21.8.: Bahnhof bedeutet Willkommensfreude, aber auch Abschied. Wir stehen auf Gleis 2 am Bahnhof Spittal am Millstättersee. Der Zug aus Wien kommt an und Assistentin Linda steigt mit ihrem Gepäck aus. Sie freut sich auf die kommende Urlaubswoche mit mir, Judit und Elias. Die Assistentin Judith hat die letzte Arbeits-Urlaubs-Woche mit uns verbracht. Ein wenig müde, aber noch immer strahlend, steigt sie in den Zug zurück nach Wien. Wer noch in den Zug einsteigt? Unsere Tochter Katharina. Sie hat eine große Reise vor sich, sie fliegt morgen mit ihrer Tante Nicole nach London. Die Besichtigung einer Weltstadt, ein wenig Smalltalk in English und zwei Musicalbesuche stehen auf dem Programm. Judit und mir, vor allem aber auch Elias, fällt der Abschied schwer. Katharina gibt sich cool, mit zusammengebundenen Haaren und einem hellblau-dunkelblau-roten Sweater. Vor allem aber mit der dunklen Sonnenbrille gibt sie eine richtige englische Lady. Wir wünschen uns ein Abschiedsfoto. Katharina will nicht, fotografieren mit zehn Jahren ist völlig uncool. Dann überreden wir sie aber doch und sie nimmt sogar die Brille ab. Herzlich drückt sie Elias, dann steigt sie in den Zug und wir wünschen ihr in Gedanken eine gute Reise. In einer Woche werden wir nachfliegen, wir wollen die Paralympics in London besuchen. Elias wird bei Oma und Opa bleiben. Ob das alles so einfach geht, wie es sich die Eltern vorstellen?

 

26.8.: Judit und ich sitzen mit Linda im Auto nach Wien. Übermorgen werden wir zu Katharina nach London fliegen. Die Stimmung ist bedrückt, Elias wollte nicht so recht in Kärnten bleiben. Erst die Verlockung einer Schifffahrt mit der „Millstatt“ und Oma brachten die Wende. Trotzdem wollte Elias, dass Mama mitfährt. Abschiedstränen. Beim Telefonat am nächsten Tag hat sich die Lage aber völlig beruhigt: Meine Eltern waren mit Elias essen. Elias hat sich Pommes und Ketchup bestellt. Als Vorspeise kam ein Gruß aus der Küche. Elias sagte: „Das esse ich nicht, das habe ich nicht bestellt.“ Er war bei meinen Eltern gut aufgehoben.

 

27.8.: Wir kommen spätabends im Hotel an. Katharina und Nicole schlafen bereits. Wir fallen todmüde ins Bett. Die Assistentin Katharina ist auch völlig erledigt. Am nächsten Tag in der Früh gibt es ein großes Wiedersehen mit Katharina. Sie erzählt voll Freude, was sie alles gesehen und erlebt hat. Unter dem Arm hat sie gleich ihre Bettdecke mitgebracht. Sie zieht zu uns ins Zimmer und die Assistentin Katharina wird zur Tante ins Exil geschickt. Jetzt haben wir wieder unsere schnarchende Tochter und fühlen uns ganz zu Hause, auch wenn wir mitten in London sind.

 

28.8.: Abendempfang des paralympischen Österreich-Teams in der Botschaft. Wir fahren mit der U-Bahn hin, Katharina schiebt den Notfallkoffer. Sie kennt sich schon ein wenig aus, wo man in der U-Bahn ein Ticket kauft. Aus der U-Bahn zeigt sie Sehenswürdigkeiten, an denen wir vorbeirauschen und erzählt, was sie dort erlebt hat. Zur Überraschung aller begrüßt Botschafter Brix die Sportler nicht im Stehen, sondern auf einem Sessel sitzend, wofür er sich entschuldigt. Durch eine Autoimmunerkrankung ist er selbst seit einigen Monaten auf einen Rollstuhl angewiesen. Katharina, frisch vom reichhaltigen Buffet gestärkt, gibt sich gegenüber dem Botschafter ganz locker. Sie erzählt von ihrem Urlaub in Kärnten und von Opa Hans, der immer am Abend voll hungrig zu uns kommt, aber sagt, dass er nichts essen will, obwohl er es doch will. Smalltalk beherrscht Lady Katharina. Wir treffen Nico, einen jungen Tennisspieler aus der Wenzgasse. Er nimmt am Jugendcamp der Paralympics teil. Katharina kennt Nico vom offenen Tag am Gymnasium Wenzgasse. Auf der Suche nach der richtigen Schule war sie auch dort. Entschieden hat sie sich aber letztlich für das Gymnasium Fichtnergasse, das ist kleiner und überschaubarer, meint sie. Gleich nach unserem London-Aufenthalt ist am Montag der erste Schultag. Wir Eltern haben schon Herzklopfen. Was Katharina darüber denkt, weiß man nicht so ganz genau.

