: „Papa, geht es?“. Ich nickte. Darauf rief Katharina laut zu Mama vor: „Dem Papa gehts eh!“ Ein schönes Gefühl, wenn die Tochter so um einen besorgt ist.

Ein ähnlich Herz zerreißendes Erlebnis gab es gestern vor dem Abendessen. Mein Vater, ich und Katharina saßen schon bei Tisch und warteten auf das Essen. Katharina fragte Opa Franz, wer denn seine Kinder sind. Opa Franz sagte: „Der Christian, die Claudia und der Franzi“. Darauf sprang Katharina vom Sessel auf, lief zu mir, umarmte meinen linken Arm und sagte Freude strahlend: „Mein Papa!“

 

31.08: Diese Woche hatte Katharina Urlaub vom Kindergarten, da dieser eine Woche im Sommer geschlossen ist. Am Montag ging Katharina mit Judit ins Büro und unterhielt die Mitarbeiter der Caritas. Am Dienstag ging sie mit Svetlana schwimmen. Am Mittwoch war schließlich der Papa an der Reihe. Ich hatte vor, mit Katharina ins „Haus des Meeres“ zu gehen. Es war einer der schönsten Nachmittage der letzten Jahre. Schon als wir zum Bus des Fahrtendienstes gingen, hackte sich Katharina bei meinem linken Arm ein. So schlenderten wir durch die Straße. Ich war sehr stolz auf meine Tochter. Da ich während der Autofahrt im Rollstuhl hin und her rutschte, ergriff Katharina wieder meine Arme und hielt mich fest. „Geht’s so besser?“, fragte sie. Ich nickte lächelnd. Wir sahen uns bunte Fische, einen Schwarm von Babyfischen, eine riesengroße Wasserschildkröte, Schlangen und ein Krokodil an. Im Fernsehen wurde darüber berichtet, dass man die Krokodile streicheln kann. Um 16 Uhr war so eine Streicheleinheit angesagt. Wir warteten. Katharina meinte jedoch: „Ich streichle das Krokodil sicher nicht. Aber der Papa streichelt das Krokodil. Es war ja seine Idee!“ Wir warteten vergebens auf eine Tierpflegerin. Sie kam nicht und ich hatte großes Glück! Begleitet wurden wir von der Assistentin Nina. Katharina schätzt sie so sehr, dass sie ein Kompliment machte, dass fast ein Gedicht war: „Nina, du bist wie eine Blume. Ich möchte dich in unserm Garten einpflanzen“.

 

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