13.09.: Der Sommer ist mit einer Hochzeit in Bregenz ausgeklungen. Judits Cousine Maria hat sich entschlossen, eine Familie zu gründen. Das musste natürlich gefeiert werden. Ein schöner Anlass für uns alle, einmal wieder nach Bregenz zu fahren. Auch Elias sollte Judits Heimat kennenlernen. Kinder haben Maria und Manni noch keine, aber Elias durfte neben Katharina als „Blumenmädchen“ gehen. Maria hatte für Elias in New York einen weißen Anzug bestellt, der ihm so fabelhaft passte, dass er darin dem Brautpaar die Show stahl. Was ist eine Braut neben einem kleinen, dunkelhäutigen Burschen im strahlend weißen Anzug und Schnuller? Es war eine lustige, romantische Feier, bei der ausgiebig getanzt wurde. Die Eltern gingen um 24 Uhr müde nach Hause, lediglich begleitet von Elias. Katharina beschloss, weiterzufeiern. So lagen wir das erste Mal allein da und konnten nicht schlafen, da unsere Tochter noch unterwegs war. Ein neues Gefühl, an das wir uns noch gewöhnen mussten. Immerhin waren wir froh, Elias zu haben, der friedlich in seinem Gitterbettchen schlief.

Ich habe berichtet, wie interessiert Elias an meinem Beatmungsgerät unter meinem Rollstuhl war. Es half oft nur ein scharfes „Nein!“ damit er davon abließ, an den Knöpfen herumzudrücken. Inzwischen ist er 16 Monate und hat sich in dieser Beziehung völlig verändert. Eines seiner ersten Worte lautet „Papa“, worauf ich natürlich sehr stolz bin. Wenn man fragt, wo der Papa ist, kommt er angerannt, zeigt auf mich und sagt: „Da!“. Er will auch zu mir hinaufklettern, was mit Judits Unterstützung auch gelingt. Dann steht er auf meinem Schoß und wir sehen uns von Angesicht zu Angesicht. Es ist wirklich unglaublich, was dann passiert. Er berührt mit den Fingerspitzen mein Gesicht, tastet die Stirn, die Nase, die Wange ab und streichelt über den Bart, der ihn anscheinend kitzelt. Er geht mit mir zart wie mit einem rohen Ei um, die Brille, der Schlauch, die Knöpfe – alles in Reichweite – lassen ihn völlig unberührt. Auch das Beatmungsgerät hat an seiner Faszination verloren. Er kann inzwischen gehen und läuft einfach daran vorbei. Es ist schön zu sehen und faszinierend zugleich, wie Kinder auf besondere Umstände eingehen können.

 

27.09.: Elias aß genüsslich einen geschälten Apfel. Er hielt ihn der Assistentin Katja hin, bot ihr auch an, davon abzubeißen. Sie lehnte ab. Daraufhin hatte ich den Apfel vor der Nase. Ich biss ab. Er schmeckte hervorragend süß, knackig und ein wenig angeschlabbert. Elias grinste und freute sich. Dann biss er ab und noch während ich an dem einen Stück kaute, war der Apfel wieder vor meinem Mund. So aßen wir genüsslich einen gemeinsamen Apfel und hatten großen Spaß. Anzumerken sei nur, dass ich das Tempo von Biss zu Biss wesentlich beschleunigen musste. Den nächsten Apfel putzen wir sicherlich in zwei Minuten. Da habe ich einen tollen neuen Assistenten! Er liebt es auch jetzt schon, Plastik-Handschuhe anzuziehen.

 

20.10.: Elias hat es jetzt raus. Er geht immer zu unserer Stereoanlage und schaltet sie gekonnt ein. Meistens läuft dann Ö1. Nicht das Lieblingsprogramm von Elias. Er schaltet auf CD um, drückt auf Play und schon spielt seine Lieblings-CD. Italienische Kinderlieder, zu denen er tanzt, wippt und sich im Kreis dreht. Die Musik ist für die Eltern etwas nervig, aber wenn Elias tanzt, hüpfen auch unsere Herzen mit.

Katharina bekam heute von einem Klassenkollegen Besuch. Sie hat mir gestern anvertraut: „Papa, der ist in mich verliebt. Aber nicht weitersagen“. So darf ich heute leider keinen Namen nennen. Wenn das mit Sieben schon beginnt, wie geht das weiter…?

