5.9.: Wiedersehen macht Freude. Ein Woche lang waren Judit, Katharina und ich in London bei den Paralympics. Elias blieb bei meinen Eltern in Kärnten. Vermisst haben wir ihn ordentlich. Ob Elias uns auch vermisst hat? Wir telefonierten regelmäßig mit den Großeltern und es gab immer gute Nachrichten: Elias hat sich gut eingelebt, er fragt nie nach uns und lacht viel. Die Koffer sind kaum ausgepackt, als es an der Tür läutet und Elias aufgeregt hereinstürzt. Freudig umarmt er Judit, Katharina und mich. Er hat so viel zu erzählen, von den vielen Schifffahrten am Millstättersee, von Oma und Opa und von den Hasen des Nachbarn. Wir sitzen gemeinsam im Kinderzimmer und bauen mit Elias eine Kugelbahn auf, während er von all seinen Erlebnissen berichtet. Judit und ich sind froh, dass er die Zeit gut überstanden hat. Wir hatten ein sehr schlechtes Gewissen, ihn in Österreich zurückzulassen. Plötzlich sprang Elias beim Spielen auf und zerstörte mit seinen Füßen die Kugelbahn. Er war zornig und weinte. Judit wollte ihn in die Arme nehmen, aber er wehrte sich. Judit hielt ihn schließlich in den Armen, und Katharina streichelte ihn, während ich versuchte, ihn mit Worten zu beruhigen. Elias sagte schließlich, dass es gemein war, dass er alleine gelassen worden war und nicht mitfahren durfte.
So, jetzt war es heraußen und Elias beruhigte sich wieder. Wir waren wirklich sehr froh, wieder alle zusammen zu sein. In diesem Moment wurde uns klar, wie wichtig der Zusammenhalt in der Familie ist und Elias versprachen wir: „Wir fahren nie wieder ohne dich weg!“

 

1.11.: In den letzten Wochen hat sich Katharina sehr verändert, sie ist größer und erwachsener geworden. Seit zwei Monaten geht sie ins Gymnasium. Ich kann mich noch erinnern, als sie ein Kindergarten-Kind war, dann der Aufstieg zum Volksschul-Kind und jetzt der nächste große Schritt ins Leben. Vieles nervt sie, vor allem die Eltern, wenn sie fragen, wie es in der Schule gelaufen ist, welche Hausaufgaben sie hat oder ob sie für die Schularbeit schon gelernt hat. Wahrscheinlich müssen auch wir als Eltern loslassen lernen. Wir arbeiten daran.

Ein großes Thema war ein Handy, das sie unbedingt haben wollte. Wir einigten uns auf ein „Notfall-Handy“, mit dem man nicht im Internet surfen kann, sondern es eben nur im Notfall zum Telefonieren benutzt. Aber was ist ein Notfall? Immer öfters ruft sie notfallmäßig an und fragt, ob sie bei einer Freundin oder Cousine länger bleiben kann. Das „Notfall-Handy“ steigerte die Notfälle extrem. Vom größten Notfall erfuhren wir aber nicht durch einen Telefonanruf, denn das Handy war verschwunden. Wochenlang suchte Katharina verzweifelt. Wir rieten ihr, sich daran zu erinnern, wo sie es zuletzt verwendet hatte. Aber sie konnte sich an nichts erinnern, wie es eben bei Traumatisierungen so ist. Zwei Wochen später tauchte das Handy glücklicherweise wieder auf. Es war doch in einer ihrer Jackentaschen gewesen.

 

22.12.: Den ganzen Herbst über war unsere Wohnung eine Baustelle gewesen. Bisher hatten beide Kinder ein gemeinsames Kinderzimmer und das wurde immer schwieriger, besonders da Katharina zum Lernen Ruhe benötigt und auch ihren eigenen Rückzugsraum. Daher hatten wir im Sommer beschlossen, unsere Wohnung mit einer kleinen Wohnung im ersten Stock – die meinen Großeltern gehört – mit einer Stiege zu verbinden. Jetzt gibt es eine tolle Wendeltreppe aus Holz, über die Katharina und Elias hinauf und hinunter laufen. Ich bin kein Fan von Stiegen, aber durch den Hauslift habe ich auch mit dem Rollstuhl die Möglichkeit, in die obere Wohnung zu kommen. Jetzt hat jeder sein eigenes Zimmer. Ich fragte Katharina, ob sie die Wand bemalt haben möchte. Sie überlegte kurz und meinte dann, dass sie lieber selbst etwas auf die Wand malen möchte. Und was? Eine Meerjungfrau? Katharinas Antwort: „Nein, Papa, einen Dinosaurier“. So schlecht kenn ich meine Tochter, ich hätte nicht gedacht, dass sie Dinosaurier cool findet. Jedenfalls war mir eine Woche später klar, wer das Durcheinander in ihrem Zimmer verursacht hatte: „Das muss wohl ein Dinosaurier gewesen sein. Vielleicht kann er auch wieder aufräumen“.

