1.9.: Im Auto auf dem Weg zu einer Hochzeitsfeier hält Judit Katharina einen Vortrag über den Partner für das Leben, der gut ausgesucht werden müsse. Sie habe mit Papa die richtige Wahl getroffen. Da fragte ich Katharina: „Oder möchtest du einen anderen Papa?“ Sie überlegte kurz und meinte dann: „Nein, du bist mein Papa, nur mein Papa, nur mein Papa!“ Ich freute mich sehr und fragte nicht weiter. Mehr wollte ich eh nicht wissen. Immerhin musste Katharina durch meine Behinderung auf viele gemeinsame Aktivitäten mit ihrem Papa verzichten. Wie gerne würde ich ihr aus einem Buch vorlesen, mit ihr am Boden hockend Lego bauen oder einfach einmal richtig raufen. Einerseits scheint ihr dies gar nicht abzugehen. Zumindest sagte sie noch nichts in diese Richtung. Vieles ist für sie selbstverständlich. Andererseits stürzt sie sich aber immer auf Freunde von mir, drängt sie zum Spielen und auch kleinen Raufereien. Dies ist wohl ein Zeichen dafür, dass ihr das sehr wohl abgeht. Auch ich würde gerne mehr mit ihr machen und wahrscheinlich hat auch Judit Recht, dass ich trotz meiner Behinderung noch viel mehr mit meiner Tochter gemeinsam machen könnte.

 

9.10.: Katharina ist zu einer Geburtstagparty eines Kindergarten-Freundes eingeladen. Der Bub hatte eine großartige Idee: Er wünscht sich eine Horrorparty und alle Gäste sollen entsprechend verkleidet kommen. Katharina möchte jedoch als Prinzessin gehen. Ich hatte einen Kompromissvorschlag: „Du kannst als Prinzessin gehen und dir in das Haar Spinnweben stecken“. Katharina war entsetzt und weinte. Aber ich hatte noch einen Alternativvorschlag: „Du könntest dir auch in das Gesicht eine große schwarze Spinne malen“. Damit hatte ich es mir mit Katharina endgültig verscherzt.

Seit drei Tagen hat Katharina einen „Wackelzahn“. Darauf ist sie ganz stolz. Eine Freude, die ich nur schlecht nachvollziehen konnte. Aber dann erzählte mir Katharina, was hinter dieser Freude steckt: „Wenn der Zahn herausfällt, lege ich ihn unter das Kopfkissen und dann holt ihn die Zahnfee. Und weißt du was, Papa? Die Zahnfee bringt dafür ein Geschenk“. Das war mir völlig neu. Eine Zahnfee gab es zu meiner Zeit noch nicht. „Wahrscheinlich bringt sie als Geschenk eine Zahnbürste“, sagte ich und tappte wieder in ein Fettnäpfchen. „Nein, Papa! Die Zahnfee bringt ein wirkliches Geschenk. Ein Barbie-Schloss!“

Am Wochenende wackelte der Zahn schon sehr bedenklich und drohte, jederzeit herauszufallen. Das löste bei uns ärgste Besorgnis aus, nicht da wir uns vor der Zahnlücke fürchteten, sondern weil wir noch nichts hatten, was die Zahnfee unter das Kopfkissen hätte legen können. Zum Glück hielt aber der Wackelzahn den Zungenschubsereien von Katharina stand und fiel erst am folgenden Donnerstag aus dem Mund. Judit hatte der Zahnfee ein wenig geholfen und so befand sich am Morgen darauf anstelle des Zahnes eine kleine Kinderuhr unter Katharinas Kopfkissen. Was sie sehr freute und dazu animierte, alle anderen Zähne auf ihre Festigkeit zu überprüfen. Und tatsächlich fand sich bereits ein neuer Wackelzahn. Die Kinderuhr mit den zwei Zeigern war auch insofern ein wichtiges Geschenk, da sich Katharina sehr für die Zeit und ihre Messung interessiert. In unserer Wohnung findet sich aber keine einzige Uhr mit Zeigern. Ein Umstand, der uns zuvor gar nicht aufgefallen war. Wenn Katharina immer früh morgens zu uns ins Bett gekrochen kommt und fordert: „Mama, aufstehen!“ fragt Judit stets: „Wie spät ist es denn?“ Katharina geht dann in die Küche und liest vom Backrohr und vom Mikrowellenherd die digitalen Anzeigen ab. Diese variieren und Katharina kommt dann wieder ins Bett und sagt beispielsweise: „Sieben . Zwei zwei Sieben. Zwei drei“. Mit ihrer neuen Kinderuhr können wir jetzt noch besser den Umgang mit der Zeit erklären. Zum Glück gibt es eine Zahnfee, die mitdenkt.

 

15.10.: Nächtlicher Schlaftourismus: Gegen elf Uhr sind wir gestern eingeschlafen. Ich und Judit im Doppelbett, Katharina schlief in ihrem Zimmer. Gegen ein Uhr weckte ich Judit, sie musste katheterisieren. Gegen zwei Uhr kam Katharina in unser Bett. Gegen drei Uhr ging Judit in Katharinas Bett um ungestört weiterschlafen zu können. Gegen vier Uhr musste ich umgelagert werden, Katharina ging zurück in ihr Bett zu Judit. Gegen fünf Uhr ging Judit wieder in ihr Bett zurück. Als wir gegen sieben Uhr aufwachten, lagen wir zu dritt im Doppelbett. Nur Katharina schien ausgeschlafen zu sein.

