13.7.: Elias ist ein Herzensbrecher. Er braucht nur jemanden mit seinen Kulleraugen anzusehen, dann schmilzt jeder dahin und Wünsche werden wahr. Elias weiß auch ganz genau, was er sich wünscht. Und das will er dann zu 100% – ohne Wenn und Aber. Was mitunter zu Konflikten führen kann, wenn die Eltern anderer Meinung sind.

Vergangenen Sonntag bin ich mit Elias ins Straßenbahnmuseum gefahren. Mit dabei war die Assistentin. Gefahren sind wir im Fahrtendienst. Von der Idee eines Sonntagsausfluges „Wenn der Vater mit dem Sohne“, war er nicht so begeistert. Elias weinte die ganze Fahrt, da die Mama mit sollte. Aber dann gefiel ihm das Museum doch sehr: Die verschiedenen Straßenbahnzüge und vor allem die Schienen hatten es ihm angetan. Elias zog meinen Koffer die Schienen entlang und spielte Straßenbahn. Da war sogar die Mama vergessen.

Als ich Elias am Abend fragte, ob er wieder einmal einen gemeinsamen Sonntagsausflug mit dem Papa machen möchte, setzte er einen Grinser auf und sagte: „Ja, das macht mich glücklich.“ Das machte mich auch glücklich.

 

14.7.: Elias hat die Herzen aller persönlichen Assistentinnen verzaubert. Cey sagte einmal zu ihm: „Ich habe von dir geträumt!“ Elias darauf: „Und ich habe von Romana geträumt.“ Damit musste Cey, die Elias auch ganz ins Herz geschlossen hat, erst leben lernen.

Romana ist die absolute Favoritin für Elias. Als ich dieser Tage einmal mit Romana vom Parlament kam und die Gartenrampe zu unserer Wohnung hinauf fuhr, lief uns Elias entgegen und rief begeistert: „Romana, ich habe gespürt, dass du kommst!“ Das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt. Früh übt sich…
15.7.: Katharina hat eine Bremse am Fuß gestochen und sie konnte mit dem rechten Fuß nicht mehr richtig auftreten. Humpelnd und etwas jammernd kam sie gestern zu mir auf die Terrasse. Aber sie hatte auch gleich einen Lösungsvorschlag: „Papa, du hast doch noch deine Krücken von damals, als du noch ein Kind warst. Darf ich die haben?“ Wir kramten sie aus dem Kasten und Katharina stellte sie mit Hilfe der Assistentin auf ihre Größe ein. Der Kommentar von Katharina: „Du warst aber ganz schön klein.“ Naja. Dann hüpfte sie munter durch den Garten und in unserer Wohnung herum. Das Geräusch der klappernden Metallstöcke erinnerte mich tatsächlich an meine Kindheit. Es war lustig zu sehen, wie meine Tochter mit Lust auf meinen Spuren wandelte.

 
16.7.: Der Durchseuchungsgrad von Schafblattern (auch Feuchtblattern oder Windpocken genannt) liegt bei 98% der Bevölkerung. Leider extrem ansteckend. Seit April hing im Kindergarten ein Schildchen, auf dem die Warnung stand, dass Feuchtblattern grassieren. Wir beobachteten Elias, waren aber froh, dass er sich nicht angesteckt hatte.

Doch eines Tages, Anfang Juni, entdeckten wir einen ersten „roten“ Punkt. Dass der Punkt wirklich rot war, war mehr eine Vermutung unsererseits, da auf Elias dunkler Haut alles ein wenig anders aussieht. Von Stunde zu Stunde schossen die Punkte nur so heraus. Wir kauften eine Pflegesalbe und Elias hatte seine Freude daran, sich selbst zu bemalen. Katharina meinte, als sie ihren Bruder angemalt sah: „Ein schwarzer Marienkäfer mit weißen Punkten.“ Elias war arm, es juckte ihn immer wieder, er hatte Fieber und weinte. So ging es drei Tage lang, dann wurde es besser. Zum Glück, so dachten wir, hat Katharina diese Krankheit ja schon gehabt – und man bekommt sie nur einmal im Leben.

Aber da hatten wir uns ordentlich getäuscht. Die Feuchtblattern brachen zwei Wochen später bei Katharina mit voller Wucht aus. Sie war von Kopf bis Fuß mit juckenden, eitrigen Blattern übersät: auch auf der Kopfhaut, auf den Augenlidern und auf den Fußsohlen. So konnte sie nicht einmal mehr auf die Toilette gehen. Ich hatte eine Idee: Wir holten aus dem Kinderschlafzimmer den Bürosessel, Katharina setzte sich drauf und wurde von Mama durch die Wohnung auf das WC geschoben. „Jetzt habe ich auch so einen Rollstuhl, fast wie du“, sagte Katharina und lächelte das erste Mal wieder. Zwei Wochen musste Katharina zu Hause bleiben, dann konnte sie endlich wieder in die Schule gehen.

