04.08.: Mit den Tagebucheintragungen bin ich etwas nachlässig geworden. In den letzten Wochen ist sehr viel passiert und ich werde versuchen, die wichtigsten Ereignisse zusammen zu fassen.

Da war einmal Katharinas Schulschluss. Das erste Zeugnis, leuchtende Augen unserer Tochter angesichts des sehr guten Zeugnisses und natürlich stolze Eltern. Dieses Ereignis wurde durch die Krankheit von Judit getrübt. Bei ihr wurde eine Lungenentzündung diagnostiziert und das hieß mindestens drei Wochen Bettruhe. Dadurch verpasste sie die erste Zeugnisvergabe und ich konnte nicht hin, weil sich die Klasse im ersten Stock ohne Lift befindet. Laut Auskunft des Stadtschulrates ist der barrierefreie Umbau der Schule für 2014 vorgesehen. Katharina ist dann zwar hoffentlich nicht mehr in der Volksschule aber Elias. Dann kann ich wenigstens ihn in seiner Klasse besuchen. Immerhin, man wird ja bescheiden. Bei Katharinas Zeugnisvergabe war jedoch Opa Hans als würdiger Vertreter unserer Familie anwesend. Das hat Katharina und uns sehr gefreut. Opa hielt Katharinas Bruder Elias im Arm, der auch nichts verpassen wollte. Laut Opa soll sich folgender Dialog zwischen Katharina und einer Schulfreundin zugetragen haben:

Katharina (stolz): „Das ist mein Bruder Elias“.

Schulfreundin (nachdenklich): „Wenn dein Bruder braun ist, muss deine Mama oder dein Papa auch braun sein. Aber das geht auch nicht, dann wärst du auch braun. Du bist aber nicht braun. Elias kann nicht dein Bruder sein.“

Katharina (laut und nachdrücklich): „Elias ist aber mein Bruder!“

 

Wie wichtig Judit für uns alle ist, wussten wir zwar, aber durch ihre Krankheit wurde uns das noch einmal drastisch vor Augen geführt. Sie ist die Sonne, um die wir kleine Planeten alle kreisen. So könnte man es etwas kitschig aber treffend darstellen. Die ganze Familie half tatkräftig mit, den Familienbetrieb in Schwung zu halten. Tante Ida kam täglich vorbei, spielte mit Elias und gab ihm zu essen und machte danach täglich einen langen Spaziergang durch Schönbrunn. Einmal überraschte sie ein Wolkenbruch. Elias jubelte über jeden Tropfen, der trotz Regenmantel über sein Gesicht tropfte. Tante Ida kam pitschnass nach Hause und fragte bescheiden, ob sie heute schon nach Hause gehen kann. Natürlich, sie durfte ja nicht auch noch krank werden. Eine Woche kam Tante Hemma aus Vorarlberg nach Wien und versorgte uns und den Haushalt. Als Tante Hemma nach Bregenz zurückfuhr, begleitete sie Katharina. Und wir hatten nur mehr ein Kind. Drei Tage später fuhr Nicole, die Schwester von Judit mit dem Zug nach Bregenz, in Begleitung von Elias. Jetzt hatten wir gar kein Kind mehr zu Hause. Erholsame, aber auch gespenstische Ruhe in der Wohnung. Judit und ich sahen uns an. Es war ein wenig wie in der Zeit am Anfang unserer Ehe. Es wurde uns so richtig bewusst, zu welch schöner Familie wir inzwischen gewachsen waren. Ein Leben ohne Kinder war für uns nicht mehr vorstellbar.

 

Zwei Tage vor der Rückreise unserer Kinder bekamen wir den Anruf einer genervten Nicole: „Katharina wollte den ganzen Tag nur Gameboy spielen und fernsehen. Der Opa, welcher inzwischen auch in Bregenz war, wollte Katharina zu einem Spaziergang mitnehmen. Sie weigerte sich jedoch vehement. Der enttäuschte Opa ging alleine und ließ Katharina alleine im Haus der Tante zurück. Darauf war sie wiederum entsetzt und spielte erst recht auf stur. Angemerkt sei hier, dass Katharina nicht ganz alleine war, da eine Haushaltshilfe anwesend war. Erziehung ist nicht einfach, das ist uns schon länger bekannt. Katharina spielte anfangs so oft und lange Gameboy, dass wir eine Vereinbarung beschlossen haben. Katharina darf wochentags 40min spielen. Das Wochenende ist spielfrei. Wenn sie sich nicht daran hält, gibt es eine Woche Sperre. Kurz vor der Reise nach Bregenz ertappten wir Katharina an einem Tag gleich zweimal, wie sie heimlich Gameboy spielte. Einmal hatte sie den Gameboy unter dem Buch versteckt und täuschte eine lesende Katharina vor, das zweite Mal spielte sie unter dem Tisch. Das bedeutete eine Sperre für zwei Wochen. Drastische Mittel, aber sonst werden wir als Eltern nicht ernst genommen.