Angesichts der vielen Sportler denke ich über meine sportliche Leistung der ersten beiden Tage in London nach. Paralympionike bin ich nicht, aber vielleicht ein Beatmungs-Überlebenskünstler. Mitten im Fußgängertunnel unter der Themse verstopfte plötzlich meine Beatmungskanüle. Aber meine Persönliche Assistentin Katharina riss geistesgegenwärtig den Notfallkoffer auf, saugte ab und ich konnte wieder frei durchatmen. Zumindest eine olympiareife Leistung meiner Assistentin. Tante Nicole blieb dabei fast das Herz stehen. Aber meine Tochter nahm es gelassen, für sie ist das alltägliche Normalität. Es ist lustig, auch wenn ich in der Nacht mit dem Absauggerät vom Schleim befreit werden muss – und das ist ziemlich laut –, schläft Katharina ruhig weiter. Ist ja nichts Außergewöhnliches.

 

29.8.: Eintrittskarten für die Eröffnung der Paralympics haben wir nicht bekommen, wir sehen sie uns im Fernsehen an: Eine Rollstuhlfahrerin schwebt durch die Olympiahalle und der mehrfach für den Nobelpreis nominierte Physiker Steven Hawking tippt mit dem einzigen Finger, den er noch bewegen kann, auf eine Computertaste, wobei seine digitale Stimme sagt: „Schau zu den Sternen, und nicht zu den Füßen. Bleib neugierig auf die Vielfältigkeit des Universums.“ Innerliche juble ich und werfe einen Blick zu Katharina ins Bett. Sie schläft leider schon.

 

30.8.: Die Spiele der Vielfalt haben begonnen. „We will, we will rock you“, hallt es durch das Stadion und Katharina shaked begeistert mit. Die Stimmung ist aufgeheizt. Beim Rollstuhlbasketball Frankreich gegen die USA kämpfen Frauen mit athletischen Oberkörpern und festgeschnallten Beinen um den Sieg. Mit schräg gestellten Rädern rasen sie aufeinander zu, rammen und blockieren sich. Zwei Spielerinnen verkeilen sich mit ihren Rollstühlen, die hintere gibt der vorderen einen festen Stoß, sodass sie auf die Seite kippt. Die mit dem Rollstuhl am Boden liegende Sportlerin dreht sich über die Seite auf den Rücken und stößt sich, ohne ihre Hände zu benützen, mit einem Oberkörperschwung wieder in Sitzposition. Katharina ist begeistert, was man im Rollstuhl alles machen kann.

 

31.8.: Wir sind wieder am Flughafen Heathrow, es geht zurück nach Wien. Obwohl wir schon zwei Stunden vor dem Abflug da waren, waren es jetzt nur mehr 20 Minuten bis zum Abflug. Endlich kam uns der Flughafenassistent abholen. Er sah meinen Elektrorollstuhl und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Dann telefonierte er. Wir wurden von ihm in einem engen Lift in die Parkgarage geführt. Dort standen wir auf einer Plattform mit einer 20 Zentimeter hohen Kante. „Da können wir unmöglich hinunter, Papa!“, sagt Katharina. Ein Flughafentaxi mit Hublift stand einen Meter entfernt, es gab keine Chance, dorthin zu kommen. Judit hatte die Idee, das Auto einfach näher an die Plattform zu fahren. Der Fahrer tat es, aber es ging trotzdem nicht, da die Sicherheitsabsperrung den Weg auf die Taxihebebühne versperrte. Wir waren ratlos und die Zeit lief uns davon. Im Geist flog uns auch schon das Flugzeug davon. Da hatte Katharina eine glorreiche Idee: „Wir tun die Absperrung weg, dann können wir zwar nicht mit dem Hebelift nach oben ins Auto fahren, aber dann kann die Hebebühne mit Papa auf die Straßenfläche abgesenkt werden. Papa fährt vom Hebelift runter, wir geben die Absperrung wieder hinauf und dann kann Papa wieder von der Straße auf den Hebelift fahren und dann sollte es funktionieren!“ Es war kompliziert, aber Katharinas Plan ging tatsächlich auf. In letzter Minute erreichten wir das Flugzeug. Wir waren stolz auf unsere Tochter, wie sie mithilft und vor allem mitdenkt!

 

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