22.05.: Vor einem Monat hatte Elias seinen 1. Geburtstag. Die Kerze hat er nicht selbst ausgeblasen, das hat seine Schwester gerne übernommen. Auch hat sie für ihren Bruder mit Mama eine Schokoladentorte gebacken. Neugierig hat Katharina beobachtet, wie der Teig im Backrohr aufgegangen ist. Plötzlich schrie sie auf: „Mama, die Torte!“. Die herbeieilende Judit konnte nur mehr feststellen, dass die Torte in der Mitte eingesackt war. Katharina hatte nichts getan, außer dass sie kurz das Backrohr geöffnet hat, um zu schauen, ob der Kuchen schon durch ist. Gemeinsam haben wir gerätselt, wie dieses Loch wieder aufzufüllen ist. Schließlich wurde aus der Sachertorte eine Sacher-Bananencremefüllung-Torte mit Schokoladenüberguss. Elias hat die Torte wunderbar geschmeckt. Er verdrückte gleich zwei Stück davon. Und dabei war sein Schokoladenmund gar nicht auffällig. Inzwischen krabbelt Elias flink wie ein Käfer in der Wohnung herum. Immer der Mama nach. Als er eines Tages in die Küche krabbelte, an den Beinen zwickte und nach oben sah, fing er an zu weinen. Es war nämlich nicht die erwartete Mama, sondern eine Assistentin. Mittlerweile ist Judit  seine richtige Mama. Wenn sie nicht im Raum ist, geht sie ihm ab. Er braucht ihre Umarmungen, ihre Wärme und Liebe. Meine Hoffnung bleibt, dass ich in seiner Pubertät zum Lieblingspapa mutiere. Im Moment sind an mir nur die Schläuche, die Brille und das Beatmungsgerät interessant. Aber wer hat denn schon so einen interessanten Papa!

 

Die ersten warmen Maitage nutzte Elias, um unsere Terrasse und den Garten am Boden krabbelnd zu erforschen. Wenn die großen Fische die kleinen fressen, verschlingt unser großer Käfer die kleinen Käfer am Boden. Elias bevorzugt dabei die roten Feuerkäfer. Vielleicht kommt der Name vom pikanten Geschmack. Ich will es nicht genau wissen. Auch ein Marienkäfer musste daran glauben. Als neulich eine Amsel mit einem Wurm im Schnabel von unserem Garten wegflog, sagte ich: „Schau Elias, der Vogel fliegt mit deinem Abendessen davon!“.

 

Vorgestern war Elias plötzlich weg. Die Terrassentür war offen, Judit stürmte hinaus. Kein Elias weit und breit. Judit durchsuchte den Garten und den Hinterhof. Kein Elias! Sie lief die Rollstuhlrampe hinunter und da lachte ihr Elias schon entgegen. Zum Glück hätte Elias keine Chance zur Flucht gehabt, denn die Gartentüre weiter unten war abgeschlossen. Es gibt doch einen Film, wo ein Baby zum Fenster hinaus auf ein Baustellengerüst krabbelt. Auf der Baustelle geht es rund, aber dem Baby passiert nichts. Diese Filmszene ist mir unweigerlich in Erinnerung gekommen. Wir wollen nichts Ähnliches erleben.

 

Ein Mittagessen mit Elias ist immer spannend. Zunächst verteilt er das Essen mit dem Löffel babygerecht rund um den Teller, den Latz und das T-Shirt. Dann greift der Künstler mit den Händen in die Masse und verschmiert den Brei gleichmäßig in die Ohren, Gesicht und Haare. Zum Schluss ein jubelnder Aufschrei, der Teller fliegt und zerschellt am Boden, das Kunstwerk ist vollendet. Inzwischen haben wir nur noch zwei Suppenteller aus Porzellan. Für Elias kauften wir Plastikteller. Eine Investition für die Zukunft!