Jedenfalls war es rührend, wie aufgeregt Katharina schon im Vorfeld war. Sie hat sich dann mit dem Freund in ihr Zimmer zurückgezogen, niemand durfte hinein. Als Judit den beiden frisches Obst brachte, hockten sie am Boden und lasen gemeinsam ein Buch. Sehr rührend!
Noch eine ähnliche Geschichte: Bernd, ein anderer Klassenkollege ist in Katharina verliebt. Sie aber nicht in ihn. Sie wagt es aber nicht, es ihm zu sagen, da er das letzte Mal, als sie es ihm offenbart hat, beim Mittagessen in der Schule mit dem Kopf auf den Tisch geschlagen und gerufen hat: „Nein, nein, nein!“
Und noch eine Geschichte: Die Claudia, eine Klassenkollegin von Katharina sagt immer zu ihr: „Du bist in Martin verliebt!“. Und das ärgert Katharina furchtbar. Denn sie ist in ihn nicht verliebt. Denn Martin liebt Anna. Langsam kenn ich mich nicht mehr aus. Ist das eine Alterserscheinung? Bei uns in der Volksschule war das alles noch viel einfacher. Oder habe ich nur alles vergessen?

 

15.11.: Elias ist kein Fan großer Worte. Meistens nimmt er die Assistentin bei der Hand und zieht sie dorthin, wo er Hilfe braucht. Zum Beispiel zum Schnuller, der auf dem Küchenkasten liegt. Beim Essen sagt er jedoch – vorausgesetzt es schmeckt ihm: „Hmm, lecker!“. Dann müssen wir immer lachen. Mehr als essen, liebt er aber, danach selbst das Geschirr abzuwaschen. Er kann auch Laute nachmachen. Zum Beispiel macht der Esel „IA!“ und das Schaf „Mäh!“. Am Besten kann er aber seinen Papa nachmachen. Ich kann durch die Beatmung nicht aufhusten. Wenn mich etwas im Hals oder in der Lunge stört, knurre ich es gurgelnd nach oben. Das klingt wie ein tiefes Räuspern. Elias kann das hervorragend imitieren. Judit sagt sogar, er kann das besser als ich. Wenn man fragt: „Wie macht der Papa?“, beginnt Elias wie ein Wolf zu knurren.

Elias liebt es, Lift zu fahren und die Knöpfe zu drücken. Wenn ich aus der Wohnung rolle, muss er unbedingt mit. Da ich ihm mit der neuen Assistentin zu langsam unterwegs war, hat er meine Hose beim Knie gepackt und mitgeholfen, mich so aus der Türe zu ziehen. Die Assistentin musste so lachen, dass wir noch langsamer vorankamen. Die Assistentin musste Elias hochheben, damit er die Knöpfe im Lift drücken kann. Danach stand er vor mir auf dem Boden und wir fuhren nach unten. Die Türe ging auf und ich sagte zur Assistentin: „Wir müssen schnell herausfahren, bevor die Lifttüre wieder zu geht“. Elias ging das auch wieder zu langsam. Er griff zu meinen Knien und drückte an. Er ist schon wirklich eine tolle Hilfe, unser Liftboy!

Katharina ist eine tolle große Schwester. Sie kann Elias schon alleine wickeln und sagt zu ihm immer: „Den Popo hochheben!“. Elias hebt daraufhin wirklich den Popo hoch. Das tut er nur bei Katharina und nicht bei Mama.
Letzte Nacht ist er mit seinem Gitterbett zu Katharina ins Schlafzimmer übersiedelt. Für uns Eltern war es ein komisches Gefühl, alleine im Schlafzimmer zu sein – ohne Elias.
Katharina hat in der Früh erzählt, dass Elias in der Nacht aufgewacht war: „Ich habe ihn zu mir ins Bett geholt und da ist er wieder eingeschlafen. Dann habe ich ihn zurück in sein Bett gelegt“. Eine bemerkenswerte Leistung. Bei seiner Mama ist er noch nie im Bett eingeschlafen, sondern hat sich stundenlang rumgewälzt und uns alle munter gehalten.

 

19.12.: Heute Morgen fragte Katharina ihre Mama: „Mama, was ist mumifiziert?“. Mama hat gesagt: „Durch Öle werden die Körper nach dem Tod erhalten und zerfallen nicht“. Katharina: „Was heißt zerfallen?“. Mama: „Nach dem Tod zerfallen die Muskeln und das Fleisch vom Körper und übrig bleibt das Skelett“. Darauf Katharina, deren Oma vor zwei Jahren verstorben ist: „Ist die Oma auch nur mehr ein Skelett?“. Noch während Mama überlegt, schießt sie die zweite Frage nach: „Warum haben wir die Oma nicht mumifiziert?“ Mama: „Mumifiziert haben die Ägypter, aber auch nur die Pharaonen. Weil sie gedacht haben, dass sie dadurch weiter leben. Wir glauben, dass der Mensch aufersteht und im Jenseits weiterlebt, während der Körper auf der Erde zerfällt.“

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