Ich weiß nicht, ob der Wunsch von Katharina, ein Geschwister zu bekommen, stärker war oder unser Wunsch nach einem zweiten Kind. Vielleicht hat sich auch unsere Sehnsucht nach einem zweiten Kind auf Katharina übertragen. Jedenfalls sagte sie immer öfter, dass sie gerne eine Schwester haben möchte. Gesagt ist nicht immer leicht getan. Da es jedoch auf dieser Welt sehr viele arme Kinder gibt, die Eltern suchen, wandten wir uns an das Jugendamt. Dies bereits, als Katharina ein Jahr alt war. Inzwischen ist sie 6 Jahre alt geworden und wir nehmen einen neuen und letzten Anlauf. Eine Sozialarbeiterin besucht uns. Katharina ist ganz aufgeregt. „Die Frau hat noch kein Kind im Auto“, erklärt ihr Judit, „sie schaute erst einmal nach, ob ein zweites Kind hier bei uns gut aufgehoben wäre“. Katharina ist etwas enttäuscht, doch sie nutzt die Chance, um der Sozialarbeiterin gleich einmal von ihrem Wunsch zu erzählen: „Ich möchte eine Schwester haben, die mit mir spielt“. „Kann es auch ein kleiner Bruder sein?“, fragte die Frau lächelnd. Katharina schüttelt vehement den Kopf: „Buben sind blöd. Ich möchte nur eine Schwester haben. Die kann dann bei mir im Zimmer schlafen“. Am nächsten Tag im Kindergarten erklärt Katharina stolz ihrer Freundin, die vor kurzem eine Schwester bekommen hatte, dass jetzt auch sie eine Schwester kriegt. Flüsternd fügt sie ihr hinzu: „Ich bekomme meine Schwester nicht von der Mama, sondern vom Jugendamt“.

Anfang November plötzlich läutet das Handy. „Jugendamt“ steht am Display. Ich hebe ab. Herzklopfen. Tatsächlich hat die Sozialarbeiterin ein Kind für uns: Die Mutter kommt aus Afrika, ist schwer traumatisiert und kann die Verantwortung für das Kind nicht übernehmen. Es ist ein Baby, sieben Monate alt. Überraschung, Freude und auch ein leicht banges Gefühl machen sich bei mir breit. Jetzt wird es ernst. Bei diesem Gedanken hätte ich fast den Nachsatz der Sozialarbeiterin überhört: „Es ist ein Bub“. Ich frage nach: „Ein Bub? Aber Katharina wünscht sich unbedingt eine Schwester!“. Wie sollen wir ihr das beibringen? Vorbehaltlich der Zustimmung von Katharina, vereinbaren wir ein Treffen mit der Mutter und eine erste Begegnung mit unserem möglichen Pflegesohn. Katharina sagen wir vorerst noch nichts.

Zwei Tage später am Abend. Katharina verspeist genüsslich ihr Abendbrot. Plötzlich zeigt sie auf ein am Tisch liegendes Foto und fragt: „Wer ist dieser Bub?“. Judit und ich sehen uns verlegen an. Jetzt ist es soweit, jetzt müssen wir Katharina die Neuigkeit berichten. Ein entscheidender Moment. Wird sie einen Buben als Bruder akzeptieren? Wenn wir jetzt etwas falsch machen, denke ich, ist das kaum wieder gut zu machen. Am Vormittag haben Judit und ich dem Jugendamt einen Besuch abgestattet, die leibliche Mutter und ihr Kind kennen gelernt. Judit hat das Baby das erste Mal im Arm gehalten. Sollte das jetzt unser Kind werden? An mir war Elias (Name von der Redaktion geändert) auch interessiert bzw. an meinem spannenden Elektrorollstuhl, an dem man herumdrücken und mit dem Joystick spielen kann. Bei Judit und mir mischen sich die Freude mit vielen Vorbehalten und Zweifeln. Vor allem wissen wir nicht, wie sich die Beziehung von Elias zu Katharina entwickeln würde. Die Sozialarbeiterin hatte uns ein Foto von Elias mit gegeben, um mit Katharina ein erstes Gespräch zu führen. Katharina fragt noch einmal: „Wer ist dieser Bub, Mama?“. Judit: „Das ist Elias“. Ich: „Elias sucht Eltern“. Kurze Pause. Katharina überlegt. Dann füge ich schnell hinzu: „er sucht auch eine große Schwester“. Große Augen bei Katharina. Sie sagt aber nichts mehr. Erst am nächsten Morgen beim Zähneputzen meint sie zu Judit: „Weißt du Mama, wir könnten den Elias einmal zu uns einladen und wenn er mich als große Schwester haben möchte, kann er gleich bei uns bleiben“. Wir sind gerührt. Vor allem durch den Umkehrschluss von Katharina. Nicht wenn ihr Elias gefällt, darf er bleiben, sondern wenn er sie als Schwester haben möchte.