 

Wie angedeutet, übt meine piepsende und zischende Beatmungsmaschine für Elias einen besonderen Reiz aus. Er darf an diesem für mich lebensnotwendigen Gerät nicht herumdrücken. Doch dieses einzige Verbot weit und breit reizt Elias besonders. Wie ein Magnet zieht es ihn hinten zu meinem Rollstuhl, wo er sich aufstellt und anschickt, auf der Maschine herumzudrücken. Was folgt, ist ein striktes und bestimmtes „Nein!“ von Judit oder der Assistentin. Er weiß inzwischen genau, dass das verboten ist. Besonders wenn Judit die Stimme tief herabsenkt und mit ernster Miene laut ruft: „No, Elias!“, beginnt er zunächst zu weinen, beugt sich wieder auf den Boden und krabbelt dann zu ihr. Was folgt, ist eine Versöhnung und alles ist wieder gut. Aber das Spiel geht weiter. Immer wieder krabbelt Elias zur Beatmungsmaschine und wartet lächelnd was passiert. Er weiß jetzt, wenn er das tut, kommt jemand, hebt ihn weg und spielt ein wenig mit ihm zur Ablenkung. Ein gewifter Trick, einen Spielgefährten anzulocken.

 

Katharina hat in der Schule an einem Schüler-Radioprojekt teilgenommen. Es ging ums Weinen in der Schule und um Gefühle. Die SchülerInnen interviewten sich gegenseitig. Die Frage der Moderatorin sollte lauten: „Was war dein schönster Schultag im Leben?“. Ihre Klassenkollegin fragte aber: „Was war dein schönster Tag im Leben?“! Katharina antwortete: „Mein schönster Tag im Leben war, als mein Bruder Elias zu uns gekommen ist!“. Als wir die Radio-Sendung hörten, waren wir über diese Äußerung sehr gerührt. Katharina spielt liebend gerne mit ihrem Bruder. Es sind teilweise wilde Spiele, die Elias liebt und die ihn sehr herzhaft zum Lachen bringen.

 

Was Katharina hingegen nicht liebt, sind Sportveranstaltungen in der Schule. Als sich ein Sportwettkampf am Montag näherte, sagte Katharina bereits Tage davor: „Weißt du Papa, ich hoffe, dass ich am Montag Bauchweh haben werde!“. Als der Montag heranrückte, meinte sie: „Papa, weißt du, ich spüre schon ein wenig Bauchweh!“. Katharina hatte schon einmal Bauchweh und sie durfte dann zu Hause bleiben. Das erhoffte sie sich wohl auch dieses Mal. Aber ihr Plan war zu offensichtlich, Judit und ich mussten darüber heimlich schmunzeln. Welche Gegenstrategie sollten wir anwenden? Wir standen vor einem Rätsel, das Judit löste. Sie sagte zu Katharina: „Ok, wenn du Bauchweh hast, müssen wir zur Ärztin gehen. Die muss sich das ansehen, da du öfter Bauchweh hast“. Der Montag kam und Katharina hatte o Wunder kein Bauchweh.

 

Zwischen Judit und Katharina gibt es ab und zu Auseinandersetzungen. Die Mama ist der natürliche Reibebaum für die Tochter. Ich gefalle mir in der Rolle des guten Papa. Wenn Katharina mit mir einen Wickie-Film auf DVD ansieht und danach noch einen Film sehen will, nicke ich schon mal zustimmend. Katharina ist hoch erfreut über ihren lieben Papa. Judit ärgert sich über meine Nachgiebigkeit. „Man muss auch Grenzen setzen und diese einhalten!“, meint sie. Und sie hat wohl recht, denn nach dem zweiten Film will Katharina meistens den dritten sehen und weint fürchterlich, wenn sie diesen Willen nicht auch noch durchsetzt. Judit hat wie immer recht. Wenn es hart auf hart geht, werde ich sie in Zukunft immer unterstützen. Es ist wichtig, dass die Eltern in einer Sprache mit den Kindern sprechen.

 

Zum Abschluss dieser Tagebucheintragung noch eine Geschichte, die mich sehr berührt hat. Als mein Bruder Christian aus Kärnten zu Besuch war, verabschiedete er sich mit den Worten: „Ciao Katharina, ich muss jetzt fahren. Den Papa nehme ich mit!“. Katharina hat heftig protestiert, meinen Arm umschlungen und ihren Kopf auf meine Schulter gelehnt: „Nein, mein Papa muss bei mir bleiben!“.

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