13.04.: In den letzten Wochen hat sich unser Alltag völlig verändert. Pünktlich 06.00 morgens hört man aus dem Gitterbett leises Brabbeln, das mit der Zeit immer lauter wird. Schließlich steht Elias im Bett und zupft am Beatmungsschlauch oder an Judits Haaren. Dann ist es endgültig Zeit zum Aufstehen – für Judit. Katharina schläft auch oft bei uns und klettert in Elias Gitterbett. Nach kürzester Zeit lacht Elias schallend. Es ist wirklich toll, wie die beiden miteinander spielen. Katharina ist stolz, die große Schwester zu sein. Sie trägt Elias herum, denkt sich immer andere Spiele aus und gibt ihm sogar ab und zu in der Früh das Fläschchen. Ab und zu kann der „kleine Herr Elias“ wie sie ihn scherzhaft nennt, auch nervig sein. Wenn er beispielsweise ihr gerade gebautes Legohaus zerstört, ihre gelbe Haarspange entdeckt und gleich wild an den Haaren zieht oder wenn er beim Spielen auf ihr Auge schlägt. Katharina war oft böse, sie hat aber viel dazu gelernt. Kleine Kinder machen das nicht mit Absicht. Der kleine Herr Elias hat auch schon kräftige Zähne mit denen er schon knirschen kann und auch beißen. Während er Essen ungekaut schluckt und dabei seine Zähne nicht verwendet, lockt er mit Wangenküssen, um dann kräftig zu zubeißen. Katharina hat eine tolle Selbstverteidigungs-Methode entwickelt, sie bläst ihm ins Gesicht und lenkt ihn dadurch vom Beißen ab. Als sie mir das vorzeigen wollte, streckte sie Elias den Zeigefinger in seinen Mund und blies ihm ins Gesicht. Vor Schreck hat Elias doppelt fest zugebissen. Katharina war schwerst beleidigt.

Mit Elias ist wirklich neues Leben in unsere Wohnung gekommen. Er kann schon äußerst schnell krabbeln und schiebt einen Gummibaum auf Rädern vor sich durch das Zimmer. Der wandernde Gummibaum wirkt oft gespenstisch und lustig zu gleich. In den ersten Wochen legte Judit Elias in der Früh in mein Bett. Er schaute interessiert zu, wie die Assistentin mich wäscht und anzieht. Mit der Zeit wurde Elias immer beweglicher und sportlicher. Er benutzte den Papa als Aufstehhilfe und zeigte sich sehr interessiert an der Atemkanüle und an dem Beatmungsschlauch. Wir schenkten ihm zum Spielen einen eigenen Schlauch, durch den er laut seine schallende Stimme erprobt. Spannend ist für ihn mein Xylophon aus Kindheitstagen. Allerdings ist das Spielen mit Schlägern nicht so interessant. Elias hat eine eigene Methode entwickelt, er nimmt einen Klangstab und spielt damit. Metall auf Metall ist lauter und lustiger. Viel wäre über ihn zu sagen, er ist schon eine eigene Persönlichkeit, die sich gerne im Spiegel betrachtet. Schöner ist nur, von der Mama gebadet zu werden. Dieses Vergnügen sollte nie enden.

Eines Tages schreckten wir Sonntag morgens auf, da ein lauter Plumpser aus Katharinas Kinderzimmer zu hören war, wo beide Kinder miteinander spielten. Kurz darauf weinte Elias bitterlich. Judit stürzte voll Panik in das Kinderzimmer. Doch zum Glück war nichts passiert. Elias war vom Bett gestürzt, doch Katharina konnte ihn gerade noch rechtzeitig auffangen, sodass nur ein Buch am Boden aufknallte. Es ist wirklich erstaunlich, wie Katharina selbstbewusst und voll Freude mit ihrem kleinen Bruder umgeht. Die Ärztin stellte beim letzten Kontrollbesuch fest, dass Elias von der Körpergröße mit 80cm an der oberen Grenze der Tabelle sei. „Er wird wohl sehr groß werden“, meinte Judit. Worauf Katharina entsetzt sagte: „Aber ich werde immer größer sein!“ Judit: „Es kann schon sein, dass er größer wird als du“. Darauf Katharina: Aber er wird immer mein kleiner Bruder bleiben!“ Wir nickten lachend.

