15.04.: Früh morgens geistert seit einiger Zeit das Biest durch unsere Wohnung. Elias hat eine neue Lieblings-CD: Die Schöne und das Biest. Bereits zum Frühstück irrt die Schöne durch das verwunschene Schloss und Elias wartet voll Spannung, bis das Biest mit tiefer Stimme auftaucht. Er kennt die Stelle genau und rennt schon kurz davor ängstlich zu mir ins Bett. „Papa, jetzt kommt gleich das Biest!“, sagt er aufgeregt. Durch die Nähe seiner Eltern ist es nicht ganz so gruselig. Faszinierend ist, dass er ganze Dialogpassagen auswendig kennt. Er spielt ja gerne mit den CDs, sie zerkratzen und bleiben dann immer wieder hängen. Macht aber nichts, da Elias sie ohnehin auswendig kann.

 

23.04.: Gestern hatte Elias Geburtsag, er wurde vier Jahre alt. Er ist ganz stolz darauf. Wir haben natürlich ausgiebig gefeiert, in der Familie. Aber die Feierlichkeiten sind noch nicht beendet: heute gab es eine Torte im Kindergarten, es gibt eine Geburtstagsfeier in der Kirchengemeinde und eine große Kinderparty kommendes Wochenende. Er weiß genau, wen er dazu einladen will und es gab eine lange Liste von Freunden. Schön, wenn man so viele Freunde hat.

Vom Kindergarten wollte er heute Mittag gar nicht heimgehen. Er schickte Nina, unsere Kinderbetreuerin, einfach wieder nach Hause. Schließlich war er heute der große Star im Kindergarten. Als er später nach Hause kam und Mama bereits da war, sagt er überrascht: „Wen sehe ich den da?!“ Gestern fragte ihn jemand, wie alt er denn jetzt ist. Elias sagte: „Drei Jahre.“ Darauf meinte ich, dass er ab heute vier Jahre ist. Darauf Elias: „Ja, ich bin vier Jahre alt und nächstes Jahr werde ich drei Jahre und übernächstes Jahr werde ich fünf Jahre alt.“ Von Assistentin Linda hat nicht nur Elias ein Geschenk bekommen, sondern auch Katharina: ein Heft namens „sweet home“. Damit kann man sich seine Glitzerwohnung mit Stickern selbst planen. Katharina hat gemeint, dass es dumm sei, da es keine Person im Rollstuhl gibt und niemand eine dunkle Hautfarbe hat. Da kann sie unsere Familie gar nicht richtig darstellen. Naja, da gibt es in der heilen Glitzerwelt noch Nachholbedarf.

 

11.05.: Die inszenierte Welt. Meine Assistentin Annie hat einen tollen Nebenjob gefunden, sie ist Zuschauerbetreuerin bei der ORF Sendung „die große Chance“. Auch Katharina und ich wollten die große Chance nutzen, denn wer möchte das nicht – obwohl es von mir ein wenig Überredungskunst benötigte, um Katharina zum Mitkommen zu bewegen. Ich wollte ihr zeigen, wie künstlich und inszeniert die Fernsehwelt ist. Katharina wollte lieber zu Hause fernsehen. Doch ich konnte sie überreden. Der Fahrtendienst kam pünktlich und der Fahrer fragte Katharina, was sie einmal werden möchte. Katharina meinte: „Ärztin, Lehrerin oder Meerjungfrau“. Sie ist nämlich ganz begeistert von einer Teenie-Serie im Fernsehen namens „H20 – Plötzlich Meerjungfrau“. Wir suchten gleich am Handy Mako Island bei Google-Earth, denn das ist der Ort, wo sich Mädchen in Meerjungfrauen verwandeln. Leider ist der Ort bei Google-Earth unbekannt. Eine erste kleine Lehre, dass die Fernsehwelt nicht mit der realen Welt ident ist. Trotzdem wollte Katharina den Traum Meerjungfrau zu werden nicht aufgeben: „Es ist so cool, wenn man zaubern oder mit der Flosse ganz schnell schwimmen kann.“ Beim Fernsehstudio war ich offensichtlich schon bekannt und vorangemeldet. Der Portier bei der Einfahrtsschranke meinte zum Fahrer mit einem Blick auf mich: „Ah, das ist der mit der Steckdose.“ „Ja, Papa benötigt für das Beatmungsgerät Strom“, sagte Katharina. Wir durften hineinfahren, aber nicht aussteigen. Gleich mehrere Zuschauerbetreuer, darunter auch Annie, kümmerten sich um den Gast mit den speziellen Steckdosen-Wünschen. „Steigen Sie erst aus, wenn der Techniker mit dem Stromkabel kommt“, meinte ein Betreuer. Annie musste erst alle aufklären, dass mein Gerät ohnehin einen Akku hat, der einige Stunden mein Überleben sichert.

