11.5.: Gemeinsamer Familienausflug zur Kinderärztin. Judit will mich unbedingt dabei haben, da die Kinderärztin beim letzten Kontrolltermin gemeint hatte „das Kind sollte jetzt unbedingt geimpft werden“. Judit erzählte mir das zuhause und ich war entsetzt. Erinnerungen an die eigene Kindheit tauchen auf, Erzählungen meiner Mutter: Ich kam ganz gesund zur Welt und entwickelte mich sehr gut, meine Lieblingsbeschäftigung war es, die Bettdecke mit den Beinen wegzustrampeln. Mit sieben Monaten wurde ich geimpft, mit der üblichen Dreifachimpfung, kurz darauf bekamm ich hohes Fieber. Zwei Monate später erhielt ich meine zweite Teilimpfung, wieder Fieber und diesmal erschlaffte mein ganzer Körper. Ich hörte zum Strampeln auf, der Kopf fiel auf die Seite. Meine Eltern waren entsetzt und suchten einen Arzt nach dem anderen auf, zuletzt war ich auch einige Monate in Wien im Preyrischen Kinderspital, fernab der Heimat, weg von den Eltern. Meine Mutter besuchte mich so oft es ging am Wochenende. In meiner Verzweiflung aß ich Kinderzahnpaste und kotzte die Krankenschwester an, was mich nicht sehr beliebt machte. Die Untersuchungen brachten aber nicht viel, es blieb unklar, warum fortan meine Beine gelähmt blieben. Das alles wollte ich nun Katharina natürlich ersparen. Klar, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, das sich dieses Schicksal bei Katharina wiederholt. Aber trotzdem – man weiß ja nie. Und die Pharmalobby mit ihrem selbstgezeichneten Schreckensszenarium ist mir schon immer sehr suspekt gewesen.

Dies alles erklärte ich auch unserer Kinderärztin, die zuvor unbedingt darauf bestanden hatte Katharina die neue Sechsfachimpfung zu spritzen. Das Schicksal des Vaters berühte sie aber sichtlich und sie verstand auch die Ängste. Wenn gleich sie versicherte, dass sich der Impfstoff sehr weiter entwickelt hatte und gerade bei der Sechsfachimpfung bei ihr noch keine Komplikationen aufgetreten waren. Judit war auch hin- und hergerissen. Sie will für Katharina nur das Beste und das bedeutet für sie eher der Impfschutz. Wir einigten uns mit der Ärztin auf einen Kompromiss: Erstmals den Sommer abwarten und genießen und dann im Herbst weiter sehen.

 

6.6.: Die Zeit bis zum Herbst einfach so verstreichen zu lassen, wollte ich auch nicht und so vereinbarte ich einen Termin bei einem mir bekanntem Kinderfacharzt, der zwar kein Impfgegner ist, aber Impfungen auch kritisch gegenübersteht. Und so gab es einen neuen Familienausflug nach Niederösterreich. Der Kinderarzt empfing uns freundlich und war von Katharina ganz begeistert. Die von mir erhoffte eindeutige Empfehlung gegen eine Impfung gab er jedoch nicht ab. Stattdessen führte er alle möglichen Für und Wider an. Er selbst hatte seine Kinder nicht geimpft, was sie ihm jetzt mit Zwanzig teilweise zum Vorwurf machen. Der Kinderfacharzt lächelt und meint „Ja geht’s halt und lasst’s euch impfen. Aber dazu sind sie zu feige. Es ist halt praktisch die Verantwortung den Eltern zu überlassen“. So oder so, es kann immer etwas passieren. Die Chancen stehen 50:50. Wir können ja, überlegt der Kinderfacharzt, eine Münze werfen, ob Katharina geimpft werden soll oder nicht. Zahl impfen, Kopf nicht impfen. Und schon schwirrt ein Eurostück durch die Luft, der Kinderfacharzt fängt es auf und legt es verkehrt auf den Handrücken: Zahl – also impfen. Ganz glücklich ist er damit nicht, vor allem als er mein zerknirschtes Gesicht sieht. „Na, werfen wir die Münze halt nocheinmal“, meint er und wieder fliegt das Geldstück durch die Luft. Die Spannung steigt, die Münze wird auf den Handrücken geklopft und zeigt – oh Schreck wieder die Zahl. „Naja“, sagt der Kinderfacharzt, „es ist ja noch Zeit zum Überlegen“. Schnell packt er das Geldstück weg. Ich meine noch lakonisch, an einem Kabaretttext von mir angelehnt, dass eine Impfung für Katharina vielleicht wirklich das Beste sei. Denn was kann sich ein Vater mehr wünschen als dass seine Tochter ganz nach ihm selbst gerät. Judit findet das natürlich nicht so witzig.