Seit Herbst geht Katharina in die Schule. Sie ist jetzt kein Kindergartenkind mehr, sondern ein Schulkind. In der Integrationsklasse gefällt es ihr sehr gut. Ihre beiden engagierten KlassenlehrerInnen Irmi und David unternehmen viele Aktivitäten, Ausflüge und gestalten einen lebendigen Unterricht. Katharina geht gerne in die Schule, doch heute möchte sie zu Hause bleiben. Denn der erste Besuch von Elias ist angesagt. Judit erklärt Katharina, dass Elias erst am Nachmittag nach der Schule kommt und so geht sie letztendlich doch in die Schule. Am Weg dort hin erklärt sie Judit von ihrem Vorhaben: „Ich werde neben Elias meine Hausaufgaben machen. Er soll gleich sehen, wie das geht“. Judit erklärt ihr, dass Elias noch ein Baby ist und dass man ihm erst andere Dinge wie Krabbeln beibringen muss. Erstmals kommt Katharina pünktlich von der Schule nach Hause. Diesmal gab es kein Herumtrödeln und Getratsche mit Schulkolleginnen am Schulweg. „Ist Elias schon da?“, fragt sie gleich an der Türe und wirft den Schulranzen in ein Eck. Nein, er ist noch nicht da. Kurz danach läutet es und die Krisenpflegemutter schiebt Elias im Kinderwagen zur Türe herein. Katharina schaut aufgeregt in den Wagen, „der ist ja lieb!“. Eine Decke wird am Boden aufgebreitet, Elias spielt darauf lächelnd mit einem Kautuch. Plötzlich dreht er sich vom Rücken auf den Bauch. „Das kann der schon!“, ist Katharina begeistert. Dann zeigt sie ihm vor, wie man krabbelt. Elias sieht ihr jauchzend zu. Wir sind begeistert, wie nett die beiden miteinander spielen. Währenddessen berichtet uns die Krisenpflegemutter von den letzten sieben Monaten. Elias sei wirklich ein „Wonnebrocken, wie es ihn nur selten gibt“. Dabei hat sie viele Erfahrungen mit Kindern. Sie selbst hat drei leibliche und fünf Pflegekinder aufgezogen. Alle sind jetzt schon erwachsen. Seit sechs Jahren macht sie Krisenpflege. Über 60 Kinder sind in dieser Zeit mit jeweils ein bis drei Monaten zu ihr in die Familie gekommen, immer aus schwierigen Familienverhältnissen. Sexueller Missbrauch, Gewalt, Drogensucht und Verwahrlosung sind die Vorgeschichten der Kinder. Besonders vor Weihnachten müssen viele Kinder vom Jugendamt aus den Familien geholt werden. Uns fehlen angesichts dieser Berichte die Worte. Wir bewundern die Krisenpflegemutter. Das harmonische Spielen der beiden Kinder überzeugt uns emotional, Elias bei uns auf zu nehmen, er soll eine Chance im Leben bekommen. Rational müssen aber in der Familie in den nächsten Tagen einige Diskussionen geführt werden. Aber die Zeit drängt: Wir müssen uns entscheiden, das Jugendamt wartet auf einen Anruf von uns. Kurz geht Judit mit ihrem Vater noch alle Für und Wider durch. Warum soll man ein fremdes Kind aufnehmen? Besonders in unserer schwierigen Situation mit meiner Behinderung und mit den daraus resultierenden Belastungen für Judit? Judit müsste wieder in Karenz gehen. Will sie ihre Karriere für ein zweites Kind zurück stellen? Wie wird es uns finanziell gehen. In wie vielen Bereichen müssen wir zurück stecken? Fordern wir das Glück durch unsere Entscheidung nicht gerade zu heraus? Wir kommen in der Diskussion nicht weiter. Da fragt Judits Vater die anwesende Assistentin Claudia: „Na, was würden sie sagen?“. Claudia: „Ich weiß nur, dass man bei einem Kind keine Strichelliste pro und contra machen kann“. Alle lachen. Die Entscheidung war gefallen. Judit ruft beim Jugendamt an und gibt Bescheid, dass wir die nächsten Schritte unternehmen wollen, um Elias bei uns aufzunehmen.

