05.01.: Wenn der Vater im Rollstuhl sitzt, hat man als Tochter nicht immer Grund, stolz auf ihn zu sein. Mit Katharina gehe ich immer wieder ins Kindertheater, wir haben gemeinsam ein Jahresabo. Vor vier Jahren war Katharinas Schulklasse zufällig in derselben Vorstellung. Ich wartete schon im Foyer und dann kam die 1A mit Katharina, die mich herzlich begrüßte. Ein Mitschüler sah Katharina erstaunt an und fragte: „Kennst du den?“ Katharina antwortete: „Ja, natürlich, das ist mein Papa.“ Die Augen des Schulkollegen wurden immer größer, er flüsterte Katharina ins Ohr: „Der ist aber ganz schön behindert.“ Katharina nahm es scheinbar gelassen. Als ich sie später darauf ansprach, meinte sie nur cool: „Naja, das ist der Fritz, der sagt immer so dumme Sachen.“ Jedenfalls hat man es als Tochter eines behinderten Vaters nicht immer ganz einfach

Heuer hatte die Schulklasse meiner Tochter ein anderes Vorhaben: Ein Parlamentsbesuch stand am Programm. Ich hatte den Workshop in der Demokratiewerkstatt des Parlaments angeregt und schon stand die ganze Schulklasse im Parlament, ausgerüstet mit Mikrophonen, Papieren, Bleistiften und Videokameras übten sie sich als JournalistInnen. Die Demokratiewerkstatt ist eine Initiative des Parlaments, bei der SchülerInnen sich in Gruppen einen Vormittag lang mit dem Geschehen im Parlament, Demokratie und der Entstehung von Gesetzen auseinandersetzen können. In jede Gruppe wird mindestens ein Abgeordneter eingeladen, der mit den SchülerInnen diskutiert und seine Erfahrungen teilt. Da schaute Fritz nicht schlecht, als im Fernsehstudio der Demokratiewerkstatt Katharinas Vater als Abgeordneter Rede und Antwort stand. Er fragte nichts, aber besonders zwei SchülerInnen hatten mit den anderen eine lange Liste mit Fragen ausgearbeitet. Ich erzählte, wie ich ins Parlament kam, wie es ist, wenn man mit dem Rollstuhl bei Pressekonferenzen unterwegs ist, wie Gesetze entstehen und was so der Alltag eines Abgeordneten ist. Katharina hielt sich mit Fragen zurück, aber war auch stolz darauf, dass sie schon öfters im Parlament war, dass sie meinen Alltag kennt und weiß, wie die Sitzungen und Abstimmungen funktionieren. Nach dem Workshop lud ich alle SchülerInnen zum Würstelessen in den Parlamentsklub ein. Da ich eine sehr leise Stimme habe, brauchte ich ein Mikrophon, um alle zum Essen zu begrüßen und ein wenig zu plaudern, was man im Parlament so alles erlebt hat. Katharina flüsterte mir ins Ohr: „Darf ich das Mikrophon halten?“ Ich nickte und mit ihrer Hilfe konnten mich alle gut verstehen. Katharina freute sich sichtlich, dass sie einen Vater hat, mit dem man auch einmal angeben kann.

Katharina wird von Woche zu Woche erwachsener und oft ist sie in ihren Entscheidungen klarer als ihre Eltern. Jetzt in der 4. Klasse beginnt die Suche nach einer weiterführenden Schule. In einer Großstadt ist das gar nicht so einfach. In näherer Umgebung gibt es fünf Gymnasien, die scheinbar alle recht gut sind. Aber welche Schule passt am besten zu Katharina? Judit besuchte mit ihr an den Tagen der offenen Tür vier Schulen. Zwei davon schloss Katharina gleich aus: „Zu groß, zu unübersichtlich.“ Interessant sind Katharinas Kriterien für ihre Entscheidung, wie das Läuten der Schulglocke und wo ihre Freundinnen hingehen werden. Beim letzten Elterntreffen berichtete die Lehrerin von einem Gespräch, das sie zwischen Katharina und einer ihrer Freundinnen gehört hatte. Die Freundin beklagte sich bei Katharina, wie schwer sie es hat: „Mein Vater sagt, ich soll in die Linzerstraße und meine Mutter ist für die Fichtnergasse.“ Katharina sagte: „Das ist noch gar nichts. Bei mir ist auch die Mama für die Linzerstraße, der Papa ist für die Fichtnergasse, der Opa ist für die Ursulinen und Nicole ist für die Astgasse.“ Jedenfalls hat sich Katharina jetzt für eine Schule entschieden, da sich ihre Eltern nicht entscheiden konnten. Es ist aber schön, wenn man merkt, dass man eine sehr mündige und selbstsichere Tochter hat. Sie wird sicherlich ihren Weg machen und die Schule wird passen.

