15.06.: Katharina hat eine eigene Form entwickelt, uns auf Fehlverhalten aufmerksam zu machen: Sie persifliert uns! So telefonierte Judit gestern am Handy und Katharina zückte ihr Handy, das ebenso läutete. Beide telefonierten. Judit konnte kaum noch reden, weil sie so lachen musste. So haben wir täglich ein Kabarettprogramm in der Früh. Eine gute Form, Kritik zu üben. Vielleicht spielt Katharina später einmal Kabarett, wie ihr Papa.

Noch eine kleine sonntägliche Geschichte aus unserem Alltagsleben. Wie jeden Sonntag wachte Katharina früh morgens auf und drängte Judit zum Aufstehen. Sie wollte noch ein wenig schlafen und meinte, „ich muss noch ein bisschen schlafen, aber um 8 Uhr stehen wir dann auf“. Katharina nahm den Wecker in die Hand und zeigte ihn Judit: „ es ist schon 8 Uhr!“ Verschlafen sah Judit auf die Uhr: „Tatsächlich es ist schon 8 Uhr. Gut, dann stehen wir auf“, gab sie müde nach. Sie machte im Wohnzimmer ihre Turnübungen und Katharina spielte mit ihrem Puppenhaus. Nach den Übungen ging sie in die Küche und sah auf die Uhr. Zu ihrem Erstaunen zeigte die Uhr 10 Minuten vor 8 Uhr. Da erst merkte sie, dass Katharina sie ausgetrickst und den Wecker vorgedreht hatte.

Tja, ich bin Politiker und meine Tochter hat offensichtlich einiges von mir gelernt. Als es neulich darum ging, wie viele Filme wir von Pippi Langstrumpf ansehen werden, erwies sich Katharina als geschickte Verhandlerin. Bislang hatten wir maximal drei Filme angesehen. Ich begann die Verhandlung mit einem Film. Katharina sagte gleich einmal: „Nein, Papa wir schauen vier Filme an!“ Ich sagte: „Nein, maximal zwei Filme“. Katharina beharrte jedoch auf ihren vier Filmen. So zog ich mein Angebot zurück und sagte: „Ein Film, oder kein Film“. Die Fronten schienen festgefahren. Da machte Katharina einen überraschenden Kompromissvorschlag: „Ok Papa, wir schauen drei Filme an. Zwei heute und den dritten morgen“. Damit konnten wir beide leben und keiner hatte sein Gesicht verloren. Noch ein Nachsatz: In Wahrheit sahen wir uns dann doch drei Filme an.

In der Erziehung ist jede Mutter und jeder Vater gefordert. Immer wieder stellen sie die Aussagen und Handlungen von Kindern vor neue Herausforderungen. Katharina wollte wieder einmal nicht Zähne putzen. Judit fragte: „Katharina, wenn du die Mama wärst, was würdest du tun, damit die Katharina die Zähne putzt?“ Katharina überlegte kurz, dann sagte sie: „Du musst mich packen, ins Bad tragen und mir den Mund aufreißen!“ Judit packte sie und trug die schauspielerisch strampelnde Katharina ins Badezimmer, dort setzte sie sie auf den Stuhl und „riss“ ihr den Mund auf. Katharina sagte: „Nein, nicht so Mama. Du musst mir den Mund so aufreißen!“ Sie zeigte Judit vor, wie man das bei Kindern machen muss und ließ sich ohne Probleme die Zähne putzen.

Nachtbeleuchtung. Jeder kennt das Problem, wenn man in der Nacht plötzlich aus dem Bett in die Toilette muss. Das Licht-Aufdrehen vermeidet man möglichst, da es sonst sehr blendet und man erst recht nichts sieht. Eine Taschenlampe ist die eine Möglichkeit. Katharina hat eine andere gefunden: Fast jede Nacht, wenn sie aufwacht, klettert sie aus ihrem Bett und kommt in das Schlafzimmer von Mama und Papa. Dort ist es natürlich stockfinster und der kuschelige Platz zwischen den Eltern ist schwer zu finden. Katharina tastet sich immer erst zu meinem Rollstuhl vor, der groß und mächtig neben dem Bett steht und tippt auf die schwach beleuchtete Anzeige der Beatmungsmaschine. Diese reagiert sofort und leuchtet heller auf. Das ganze Zimmer taucht in ein angenehm grünes Licht. Nach einiger Zeit erlischt das Licht wieder von selbst. Katharina hat in der Zwischenzeit ihren Platz gefunden und Mama entsprechend an den Bettrand gedrängt.

Böses Erwachen. In der Früh schlafen Mama, Papa und Katharina friedlich zusammen im Bett. Plötzlich wacht Katharina auf und weint: „Ich muss heute früher in den Kindergarten. Der Zauberer kommt!“ – „Wann kommt der Zauberer?“, fragt Judit schlaftrunken. „Um 9 Uhr“, sagt Katharina. Judit schaut gähnend auf den Wecker und ruft dann entsetzt: „Ja, es ist ja schon 8 Uhr! Wo bleibt die Assistentin?“ Üblicherweise weckt uns täglich die Assistentin, die um 7 Uhr kommt. Aber auch AssistentInnen sind Menschen, die mal verschlafen können. Hektik bricht bei Judit und Katharina aus. Ich liege scheinbar ruhig und bewegungslos im Bett. Aber im Geist bin ich hellwach. „Der Fahrtendienst kommt auch um 9 Uhr!“, sag ich gecufft und daher stimmlos zu Judit. Die Assistentin ist am Handy nicht erreichbar. Judit versucht einen Ersatz zu organisieren. Ein Assistent springt ein und macht sich auf den Weg zu uns. Judit zieht mich an. Die tägliche Morgenprozedur dauert üblicherweise 2 Stunden, mit Waschen, Kanüle absaugen, Tracheostomapflege, Wasser geben und Anziehen. Judit schafft mit 45 Minuten einen neuen Rekord! Katharina bricht auch alle Rekorde in Sachen Selbständigkeit: Sie ruft den Opa an, die Nummer kann sie schon auswendig, und sagt ihm: „Opa, komm bitte schnell und bring mich in den Kindergarten. Die Mama muss den Papa anziehen. Um 9 Uhr kommt der Zauberer!“ Der Opa macht sich natürlich sofort auf den Weg zu seinem Enkelkind. Währendessen holt sich Katharina selbst Sachen zum Anziehen aus dem Kasten. Stolz präsentiert sie sich uns: ein rosa weiß gestreiftes Sommerkleid mit kurzen Ärmeln, darunter ein langärmeliges dunkelblaues Unterhemd und braun gestreifte Strumpfhosen. Es ist 9 Uhr: der Assistent holt mich ab, Opa bringt Katharina beinahe pünktlich zum Zauberer und Judit fährt in die Arbeit. Der Tag kann beginnen, fast so als wäre nichts geschehen.

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