Der große Tag war gekommen

Die Krisenpflegemutter übergibt Judit Elias. Der Abschied fällt ihr sichtlich schwer. Wir sind alle sehr aufgeregt, besonders Katharina, sie hat nun einen kleinen Bruder. Begeistert trägt sie Elias durch die Wohnung, spielt mit ihm, indem sie ihm Geschichten erzählt und wie ein Baby brabbelt. Elias lacht bei ihrem Spiel so herzhaft, wie es niemand von uns zustande bringt. Auch wenn sie stolz auf ihren kleinen Bruder ist, so gibt es doch erste Schwierigkeiten: Judit besichtigt mit ihrer Tochter das Kinderzimmer. Wo soll das Gitterbett aufgestellt werden? Es wird kein Platz gefunden. Katharina will von ihrem Reich nichts abgeben. Wir drängen sie nicht, um nicht die gute Stimmung ins Gegenteil zu verkehren. So wird das Gitterbett in unserem kleinen Schlafzimmer aufgebaut. Das Zugeständnis von Katharina kommt von selbst: „Wenn er größer ist, stellen wir ein Stockbett in mein Zimmer. Er darf dann unten schlafen und ich oben. Beim Stockbett braucht es eine Rutsche, damit ich schneller in die Schule komme“. Wir legen großen Wert darauf, dass Katharina bei all der Elias-Begeisterung nicht übersehen wird. Viele Besucher kommen, um unser neues Familienmitglied zu sehen. Doch als Erste musste immer Katharina begrüßt werden. Es gab nicht nur Geschenke für Elias, sondern auch für Katharina als große Schwester. Die Zweifel, die viele im Vorfeld hatten, gab es nun nicht mehr oder wurden durch die strahlende Lebensrealität von Elias in den Hintergrund gerückt. Aber wie würden meine Eltern aus Kärnten reagieren? Ihre Neugierde veranlasst sie zu einem spontanen Besuch, unsere Ängste waren unbegründet. Meine Eltern gehen noch im Mantel zum Gitterbett und stellen sich Elias freudig lächelnd vor: „Hallo, ich bin deine Oma und ich Opa Franz“. Sie nehmen Elias auf den Arm und freuen sich mit uns. Auch in der Messe am Sonntag, der Caritasgemeinde gibt es ein herzliches Willkommen. Der Pfarrer Kaupeny stimmt das Lied „Elias, schön dass du da bist. Elias, schön dass es dich gibt. Elias, wir glauben alle, dass Jesus dich sehr liebt“ an. Während Judit das Baby in die Höhe hält, singen alle lautstark das Lied mit. Bei den darauffolgenden Benefizabend in Katharinas Schule darf auch der neue Bruder nicht fehlen. Er ist der große Star. In den Tagen zuvor hatte Katharina schon ein Bild von ihm ihren KlassenkollegInnen gezeigt. Besonders mit einem Klassenkollegen, der eine schwarze Schwester hat, musste Katharina lachen: „Mein Bruder ist schwarz und ich bin weiß und bei euch ist es genau umgekehrt, dass ist wirklich lustig“.

Bei all der Freude stimmt Judit und mich traurig, dass Nonna, Katharinas Großmutter, das nicht mehr erleben kann. Sie war im Frühjahr gestorben. Mit Elias hätte sie sicher eine sehr große Freude.

