07.03.: Letzte Woche machte Katharinas Schulklasse einen Besuch in einem Museum. Als sie zu Mittag heim kam, war sie ganz aufgeregt. Sie wedelte vor meinen Augen mit der U-Bahn-Zeitung „Heute“. Zunächst konnte ich nicht heraushören, worin ihre Aufregung bestand. Dann las sie mir den Artikel vor: „Tragödie im Tierpark Hellbrunn“. Ein junger Gepard ging auf dem Eis des 80qm Gehegeteiches spazieren und brach prompt ein. Sein Freund, auch ein Gepard, eilte ihm zu Hilfe und brach ebenfalls ins Eis ein. Sein Glück war jedoch, dass er gleich nahe dem Ufer eingebrochen war. Feuerwehr, Tierärzte und die Polizei rückten aus. Der zuerst eingebrochene Gepard verstarb, da er unter das Eis gekommen war. Jede Hilfe kam für ihn zu spät, was Katharina entsetzte. Der zweite Gepard konnte mit einer Pistole betäubt und gerettet werden. Immerhin! – Darunter war ein Foto des toten und klatschnassen Geparden zu sehen. Darunter stand: „Das letzte Bild“. – Es war jedenfalls Katharinas erster Zeitungsartikel, den sie alleine gelesen hatte und sie las ihn allen vor – noch Tage später.
08.03.: Katharina war zu einem Geburtstagsfest einer Schulkollegin eingeladen. Das Erste was sie zuhause erzählt hat, war, dass die Freundin 22 Wackelkopffiguren und ein Wackelkopfhaus hat. Das wünscht sie sich natürlich auch vom Osterhasen. Ich versuchte ihr zu erklären, dass das der größte Blödsinn der Welt ist und findige Geschäftsleute damit Kinder hereinlegen. Das Gespräch endete in einem Heulkonzert. Vielleicht war ich etwas zu undiplomatisch. Zum Glück war Katharina nach einer Stunde bereit zu einem klärenden Gespräch. Ich skizzierte die nächsten marktstrategischen Überlegungen der Firma. So wird es wohl im Herbst Wackelköpfe mit Wackelarmen geben und nächstes Jahr Wackelköpfe mit Wackelarmen, Wackelnasen und Wackelbeinen. Es ist besser, wenn wir warten, bis die auf dem Markt sind, dann ersparen wir uns den Kauf der Zwischenprodukte. Ob sie das verstanden hat?

09.03.: Freitagmorgens suchte Katharina vergebens ihre Sportschuhe für den Turnunterricht. Sie hatte es eilig, Hektik brach aus, alle suchten die Sportschuhe. Auch Elias. Judit war sich sicher, dass Elias die Sportschuhe versteckt hatte. Trotz der völlig verzweifelten Schwester schwieg Elias beinhart. Ein Freudenschrei von Judit löste das Rätsel auf: Katharinas Sportschuhe befanden sich ordentlich in die Waschschüssel im Bad gestellt. Elias tat so, als wisse er von nichts.

04.04.: Am Karfreitag kam Judit mit Elias vom Einkaufen nach Hause. Katharina und ich waren unterwegs. Während Judit den Einkaufskorb ausräumte, bemerkte sie plötzlich eine sonderbare Stille in der Wohnung. Sehr ungewöhnlich für den sonst so lebhaften Elias. Sie rief seinen Namen, bekam aber keine Antwort. So durchsuchte sie Raum für Raum nach ihm, aber er blieb wie vom Erdboden verschluckt. Die Wohnungstüre war geschlossen, ebenso die Gartentüre. Er war mit ihr in die Wohnung gekommen und hinaus konnte er wohl nicht. Oder doch? Judit lief in den Hausflur und rief nach Elias. Da kam vom Keller die leise Antwort: „Mama! Mama!“. Dann verstummten die Schreie und kurz darauf öffnete sich vor Judits Augen die Lifttüre und sie blickte in die strahlenden Augen des lachenden Ausreißers. Tatsächlich war Elias mit Judit nach dem Einkauf in die Wohnung gekommen. Danach hatte er aber still und leise die Wohnungstüre wieder geöffnet, war in den Hausflur getreten und hatte die Wohnungstüre hinter sich zugezogen. Was gar nicht so einfach ist, aber sicherstellte, dass Mama ihn nicht gleich entdeckte. Dann hat er sich den Lift geholt, ist eingestiegen und hat den für ihn erreichbaren Knopf „K“ gedrückt. Elias liebt Liftfahren. Was blieb, ist das Herzklopfen und dass wir auf unseren unternehmungslustigen Elias aufpassen müssen. Er kann eben jeden Tag mehr. Und noch eine Lehre, die wir gezogen haben: Wenn Elias futsch ist, empfiehlt es sich dringend, im Lift nach zu sehen.

05.04.: Und wieder einmal war Elias weg. Zuvor war er gerade noch im Garten gesehen, die Gartentüre war abgeschlossen. Wo war Elias? Er wurde von Judit auf dem Gipfel unseres Gartens gefunden, von wo er triumphierend lächelte. War er doch glatt einen steilen Hügel über Holzstufen hinaufgeklettert. Er ist wahrlich begabt, nicht nur als Liftboy sondern auch als Extremkletterer.

Merke: Wenn Elias verschwunden ist, nicht nur unten im Keller nachsehen, sondern auch oben am Gartengipfel. Was ist als Nächstes zu erwarten?