Judit und ich hatten zum Glück diese Kinderkrankheit schon überstanden und wir bekamen sie auch nicht wieder. Doch mit den Assistentinnen, die fast bei uns leben und täglich aus- und eingehen, gestaltete es sich schwieriger. Zwei hatten die Kinderkrankheit noch nicht gehabt und inserierten verzweifelt den Wunsch nach Diensttausch. Da die Durchseuchungsrate aber zum Glück sehr hoch ist, hatten acht Assistentinnen bereits Feuchtblattern und ich musste nicht im Rollstuhl schlafen und bin auch nicht verhungert. Abgesehen davon, dass mir natürlich Judit geholfen hätte.
20.7.: Katharina besucht die 3. Klasse, es ist eine Integrationsklasse. Allerdings befindet sich das Klassenzimmer im Tiefparterre und ist nur über Stufen erreichbar. Aber ich wollte trotzdem bei der Zeugnisvergabe mit dabei sein. Judit hat gemeint, mit unseren tollen Rampen müsste das möglich sein. Wir haben mit den LehrerInnen geredet und am letzten Schultag alle unsere tollen Rampen zum Schulgebäude geschleppt. Zum Glück befindet sich das Schulgebäude gleich neben unserer Wohnanlage.

Die Spannung stieg, wird es klappen? Der Weg zum Nebeneingang führte durch den Garten, etwas steil, aber mit Platten ausgelegt und bewältigbar. Zum Eingang gab es eine Stufe, die wir mit unserer kleinen Rampe überwunden haben, darauf folgten etwa sieben Stufen nach unten in den Schulgang. Hier baute Judit mit der Assistentin unsere 2,50 m lange Rampe auf. Ich hatte beim Befahren Herzklopfen, aber es ging super. So konnte auch ich bei der Zeugnisverleihung mit dabei sein und war ein stolzer Vater!

Das Schulgebäude barrierefrei zu gestalten, ist mir ein großes Anliegen. Noch dazu gibt es ja in der Schule Integrationsklassen. Der Haupteingang ist seit dem Vorjahr nach einem Schlichtungsverfahren mit mir und der Verwaltungsbehörde über eine fixe Rampe barrierefrei erreichbar (auch wichtig, da die Volkschule Diesterweggasse auch als Wahllokal fungiert). Bei einer Sanierung, die irgendwann in den nächsten Jahren ansteht, sollte das Schulgebäude barrierefrei umgebaut werden. Ein entsprechendes Ansuchen liegt bei der Bezirksverwaltung. Mal sehen…
20.8.: Diesen Sommer waren wir immer wieder sprachlos, was Elias so plauderte. Und er plaudert viel und gerne, so ergab sich eine ganze Sammlung von kleineren Geschichten, über die wir und Elias lachten:

Elias ist beim Essen äußerst heikel. Oft isst er tagelang nichts oder ganz wenig und dann schlägt er wieder ganz ordentlich zu. Beispielsweise bei Spaghetti oder Grillwürstchen. Auch bei Obst ist er äußerst wählerisch. Apfel ist ok, Pfirsich hin und wieder auch, aber Banane wird von ihm völlig abgelehnt. Doch eines Tages sah er mich mit großen Augen an und sagte plötzlich aus heiterem Himmel mitten im Spiel: „Ich will eine Banane.“ Ich fragte nach: „Eine Banane? Aber du magst doch keine Bananen.“ Elias nickte: „Ja, eine Banane.“ Die Assistentin gab ihm eine Banane und tatsächlich aß sie Elias augenblicklich auf. Er meinte auch, dass sie ihm geschmeckt hatte. Allerdings hat er seitdem nie mehr wieder eine Banane gegessen.

Beim Frühstück meint er eines Tages: „Papa, ich will auch so ein Ei wie du haben.“ Ich gab ihm mein Ei, aber das Bananenphänomen wiederholte sich nicht. Elias gab mir das ganze Ei wieder zurück, der Bissen, den er gemacht hatte, lag ausgespuckt am Tellerrand.