 

22.10.: Wenn doch die Zeit schneller verginge. Meine 5jährige Tochter wartet schon sehnlichst auf den Schuleintritt. Neulich in der Früh streckte sie Judit ihren Fuß entgegen und meinte: „Schau Mama, wie groß mein Fuß ist. Der ist schon schulreif!“.

 

31. 10.: Mit meiner Behinderung komme ich eigentlich recht gut zurecht. Es gibt jedoch Momente, in denen ich gerne meine Arme ausstrecken würde, um meine Frau oder meine Tochter zu umarmen. Die gelähmten Arme verhindern diese Zuwendungen und Streicheleinheiten. Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich letzten Sonntag. Was macht man an einem verregneten Sonntagmorgen? Man spielt mit seiner Tochter „Mensch ärgere Dich nicht“. Katharina würfelte für mich einen Sechser nach dem anderen, jubelte und ergriff meine linke Hand: „Schau Papa, du hast schon wieder einen Sechser gewürfelt!“ Ich freute mich über dieses Spielglück sehr und streichelte mit meinem Daumen, den ich noch bewegen kann den Handrücken meiner Tochter. Sie schaute mich erstaunt an und rief laut: „Mama schau, was der Papa alles machen kann!“ Katharina war stolz und ich war vermutlich der glücklichste Vater auf der Welt.

 

1.12.: Diese Woche waren wir mit unserer fünfeinhalbjährigen Tochter bei der Schuleinschreibung. Wir hätten gerne, dass Katharina – obwohl sie nicht behindert ist – in eine Integrationsklasse geht. An unserer Schule gibt es im nächsten Jahr drei Klassen, wovon eine eine Integrationsklasse ist. Offenbar möchten aber sehr viele Eltern ihre Kinder in die Integrationsklasse geben, da die Rahmenbedingungen (zwei Lehrer, geringere Schülerzahl, anschauliche Lehrmaterialien, offener Unterricht…) natürlich wesentlich besser sind. Ich habe versucht, Katharina auf die Schuleinschreibung entsprechend vorzubereiten. Aus meiner Zeit kann ich mich an Bildchen erinnern, die die Lehrerin gezeigt hat und die ich benennen musste: Zaun, Baum, Haus, Auto… Ich empfand das damals ziemlich lächerlich. Zu Katharina sagte ich, dass sie zu allen Bildchen immer „Muh“ sagen soll. Dann kommt sie sicherlich in die Integrationsklasse. Natürlich hat sich Katharina nicht an diesen väterlichen Ratschlag gehalten und mit Eifer ihr Bestes gegeben. Jetzt müssen wir bangen, ob sie in die Integrationsklasse aufgenommen wird.

 

11.12.: In der Früh herrscht bei uns immer ein Wettbewerb zwischen Katharina, Judit und mir, wer zuerst angezogen ist. Vor allem Katharina verliert nicht gerne und zieht sich rasend schnell an. Zweiter bin meistens ich. Wenn Judit aus der Dusche kommt, hat sie meistens schon verloren. So war das zumindest die letzten Monate. Meine gut eingespielten Assistentinnen werden in der Früh aber immer schneller und in den letzten Wochen war ich oft vor Katharina angezogen. Ein Sieg, der meiner Tochter bitter schmeckte. Nun hat sie kurzerhand die Spielregeln verändert: Ich gelte an Kindergartentagen (Montag bis Freitag) nur als fertig angezogen, wenn ich auch im Rollstuhl am Küchentisch beim Frühstück sitze. Da dies durch das Durchbewegen der Arme wesentlich länger braucht, habe ich wohl kaum eine Chance jetzt noch den Tag als Anzieh-Sieger zu beginnen. Bleibt noch die Chance am Wochenende. Da gelten andere Spielregeln. Mal sehen.

 

20.12.: Meinen ersten Computer kaufte ich mir selbst zu Beginn des Studiums. Der Umgang mit der Maus war mir zuvor völlig fremd und erst nach und nach lernte ich die Möglichkeiten des Gerätes zu schätzen. Wobei ich anfangs die Angst hatte, die falsche Taste zu drücken und alles stürzt plötzlich ab. Ganz anders geht Katharina mit Computern um: Sie kann ihn alleine einschalten, ihn hochfahren, eine Spiel-CD einlegen und das gewünschte Programm starten. Auch im Internet macht sie bereits erste Erfahrungen. Auf meiner Homepage habe ich eine Aktion gestartet, bei der man virtuelle Kerzen für eine Reform der ORF-Aktion „Licht ins Dunkel“ anzünden kann. Eine der ersten Unterstützerinnen war Katharina, die mit der Maus ohne Probleme eine Gleichstellungskerze anzündete und sich sehr über die flackernde Flamme freute. Seitdem fragt sie täglich: „Papa, soll ich nachschauen, wie viele Kerzen schon brennen?“ Wenn ich nicke, fährt sie den Computer hoch, startet das Internetprogramm und liest auf meiner Homepage den „Kerzenzähler“, was dann so klingt: „Papa, es brennen schon sieben eins fünf neun Kerzen!“ Darüber freuen wir uns beide sehr.

 

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