19.04: Es ist halb sechs Uhr früh. Wir sind mit Katharina, Judits Schwester Nicole und der Assistentin Claudia im Auto auf dem Weg zum Westbahnhof. Als die Schienen in Sicht kommen, ruft Katharina: „Da bin ich mit der Nonna nach Bregenz gefahren. Wir haben im Zug geschlafen. Mama, bekomme ich auch im Zug ein Frühstück, wie damals mit der Nonna? Ich möchte einen Kakao, eine Semmel und Marmelade“. Judit nickt, „natürlich!“. Eine Träne rollt ihr über das Gesicht. Die Nonna ist tot. Vor drei Wochen ist sie in der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag gestorben. Erinnerungen tun weh. Die Zugfahrt geht nach Bregenz zum Geburtsort der Oma von Katharina. Mit einer Gedenkmesse soll ein würdiger Abschied mit der Familie, Verwandten und Freunden genommen werden. Im Zug bekommt Katharina ihr Frühstück. Es ist keine Marmeladesemmel, aber Katharina genießt auch Ciabatta mit Schinken und Käse. Während dem gemeinsamen Frühstück kommen Erinnerungen an Nonna, der vor allem Katharina sehr wichtig war.

Als wir Katharina vor sechs Jahren bekamen, hat Marie Luise als erste der Familie neugierig zur Türe hereingelugt. Die Neugierde und die Freude, jetzt endlich eine Nonna zu sein, hatte sie, wie man auf vorarlbergerisch sagt „herbeifußeln“ lassen. Ihre Freude war groß. Sie hatte bereits drei Kinder aufgezogen, wertvolle Erfahrungen, die wir damals dringend brauchen konnten. So verweigerte Katharina, als wir nach Hause in unsere Wohnung kamen, das Fläschchen. Blöde Sache, vor allem da Judit sie nicht stillen konnte. Nonna wusste Rat: Sie kaufte einen anderen Flaschenaufsatz und plötzlich trank Katharina. Marie Luise war eine liebende Großmutter, die immer für ihr Enkelkind da war. Stundenlang führte sie Katharina im Kinderwagen spazieren, schob sie steil bergauf zum Schönbrunner-Gloriette-Cafe, wo sie ihren Freundinnen stolz ihr Enkelkind präsentierte. In unserem Hinterhof-Garten ließ sie ein Dach konstruieren, immerhin könnte ja etwas von oben in den Kinderwagen fallen. Die Nonna kochte, wickelte und bügelte. Als Katharina größer wurde, brachte sie sie in den Kindergarten und holte sie wieder ab. Wenn wir uns schon begannen, Sorgen zu machen, wo denn beide bleiben, ging die Türe auf und Katharina erzählte strahlend von den vielen Farben am Karussell. Daran kamen beide niemals einfach so vorbei. Nonna nahm Katharina sehr ernst. Sie spielte leidenschaftlich mit ihr. Auch wenn Katharina schon längst ihr Interesse am Malbuch verloren hatte, saß die Nonna am Tisch und malte das Bild alleine zu Ende. Die Wünsche von Katharina waren ihr Gebot der Stunde. Unvergesslich wird mir bleiben, wie sie mit Katharina am Boden herumkrabbelte und ein Pferd spielte. Ihre größte Freude war es, mit Katharina shoppen zu gehen. Stundenlang probierten sie im Kleidergeschäft alles durch, bis sich Katharina für eine Prinzessin Lillifee-Unterhose entschied – natürlich rosarot.

Die Nonna hatte eine Schwäche: Sie rauchte am Tag ein paar Mentholzigaretten. Als ihr Judit erzählte, dass sie mit Katharina geschaukelt ist und Katharina sie statt mit zwei Händen nur mit einer Hand angeschubst hatte, horchte sie erschrocken auf. Die Begründung unserer zwei-jährigen Tochter lautete nämlich: „Ich rauche mit der anderen Hand, wie die Nonna“. Tags darauf hörte Nonna zu rauchen auf. Eine harte Entscheidung, da sie schon von Jugend an immer geraucht hatte. Für Katharina tat sie es, obwohl sie anfangs sichtlich darunter litt.

Vor einem Jahr war Katharinas Oma sichtlich erschöpft und müde. Sie keuchte, wenn sie die Stufen zu ihrer Wohnung im dritten Stock hinauf stapfte. Sie war nach einem Telefonat so geschwächt, dass sie sich erschöpft ins Bett legte. Sie konnte Katharina nicht mehr vom Kindergarten abholen, was sie sonst üblicherweise tat. Katharina empfand dies als Ablehnung. Für sie bedeutete dies, dass die Nonna sie nicht mehr so gerne wie früher hatte. So wollte sie, wenn Judit später nach Hause kam, nicht mehr von Nonna ins Bett gebracht werden sondern lieber von Opa. Das wiederum kränkte Nonna sehr.