Weihnachten steht vor der Türe und Katharina schreibt drei Tage vor dem Heiligen Abend, noch quasi im letzten Abdruck, einen Brief an das Christkind: „Liebes Christkind, ich wünsche mir Kerzen, ein Nintendo DS und eine Überraschung. Bitte vergiss meinen Bruder Elias nicht! Katharina“. Elias hat sich bei uns schon gut eingelebt. Er ist sogar wie wir ein Langschläfer, was uns besonders freut. Während die Assistentin mich in der Früh wäscht und anzieht, krabbelt er in Judits Bett herum. Es gelingt ihm immer besser, sich zu mir zu rollen. Neugierig erforscht er mein linkes Ohr, meinen Mund, meine Nase und die besonders interessanten Beatmungsschläuche. Mit Judit berate ich mich, wie wir hier pädagogisch vorgehen sollen, alles verbieten, was gefährlich ist, weil es dadurch noch reizvoller wird oder es durch das Spiel uninteressant zu machen? Wir entscheiden uns für Zweiteres und geben Elias nach dem Kanülewechsel das alte Schlauchsystem in die Gehschule. Interessiert knabbert und spielt Elias damit. „So ein Spielzeug hat kein zweites Kind“, lächle ich. Katharina hat mit ihrer Pädagogik Erfolg. Elias lernt rasch krabbeln. Das Vorzeigen hat sich gelohnt. Begeistert sehen wir alle Elias zu, wie er sich am Teppich robbend fort bewegt. Judit meint: „Jetzt wird es spannend. Bald wird er deinen Rollstuhl, die Kabel und Schläuche entdecken und sich an ihnen hochziehen. Ich lächle wieder, aber diesmal ein bisschen verzwickt. Dann meine ich: „Demnächst werde wohl ich geschützt in der Gehschule stehen“.

Weihnachten ist mit Katharina und Elias unbeschreiblich schön. Während Katharina ihre Geschenke auspackt, hakt sie in ihrem Kopf die Wunschliste Punkt für Punkt ab. Ob das Christkind wohl nichts vergessen hat? Oh Weihnachtswunder, alles war da: Das Lego, das Nintendo-Spiel, Kerzen und einen Kalender als Überraschung. Auch Elias wurde vom Christkind nicht vergessen: Er bekommt eine dunkle Mädchenpuppe, die er gleich einmal kostet, ob sie auch nach etwas schmeckt. Eines Morgens in den Weihnachtsferien. Katharina wacht auf und liegt nur mit mir im Ehebett. Das Gitterbett ist leer und auch von Judit gibt es keine Spur. Katharina schlägt die Augen auf, ihr erster Blick wandert zum leeren Gitterbett. Dann sieht sie mich groß an und sagt entrüstet: “Weißt du Papa, das nervt wirklich! Immer wenn ich aufwache, ist der Elias weg. Ich kann ihm nicht einmal ‚Guten Morgen’ sagen. Die Mama geht mit ihm immer früher aus dem Schlafzimmer!“ Sie klettert aus dem Bett und ich höre sie im Wohnzimmer laut mit Judit schimpfen: „Mama, ich möchte jetzt einen Katharina-Tag!“ Judit und ich denken, dass jetzt der Zeitpunkt der erwarteten Eifersucht gekommen sei. Katharina wünscht sich mehr Aufmerksamkeit. Judit fragt nach, was denn am Katharina-Tag passieren soll. Zu unserer Überraschung will nicht Katharina mehr Aufmerksamkeit haben, sie möchte an diesem Tag sich mehr um Elias kümmern können, nicht immer Judit soll Elias haben, sie möchte mehr mit ihm unternehmen. Gleich wird ein Katharina-Tag angesetzt und Katharina schreibt in ihren Kalender, was sie mit ihrem kleinen Bruder unternommen hat: „Begrüßung im Kinderbett, spielen, lachen, trösten, Flasche geben, herumtragen, Klavier vorspielen.“ Wir sind stolz auf Katharina, sie lernt viel.

 

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