Vor drei Wochen gab es den zweiten Besuchskontakt beim Jugendamt. Die leibliche Mutter kann Elias einmal im Monat eine Stunde besuchen. Judit hat ihr ein nettes Fotoalbum zusammengestellt und einen „Entwicklungsreport“ mit Erlebnissen und Fortschritten geschrieben. Darüber war die Mutter sehr dankbar. Es geht ihr jetzt zum Glück gesundheitlich besser und sie spielte sehr nett mit Elias. Für sie wie auch für uns sind diese Besuchskontakte schwierig. Wenngleich Elias kurze Zeit nett mit ihr spielt, will er dann doch wieder zu Judit zurück. Für ihn stellt sie Geborgenheit und Vertrauen dar.

Wenn Elias hungrig ist, krabbelt er in die Küche und zupft Judit an der Hose. Als er einmal beim Aufschauen entdeckte, das ist nicht die Hose von Judit sondern von einer Assistentin war, weinte er bitterlich. Elias hat es schon geschafft, dass auch andere Elternpaare ein Pflegekind aufnehmen wollen. Inzwischen haben schon drei befreundete Ehepaare ihr Interesse beim Jugendamt angemeldet und besuchen Kurse für werdende Pflegeeltern. Mit anderen Worten: Elias ist schon jetzt ein kleiner Heiliger geworden, wie es der Pfarrer Thomas in der Ostermesse ausgesprochen hat. Bei der Bitte der Schutzheiligen um Hilfe im Alltag, nannte er die Namen der anwesenden Kinder. So hieß es auch: „Heilige Katharina und Elias betet für uns!“.

Wenn Katharina von der Schule heimkommt, wirft sie die Schultasche in die Ecke und sieht sich suchend um: „Wo ist Elias?!“. Sie ist inzwischen ein richtiges Schulkind geworden. In der Früh geht sie sogar alleine in die Schule. Eigentlich stimmt das nicht ganz, da sie immer von Jasper mit dem Roller abgeholt wird. Wenn er pflichtbewusst pünktlich um 07:40 läutet, putzt Katharina meistens noch hektisch die Zähne. Sie haben eine schöne Klassengemeinschaft. Katharina liebt ihre LehrerInnen Irmi und David. Zu Ostern meinte sie zu mir: „Weißt du, was blöd ist an Ostern? – Man kann nicht in die Schule gehen.“ Mit der Klasse unternehmen sie sehr viel. Bereits in der dritten Schulwoche machte die Integrationsklasse einen Ausflug zum Naschmarkt, wo jedes Kind eine Frucht kaufte. Katharina entschied sich für getrocknete Ananas mit reichlich Zuckerglasur, offenbar waren ihr die Früchte nicht süß genug. In der Pause gibt es einen regen Jausen-Tauschhandel, die zukünftige „ebay-Generation“. Ich weiß nicht, mit wem Katharina das gesunde Vollkornbrot mit Gemüse und Obst eintauscht? Aber es gelingt ihr oft, die gesunde Jause in Schokolade und Milchschnitten zu verwandeln. Was wir als Eltern natürlich nicht gut heißen. Eine Integrationsklasse ist keine heile Welt, es gibt auch Konflikte. So ist „Weinen“ ein großes Thema geworden. Anfänglich weinte täglich ein Integrationskind, weil es wieder zu seiner Mutter wollte. Viel wurde von den LehrerInnen ausprobiert. Es half nur eines, wenn Irmi das Mädchen fest in die Arme nahm. Diese Methode wirkte bei dem Mädchen. Mit der Zeit weinten aber auch die anderen Kinder öfter, weil beispielsweise ein grüner Stift fehlte oder man eine Aufgabe nicht verstand, die noch gar nicht erklärt worden war… Dies war ein großes Thema beim ersten Elternabend. Vielleicht, so mutmaßte ich, wollen auch die anderen Kinder von Irmi in die Arme genommen werden. Das Thema Weinen soll jetzt in einer Radiosendung „aufgearbeitet“ werden. Auf diese Sendung bin ich schon gespannt. Ob jeder etwas vorweint?

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