 

14.1.: In den Weihnachtsferien haben sich unsere beiden Kinder als Köche bewiesen bzw. als ZuckerbäckerInnen. Katharina wollte einen Apfelkuchen backen und hat das mit der Assistentin Kathrin gemacht. Elias wurde dazu herzlich eingeladen. Anfangs wollte er auch mitbacken, und vor allem wollte er die Eier in den Teig schlagen. Er nahm ein Ei in die Hand und prompt fiel es auf den Boden. Als ihn alle böse anschauten, entschied er sich, seinen eigenen Kuchen zu backen. Er mischte Sand aus der Sandkiste, Zimt und Mehl in einer Backform zusammen. Inzwischen war Katharina mit ihrem Kuchen fertig und er wurde ins Backrohr geschoben. Elias wollte seinen Kuchen auch im Rohr backen und protestierte heftig, da dies allgemein abgelehnt worden war. Aber Elias gab nicht auf und vervollständigte seinen Kuchenteig durch eine Plastikhimbeere und einen Plastikapfel. Nachdem Katharinas Kuchen fertig gebacken war, schob Judit Elias’ Kuchenform in das noch warme Backrohr. Und siehe da, der Zimt roch herrlich. Allerdings schmolzen auch die Plastikfrüchte zusehends. Elias freute sich trotzdem. Am Abendtisch landete aber nur der Kuchen von Katharina, er war ein Genuss! Toll sind sie, unsere Köche!

 

16.1.: Gestern Nacht ist Elias aufgewacht und hat geweint. Seine Windel war ganz voll. Als Judit die Windel wechseln wollte, sagte er: „Ich brauche keine neue Windel, ich brauche dich Mama!“ Elias nahm wieder einen Anlauf, um Assistent bei mir zu werden, was er unbedingt will. Die Assistentin darf Computerschreiben, am Handy tippen, die Atemkanüle absaugen … kurz, alles, was Elias gerne tut. Neulich setzte er sich zur Assistentin auf den Sessel und tippte am Computer herum. Dann sagte er zur Assistentin: „Ich bin jetzt die neue Assistentin. Du kannst jetzt nach Hause gehen.“ Gestern Abend war die Assistentin kurz im Bad. Elias kam zu mir ins Wohnzimmer und sagte: „Papa, während die Assistentin im Bad ist, bin ich jetzt da. Wenn die Assistentin kommt, kann ich wieder gehen.“ So habe ich wirklich einen tollen, kleinen, hochmotivierten neuen Assistenten.

 

4.2.: Elias weiß wie Katharina genau, was er will. Wenn er beispielsweise einmal nicht seine Lieblings-CD hören darf, reagiert er verärgert und gibt das zurück, was er in der Vergangenheit zu hören bekommen hat: „Jetzt gehst du in dein Zimmer und wirst vernünftig und denkst darüber nach. Ich lade dich nicht zu meinem Geburtstag ein. Papa, was soll das, schrei nicht so mit mir.“ Es ist auch ein wenig lustig, da gerade ich nicht schreien kann. Und wenn er zur Assistentin sagt, dass sie in ihr Zimmer gehen soll, antwortet diese: „Ich habe hier kein Zimmer.“ Die große Drohung ist immer, dass wir nicht zu seinem Geburtstag eingeladen sind. Ich habe ihm heute gesagt, dass es wohl heuer eine sehr traurige Geburtstagsfeier sein wird, denn die Mama ist nicht eingeladen, auch nicht Katharina, Opa, Nicole und Papa. Er wird wohl alleine feiern müssen. Elias überlegte kurz und sagte dann: „Du bist eh eingeladen und die Mama darf auch kommen.“ Da freuen wir uns schon alle!

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