 

27.12.: Heute ist etwas Sensationelles passiert. Ich wollte mit Elias spielen. Ich fragte ihn, was er spielen möchte und er meinte: „Mit den Krippenfiguren“. „Aber die Krippe steht im anderen Zimmer“, sagte ich ihm. Da meinte Elias: „Komm Papa, ich fahre dich hin“. Ehe ich mich versah, hatte Elias mich abgesteckt und das Stromkabel auf meine Beine gelegt. Er drückte selbstbewusst auf den Startknopf des Elektrorollstuhls und schob den Joystick nach hinten, damit ich mit dem Rollstuhl vom Tisch wegrollen konnte. Dann fuhren wir quer durch das Wohnzimmer, bei der Tür hinaus über den Gang, an der Garderobe vorbei und hinein zur Krippe. Auf dem Weg gab es zahlreiche Hindernisse: Zwei Stühle wurden von Elias zur Seite gerückt, die Schiebetüre ganz geöffnet, Schuhe weggeräumt, an der Garderobe hingen viele Kleider, wo man ganz genau in der Mitte durchfahren musste und dann noch durch die enge Türe hindurch. Elias war der perfekte Assistent! Ich hatte ganz große Augen gemacht vor diesem Können unseres kleinen vierjährigen Buben. Danach spielten wir mit den Krippenfiguren, die Elias in Meerjungfrauen verwandelte.

 

7.1.: Am Sonntag war Elias zu einem Geburtstagsfest eingeladen. Judit fuhr mit Katharina alleine in die Kirche, da Elias länger bei der Party bleiben wollte. Als er heimkam, waren nur die Assistentin und ich da. Ich versuchte ihn zu überzeugen, dass er sich den Pyjama anziehen und die Zähne putzen soll, da es schon 19 Uhr abends war. Aber Elias weinte fürchterlich, weil er nicht mit in der Kirche war. Ich sagte ihm, dass es seine Entscheidung war und die Mama ohnehin gleich kommt. Doch Elias stellte sich stur. Ich erklärte ihm die Situation immer wieder und plötzlich passierte etwas Erstaunliches. Elias wurde ganz still. Nach einiger Zeit meinte er: „Papa, ich ziehe den Pyjama an. Weißt du, manchmal mag ich mich selbst nicht! Ich weiß da gar nicht, warum ich so bin!“ Er zog sich alleine den Pyjama an, putzte die Zähne und ich erzählte ihm eine Zug-Geschichte, von der Straßenbahn „9er“, die über eine Baustelle rumpelte, wodurch sich das Schild umdrehte und so zur „6er“ wurde. Elias musste herzlich lachen.

 

15.1.: Beim Abendessen fragte Elias heute auf einmal: „Papa, warum sitzt du im Rollstuhl?“ Und nach einer Weile weiter: „Als die Katharina auf die Welt gekommen ist, war ich als Engel auch auf der Welt und der Papa hat gehen können. Wie ich dann auf die Welt gekommen bin, ist der Papa im Rollstuhl gesessen. Warum?“ Ich erzählte ihm, dass ich früher wirklich gehen konnte, mit Krücken und Stützapparaten. Meine Beine sind gelähmt, ich kann sie nicht bewegen. Elias sagte: „Deine Füße sind der Rollstuhl, wie die von der Margit“. Ich musste lächeln, denn Margit ist die Protagonistin eines meiner Kinderbücher. Sie sitzt auch im Rollstuhl und rollt selbstbewusst durch das Leben. Es war das erste Mal, dass Elias meine Behinderung ansprach. Zwei Tage später kam Elias wieder zu mir und sagte: „Papa, es ist egal, dass du im Rollstuhl sitzt. Hauptsache du lebst“. Mir kamen wirklich die Tränen. Judit, die das gehört hatte, erzählte mir später, dass das ein Zitat aus dem Hörbuch „König der Löwen“ ist. Der kleine Löwe Simba war lange Jahre verschollen und schließlich fanden ihn seine Freunde wieder. Er hatte viel mitgemacht, aber die Freunde sagten zu ihm: „Hauptsache du lebst!“ Toll, wie Elias diese Botschaft der Geschichte in sein Leben einbaut und diese Botschaft nicht nur verstand, sondern auch auf mich umlegt. Da kamen mir gleich wieder die Tränen.

 

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