Elias wiederholt immer die Sätze, die er von uns hört. Da sagte Opa Hans zu ihm: „Du bist ein richtiger Papagei.“ Elias zu Opa: „Und du bist eine Mamagei.“

Minimundus, die kleine Welt am Wörthersee, war ein Paradies für Elias. Die eigentlichen Hauptattraktionen, die kleinen Gebäude, interessierten ihn überhaupt nicht. Dafür aber der kleine Zug, der in der nachgebauten kleinen Welt herumfuhr. Beim Mittagessen ging Elias mit Katharina Zug schauen. Wenig später kam Elias weinend zurück, Katharina wusste nicht, warum er weint. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, erzählte er, dass ihm das Ohr weh tut. Es war tatsächlich auch ziemlich angeschwollen. „Bist du irgendwo angestoßen?“, fragte Judit. Elias nickte: „Ja, mit der Wespe bin ich angestoßen.“

Im Urlaub unterstützte uns die Assistentin Cey. Sie liebt Elias und er sie. Romana, die er auch sehr gerne hat, hatte er im Urlaub ganz vergessen. Eines Abends in unserem Bett, wollte Elias wieder einmal nicht einschlafen und plötzlich sagte er: „Ich will bei Cey schlafen.“ Cey war ganz begeistert. Und fragte nach, ob er das wirklich will. Elias: „Ja, ich will bei dir schlafen, muss aber erst die Mama fragen!“ Das war richtig nett. Die Mama erlaubte es auch und Elias schlief bei Cey, die die ganze Nacht kein Auge zumachen konnte. Judit und mir bleibt die Hoffnung, dass er so bleibt, wie er ist und immer brav die Eltern fragt. Am nächsten Tag meinte Elias jedenfalls: „Heute habe ich von Cey geträumt.“

Elias liebt die Thomas-Bücher, das sind Bilderbücher rund um einen Zug. Er hat davon sicherlich 20 Bücher und kann alle auswendig. Immer wieder zitiert er plötzlich Sätze aus den Büchern, wie es ihm passend erscheint. So sagte Assistentin Cey einmal zu ihm: „Du lachst so viel wie…“ Und Elias ergänzte: „…wie ein alter Lastwagen.“ Ein Originalzitat aus einem Thomas-Buch.

An besonders heißen Tagen fahren wir von Wien aus nach Bad Fischau. Ein altes Schwimmbad mit frischem Quellwasser, das auch bei größter Hitze eine Abkühlung auf 18°C sichert. Elias hielt bei der Treppe seinen Fuß ins Wasser und zuckte zurück: „Mama, das ist kalt.“ Judit meinte schlau zu sein und sagte: „Das Wasser ist nur bei der Stiege kalt.“ Elias, auch nicht dumm, ging nicht ins Wasser, sondern suchte sich eine andere Stelle am Beckenrand und hielt dort seinen Fuß hinein: „Aber Mama, da ist es auch kalt.“ Judit fehlten die Worte, sie konnte nur noch lachen. Geschwommen ist Elias freilich nicht.

Am Bodensee lernte Katharina Tiffany beim Schwimmen kennen. Tiffany fragte Katharina, ob Elias ihr Bruder wäre oder woher er kommt? Katharina antwortete, dass Elias ihr Bruder und ein Pflegekind sei. Da erzählte Tiffany ihr, dass sie auch ein Pflegekind ist. Diese Begegnung war für unsere Kinder wichtig, da sie zeigt, dass es durchaus normal ist, ein Pflegekind zu sein.

 

21.8.: Jedes Kind hat ein Kuscheltier. Katharina hat gleich mehrere, mit denen sie abwechselnd einschläft. Derzeit ist es ein Seepferdchen, das sie als Trost für ihren letzten Sturz bekommen hat.

Elias wollte nie ein Kuscheltier. Aber ohne seine Decke und seinen Polster kann er nicht einschlafen. Immer wenn er etwas müde ist, schleppt er seine kleine Daunendecke in der einen Hand und seinen Daunenpolster in der anderen Hand durch die Wohnung und macht es sich auf der Couch, auf einem Sessel oder am Boden gemütlich. Natürlich dürfen Decke und Polster auch nicht im Urlaub fehlen. Zum Einschlafen sucht Elias einen speziellen Zipfel seiner Decke, umfasst ihn und spielt damit, bis er einschläft. Ein mystisches Ritual. In der Literatur gibt es ein Vorbild: Linus von den Peanuts, der immer mit seiner Schmusedecke unterwegs ist. Mitunter setzt er seine Schmusedecke auch als Waffe gegen Fliegen ein, was ihm immer sehr viel Respekt verschafft. Deshalb wagt es auch kaum jemand, sich über ihn lustig zu machen.

 

Leave a Comment