 

Drei Wochen Urlaub in Kärnten waren Mitte Juli angesagt. Zeit zur Erholung für uns alle, aber vor allem für Judit. Kaum hatten wir ausgepackt, kam die Schreckensdiagnose aus Wien: Judits Stirnhöhlen waren mit Eiter derart verstopft, dass ein sofortiger operativer Eingriff unumgänglich war. Wie sollte das gehen? Eine Assistentin, Opa und Oma, ein behinderter Vater und seine beiden Kinder. Der Kinder würden sich meine Eltern annehmen. Es war überhaupt sehr schön, wie sie mit den Kindern spielten. Auch Elias war schon fixer Bestandteil der Familie geworden, meine Mutter kümmerte sich rührend um ihn. Und auch mein Vater wurde auf der Liege sitzend zu Elias’ spannendem Kletterbaum. Aber Elisa, als einzige Assistentin für meine 24-Stunden-Versorgung rund um die Uhr für wahrscheinlich eine Woche, das war unmöglich. Wegen meiner Beatmung darf ich nie alleine sein, benötige ständige Assistenz. Ich beschloss, die Assistentinnen durchzurufen und hatte schon bei der ersten Glück. Lisa sollte die zweite Woche ohnehin übernehmen und kam bereits am nächsten Tag nach Kärnten. Vor Judits Abreise war jedoch eine Vollwäsche von ihrem Mann angesagt. Sie wollte mich frisch und sauber hinterlassen. Da die Dusche jedoch nicht barrierefrei zugänglich war, wurde ich kurzerhand im Freien geduscht. Mit Wassereimern und Gießkanne. Ganz urig. Ich glaube, die Wespen, die mich dabei umschwirrten, hatten ihr Vergnügen daran. Die Fliegen, die mich Tage zuvor hartnäckig verfolgt hatten, weniger. Judit reiste noch am selben Tag mit dem Zug ab und kurz darauf rollte Lisa am Bahnhof ein. Elisa entwickelte einen Drei-Stunden-Takt-Dienstplan mit abwechselnden Nachtdiensten bei mir. Eine Assistentin schlief bei Katharina, die andere bei mir und Elias. Dieser Takt funktionierte so gut, dass sich die ÖBB ein Beispiel daran nehmen könnte. Wir zitterten die kommenden Tage um Judit. Doch die Operation verlief erfolgreich und Judit kam eine Woche später wieder nach Kärnten zurück. Allerdings durfte sie die nächsten zwei Wochen nichts Schweres heben, nicht schwimmen und musste die Sonne meiden. Super Urlaub! Sie ließ es sich aber nicht nehmen, Elias herumzutragen und er genoss es sichtlich. Unterstützt wurde unser Team von Judits Vater, der mit Katharina beispielsweise eine Höhlenforschung in Döbriach unternahm und mit ihr Granit klopfte. Einen selbstgeklopften „Granit-Wunderstein“ schenkte sie Opa Franz zum Geburtstag.

 

Wieder zu Hause in Wien träumten wir vom See, dem schönen Urlaub und den Großeltern. Meine Mama träumte auch, rief täglich an und erzählte mir, dass sie in der Nacht aufgestanden ist, weil sie Elias schreien gehört hat. Sie vermisste unsere Kinder sehr. Eine Oma, wie wir sie hier in Wien brauchen würden, obwohl es Judit zum Glück gesundheitlich wieder besser ging. Elias hatte in Kärnten laufen gelernt. Zunächst mit einer Scheibtruhe, die er rund um das Haus karrte, dann alleine mit ausbalancierenden Händen. Das Gehen eröffnete ihm neue Perspektiven und einen größeren Handlungsspielraum. Es war faszinierend, ihm zuzusehen, wie er die Welt erforschte. Mal räumte er die Besteckschublade um, dann pflückte er im Garten Käfer von den Bäumen, die er dann zugleich verspeiste oder er machte sich an meinem Pflege-Wagen zu schaffen. Was ihn dazu anregte? Es waren vor allem die kleinen Fläschchen mit steriler Salzlösung, die er auszutzelte. Äußerst lecker!

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