Ein halbes Jahr später war Marie-Luise schon sehr krank, immer wieder brauchte sie Blutkonserven, da ihr Körper selbst nicht genug Blut produzierte. Nach solchen Infusionen fühlte sie sich besonders schwach und der Kreislauf war instabil. Katharina wollte sie jedoch am Sonntag besuchen und Judit brachte sie in die Wohnung der Großeltern. Sie wollten miteinander spielen und freuten sich schon darauf. Judit ging die Treppe hinunter. Plötzlich hörte sie Katharina laut schreien. So schnell sie konnte, ging Judit wieder zur Wohnungstüre hinauf. Katharina öffnete ihr entsetzt die Türe: „Die Nonna ist umgefallen!“ Tatsächlich lag Nonna im Vorzimmer am Boden. Sie war auch wieder bei Bewusstsein. Judit half ihr auf die Füße. Bei Katharina saß der Schock tief. Sie redete nicht darüber, wollte aber nie mehr mit ihrer Großmutter allein gelassen werden.

In der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag läutete gegen ein Uhr das Telefon. Judits Bruder sagte: „Der Mami geht es sehr schlecht, sie hat das Bewusstsein verloren, wir bringen sie ins Krankenhaus“. In den Wochen zuvor pendelte Katharinas Oma ständig zwischen zu Hause und dem Krankenhaus. Alle zwei Tage brauchte sie Bluttransfusionen, die sie ambulant bekam. Zum Glück hatten wir in dieser Nacht einen Assistenzdienst und so konnte Judit mit ihrer Familie ins Krankenhaus fahren. Früh morgens kam Judit verweint zurück. „Sie ist gestorben“, sagte sie mit gebrochener Stimme, als sie ins Bett schlüpfte. Am nächsten Tag in der Früh machte Judit am Boden ihre Turnübungen. Sie weinte. Katharina umarmte sie tröstend von hinten. „Die Nonna ist gestorben“, flüsterte Judit. „Wo ist sie?“, fragte Katharina. Judit: „Sie ist im Krankenhaus“. Katharina: „Ich will sie besuchen“. Judit überlegt, dann meint sie: „Ihr Körper ist im Krankenhaus, aber die Seele ist auferstanden. Ihr Geist und die Liebe ist im Himmel“. Katharina konnte dies nicht richtig verstehen und fragte immer wieder: „Wo ist die Nonna jetzt? Ich will sie besuchen!“.

Am Grab ist Katharina sehr verunsichert. Sie will nicht über die Rampe hinauf zum offenen Grab gehen und eine Blume für Nonna hineinwerfen. Sie bleibt lieber bei Papa am Rollstuhl sitzen. Der kommt auch nicht über die steile Rampe zum Grab. Doch plötzlich will Katharina zu Judit, die sie traurig auf der anderen Seite der Rampe sieht. Dann nimmt sie allen Mut zusammen und schreitet so schnell sie kann von der Assistentin Enila begleitet, über den Steg hinweg zu ihrer Mama.

Am Abend in der Gedenkmesse hält Judits Bruder eine berührende Rede. Er erinnert unter anderem daran, wie sehr Marie-Luise ihr einziges Enkelkind geliebt hatte. Er sagte: „Wie Katharina heute Grießknödel formt, so hat es ihr die Nonna beigebracht. Wenn Katharina ihre Puppen zu Bett legt, sind es die Handbewegungen von Nonna, wie sie es ihr gezeigt hat…“. Judit, ihrer Schwester und meinem Schwiegervater liefen die Tränen über die Wangen. Katharina sagte nichts, setzte sich aber zwischen sie und hält ihre Hand.

Nach der Gedenkmesse drängte Katharina, dass ihr Freund, der siebenjährige Nachbarsjunge Jakob, bei ihr schlafen kann. Den ganzen Nachmittag hatte sie schon mit ihm gespielt. Jakob war auch begeistert von dieser Idee, seine Mutter hatte nichts dagegen. So übernachtete erstmals ein Kind bei Katharina. Während Katharina sich gleich auf die Seite drehte und einschlief, hörte Jakob noch drei CDs bis auch er die Augen nicht mehr offen halten konnte. Am nächsten Morgen hörten wir die beiden in Katharinas Zimmer über den Tod philosophieren. Jakob meinte, wenn jemand stirbt, bleibt die Liebe und steigt nicht in den Himmel. Katharina wusste es besser und wiederholte, was Judit ihr gesagt hatte: „Doch! Die Liebe von Nonna ist im Himmel. Der Körper von der Nonna liegt im Grab. Nur ihr Kopf ist im Himmel“.

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