 

20.11.: Der Sommer war recht schnell vergangen. Zeit für große Impfdiskussionen gab es nicht, wir hatten das Thema in unsere Hinterköpfe verschoben, wo es uns aber doch unbewusst quälte. Jetzt im Herbst war es Zeit geworden, meine Pläne umzusetzen, ich wollte ja halbtags zuhause bleiben und mit Unterstützung von Assistentinnen und dem schon aus Russland angereistem Au-pair-Mädchen Veronika die Kinderbetreuung übernehmen. Ich stellte mir das ganz spannend vor, am Kinderspielplatz mit anderen Mütter zu sitzen und den Kleinen beim Spielen zuzusehen. Aber das Leben machte einen großen Strich durch diese Rechnung. Ich bekam plötzlich große gesundheitliche Probleme. Die Blase versagte unerwartet zur Gänze und wir pilgerten von Urologen zu Urologen. Ich erhielt einen Bauchkatheter, der wiederum für neue Harnwegsinfekte verantwortlich war, lag mit hohem Fieber im Bett, bekam starke Antibiotika verschrieben, die mich wiederum müde und matt machten. Letztendlich musste ich im AKH stationär aufgenommen werden. Der Bauchkatheter wurde entfernt und Judit angeleitet, wie man alle vier Stunden mittels eines Einmalkatethers die Blase entleeren kann. Eine neue Aufgabe für Judit, die sie umso mehr belastete anstatt, wie vorgehabt, sie im Herbst mehr zu entlasten. Die Stimmung auf der Urologie war sehr bedrückend, sieht man von der satirischen Betrachtung jener Männern ab, die mit einem Harnsackerl unterm Arm am Gang herum spazierten. Mein Harnsackerl hing lässig baumelnd seitlich am Rollstuhl. Große Lichtblicke in diesen Tagen waren die Besuche von Katharina, die munter auf meinem Bett herumkrabbelte und sich an mich kuschelte. Es ist wirklich schön so eine Tochter zu haben.

 

11.2.: Anstatt mich gesundheitlich zu erholen steigerten sich die Probleme umso mehr. Der Weihnachtsurlaub in Kärnten musste abgesagt werden, da ich und Katharina an einer starke Bronchitis leideten. Als ich nach Weihnachten dachte mich nun wieder körperlich erfangen zu können, überfiel mich plötzlich eine totale Schwäche und Lähmung des gesamten Körpers. Auch konnte ich kaum noch reden. Wieder landete ich im AHK, diesmal auf der Neurologie, wo, offenbar als Spätfolge meiner einstigen Impfung, eine Entzündung im Rückenmark festgestellt wurde, die mit fünf starken Cortisoninfusionen bekämpft werden musste. Tatsächlich zeigte die Behandlung Wirkung und es ging mir wieder etwas besser. Allerdings kann ich seither nicht mehr alleine essen, telefonieren, Zähne putzen oder am Computer schreiben, die Funktion der Hände kam nicht mehr ganz zurück. Traurig macht mich vor allem die Tatsache, dass ich Katharina nicht mehr einfach so in den Arm nehmen kann oder auch sie zu streicheln bzw. mit ihr zu spielen ist ungleich schwerer geworden. Aber Katharina zeigt Kreativität. Nachdem Judit sie auf meinen Schoß im Rollstuhl gesetzt hatte und ich mit Hoppa Reiter beginne, schüttelt sie sich selbst wild hin und her. Dann plötzlich sagte sie plumps und ließ sich nach hinten fallen. Um ein Haar wäre sie wirklich von ihrem Reitpferd gepoltert. An was man als Rollstuhlfahrer alles denken muss …

Katharina zeigt ihre Zuneigung jedoch auf ihre Art: Sie sagt immer strahlend Papa und zeigt auf mich oder drückt sich in der Nacht ganz eng zu mir. Eine Lieblingsschlafstellung von ihr ist es auch, ihre Beine gemütlich auf meinem Kopf abzulagern. Die Krönung ihrer Zuneigung sind kleine aber sehr feuchte Baby-Küsse, die einem das Herz höher schlagen lassen.

 

Der erste Geburtstag von Katharina wurde groß gefeiert. Die Schwiegermutter backte vier Torten und es gab eine richtige Baby-Party, bei der sich Katharina sehr wohl fühlte. Judit stieß mich an und flüsterte mir ins Ohr: „Schau wie gerne Katharina mit den anderen Kindern zusammen ist. Sie braucht unbedingt ein Geschwisterchen“. Ich nickte zögernd.

 

4.3.: Judit kam heute nach Hause und berichtete mir, dass Katharina nun geimpft sei. Ich ärgerte mich, einerseits über Judit, die die Entscheidung alleine und ohne mich gemacht hatte. Andererseits ärgerte ich mich aber vor allem über mich selbst, da ich das Problem auf die lange Bank geschoben hatte und die Entscheidung damit quasi völlig Judit aufgedrängt hatte. Ich machte mit Katharina gleich einen Test und fragte sie, wie denn der Hund macht. Sie antwortete mit „miau“ und nicht mit „wau wau“. Gott sei Dank blieb Katharina ansonsten wie sie war. Nochmal Glück gehabt

 

 

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