Schließlich durften wir doch aussteigen. Vor Aufregung musste ich gleich einmal auf das WC. Katharina auch. Aber ich dringender. Es gab sogar ein Behinderten-WC und meine Assistentin Linda katheterisierte mich. Plötzlich zuckten wir zusammen, die WC Türe sprang auf. Doch es war nur Katharina, die fragte: „Seid ihr bald fertig?“ Ein vorwurfsvoller Blick an Linda, dass sie nicht abgesperrt hatte. Sie zuckte die Achseln: „Das Behinderten-WC hat kein Schloss.“

Wir saßen in der ersten Reihe, mit dem Luxus eines Stromanschlusses. Annie erklärte uns, dass die Hälfte des Publikums bezahlt ist. Es sind Statisten, die sich für die Aufzeichnung fünf Stunden in das Studio setzen. Dadurch ist auch gesichert, dass sie dann klatschen, wenn Applaus benötigt wird. „In der ersten Reihe sitzen nur schöne Menschen“, erklärte uns Annie. „Es ist furchtbar peinlich, die Leute auf die hinteren Sitzreihen zu verweisen, wenn vorne genug Platz ist.“ Ich meinte, dass wir uns glücklich schätzen können, hier in der ersten Reihe sitzen zu können. Wir wurden weiters aufgeklärt, dass es Quotenzuschauer gibt: ein Zuschauer mit dunkler Hautfarbe, ein Zuschauer mit asiatischen Gesichtszügen, … da musste ich lachen: „Dann bin ich wohl der Quotenbehinderte mit seiner Tochter.“

Die Show begann mit einer Animation des Publikums. Ein „Einklatscher“ zeigte dem Publikum, wie es abgestuft klatschen muss: „erfreut, begeistert, hoch begeistert“. Zur Steigerung wurde noch Fußtrampeln geübt – und eine Welle. Es wurde vereinbart, wer als erstes aufsteht. Wenn dieser ausgewählte Mann aufsteht, müssen nach und nach alle anderen im Publikum auch aufstehen. Auch die Mimik wurde eingeübt und gleich mit der Kamera aufgezeichnet: erstaunte Gesichter, schockierte Gesichter, begeisterte Gesichter. Damit man es hat, wenn man es braucht. Alles kann je nach Bedarf eingespielt werden. Katharina machte begeistert mit und ich weiß nicht, ob ich mit meinen lehrhaften Bemerkungen wirklich bei ihr durchkam. Jedenfalls nickte sie zustimmend, als ich sagte, dass im Fernsehen nichts echt ist, alles ist Theater.

Die Darbietungen der Leute auf der Bühne waren teilweise beeindruckend. Viele brachten mehr oder weniger gute Gesangsleistungen. Begeistert waren wir von professionellen Seilspringern, die zu einer poppigen Musik über die Bühne hüpften, sprangen und herumwirbelten. Aber der Schmäh der Jury „rannte“, leider auf Kosten der Künstler. Ein zwölfjähriges Mädchen wurde von einem Jurymitglied provokant gefragt: „Mäuschen, musst du nicht Pipi, du bist doch so aufgeregt.“ Eine Demütigung und Verarschung. Der Preis eines Auftrittes im öffentlich rechtlichen Fernsehen ORF? Ich diskutierte das mit Katharina.

Auf der Heimfahrt fragten wir uns, welche Talente wir für die große Chance haben. Unser Resümee: Leider oder Gott sei Dank keines. Wir sind völlig durchschnittlich. Außer Katharina wird dann noch eine Meerjungfrau.

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