06.04.: Ich komme ja aus Kärnten und liebe eine Brettljause mit Speck. Hin und wider überfällt mich der Speckhunger zu ungünstigen Assistenzzeiten. Katharina ist eine vielseitig begabte Medizinstudentin. Als geborene und waschechte Wienerin kennt sie sich mit der Kultur der Brettljause nicht so gut aus. Noch dazu ist sie Vegetarierin.
Ich bestelle also bei ihr eine Kärntner Speckjause und bekomme den Speck gleich einmal auf einem Teller serviert. Ein grober Kulturverstoß, der von Katharina korrigiert wird: Sie serviert den Speck ein zweites Mal auf einem Holzbrett.
Danach beginnt sie das Speckstück geräuschvoll zu zersäbeln. „Das geht nicht mit einem Messer mit Wellenschliff“, korrigiere ich sie. Gut, sie geht in die Küche und holt ein scharfes Speckmesser.
Ich sehe ja schlecht und glaubte, dass das erste geschnittene Speckstück jetzt in Ordnung sein müsste. Allerdings war es noch immer viel zu dick, hatte am Ende ein ungenießbares Schwartenstück und ich bekam es mit einer Gabel in den Mund gesteckt. Gleich drei Kulturverstöße!
Natürlich muss man das Schwartenstück zunächst überhaupt entfernen. Das ließ sich Katharina noch einreden. Allerdings blieb es bei den Essensinstrumenten Gabel und Messer. Katharina verwendete diese wie ein medizinisches Besteck zum Zerlegen von Fleischteilen. Wir aßen das Speckstück nicht, wir sezierten es. Dabei tauchten interessante Fragen auf: „Willst Du das Bindegewebe auch essen?“ So habe ich Speck noch nie betrachtet. Bisher habe ich Speck einfach nur gegessen und genossen. Nach dieser Speckjause sehe ich den Speck ein wenig anders. Aber ein echter Kärntner lässt sich den Appetit nicht verderben! Meine Tochter Katharina weiß natürlich genau, wie man Speck isst. Sie korrigierte die namensgleiche Assistentin auch ständig. Und am Ende meinte sie: „Ich weiß, wie man Speck isst. Ich bin ja eine halbe Kärntnerin und eine halbe Vorarlbergerin. Und eine ganze Wienerin“.
10.04.: Katharina ging diese Woche routinemäßig zu einer Arztuntersuchung. Die Ärztin fragte sie, was sie sich wünschen würde, wenn sie drei Wünsche frei hätte.
Der erste Wunsch von Katharina war zu unserer Überraschung: „Ich wünsche mir eine Rechenaufgabe, weil ich so gerne rechne“. Ihr zweiter Wunsch lautete: „Meine Schulkollegin Nicole soll besser lesen können“. Einen Wunsch hatte sie noch frei: „Mein Schulkollege Bernd soll besser sprechen können“.
Zur Erklärung: Nicole und Bernd sind SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf – Keine Schokolade! Kein Wunsch nach nächtelangem Aufbleiben und Fernsehen oder einem neuen Nintendo-Spiel. Ob Katharina ihre Wünsche nach den Vorstellungen ihrer Eltern ausgesprochen hat? Jedenfalls hatte sie sich auch nicht gewünscht, dass ihr Papa wieder gehen kann. Und das ist schön so.

11.04.: Diese Woche fand sich in Katharinas Mitteilungsheft folgender Eintrag ihrer Lehrerin: „Wir haben als Thema jetzt den Bauernhof. Jedes Kind gestaltet dazu ein Plakat. Katharina hat die Gans ausgewählt. Sie hat das Plakat nicht gemacht, da sie dazu leider keine Zeit hatte. Bitte verschaffen Sie ihrem Kind Zeit“. Tja, die Kinder heute haben wirklich einen gestressten Alltag. Vom Chor zum Klavierunterricht, zum Englischkurs, zur Rhythmischen Gymnastik und dazwischen muss natürlich genug Zeit bleiben, um Nintendo zu spielen.
Inzwischen ist das Plakat gestaltet. Wir haben verschiedene Gänsepersönlichkeiten herausgesucht. Dabei ist mir eingefallen, dass Daniel Düsentrieb eine besonders schlaue Gans ist 🙂

07.06.:Noch eine kleine Anekdote zur meiner Buchpräsentation „Aus dem Bauch heraus. Pränataldiagnostik und behinderte Menschen“ vergangene Woche im Parlament. Obwohl es sehr spät war, waren unsere beiden Kinder Katharina und Elias bei der Veranstaltung. Judit saß mit den Kindern ganz vorne. Plötzlich stand Katharina auf und ging ganz hinten in die letzte Sitzreihe. Gestern erzählte sie einer Bekannten: „Weißt Du, der Elias hat bei der Buchpräsentation so viel in die Windeln gemacht, dass das bis in die letzte Reihe gestunken hat“. Sie musste es ja wissen, hatte sie es doch ausprobiert.

Obwohl die Buchpräsentation spät abends im Parlament stattgefunden hatte, waren Judit und auch Katharina sowie Elias mit dabei. Das war für mich besonders schön. Katharina war stolz auf ihren Vater und stieß mit einem Glas Kindersekt auf mein Buch an. Elias war nicht zum Feiern. Er wollte arbeiten. Er schnappte sich meinen Notfallkoffer am Griff, kippte ihn auf sein Höhenniveau herunter und zog den Koffer quer durch das ganze Parlament bis zum Ausgang. Bravo Elias, so fleißig! Ganz der Papa.

 

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