5.11.: „Mein Papa ist eine kleine Schlafmütze. In der Früh schläft er länger als ich, wenn ich zu Mittag vom Spaziergang zurückgekommen bin – bei dem Mama vergeblich versucht hat, mich in den Schlaf zu rütteln – schläft Papa schon wieder auf der Couch.“ So oder ähnlich dürfte Katharina wohl über mich denken, wenn sie sich meiner Couch nähert und mir zur Versüßung des Mittagsschläfchens den Schnuller in den Mund steckt. Da werden wieder eigene Kindheitserinnerungen wach. Ich war zwar kein Schnullerfan sondern ein hartnäckiger Daumenlutscher. Und so schlafe ich tief und fest, bis es nach Meinung von Katharina nun wirklich genug ist. Sie klettert auf mich hinauf, setzt sich auf meinen Bauch und tippt mit ihren Fingern in meinem Gesicht herum: „Augen, Mund, Nase“. Wenn ich nicht munter werde, geht sie mehr ins Detail, fährt mit ihren Fingern in meine Nasenlöcher und zupft dort an den empfindlichen Härchen. Das funktioniert immer und Papa ist hellwach. Katharina freut sich dann, hüpft auf mir hin und her und winkt mit einem Bilderbuch: „Buch lesen, Papa Buch lesen“, ruft sie den Kopf nickend dem lachenden Papa zu. Katharina ist selbst ein Nachtmensch, wie ihr Vater. Abends will sie nie ins Bett, baut lieber einen Turm aus Lego oder will um 22 Uhr noch schnell eine Zeichnung machen oder bei Papa auf dem Fußpedal des Rollstuhls sitzen und „Buch schauen“. Muss sie dann doch ins Bett, braucht sie um gut schlafen zu können ein paar Kitzelküsschen auf ihre Fußsohlen, einen Schmatzer auf den Bauch und dann kriegt der Papa einen auf den Mund. Zuletzt nahm Katharina dazu sogar  ihren Schnuller aus dem Mund und sagte, „Bussi Popo“. So gibt es seither einen Gutenachtkuss mehr. Katharina schläft in der Früh recht lange, aufstehen fällt ihr als Nachtbaby auch nicht ganz so einfach. Trotzdem ist sie vor ihrem Vater in der Wohnung unterwegs. Läutet es an der Tür und die Assistentin kommt herein, um Papa anzuziehen, zu waschen und Frühstück zu geben, stellt Katharina sich breitbeinig und schützend vor die Schlafzimmertüre und sagt, „Papa schläft noch!“.

Katharina hilft ihrem Papa gerne, nicht nur beim Aufwachen sondern auch beim Essen, bei dem sie sich die besten Leckerbissen für sich selbst sichert. Begeistert ist sie auch vom Eincremen der Füße, dabei kann man so richtig und erlaubter Weise mit der Creme herumschmieren. Dass Papa kitzelig ist, weiß Katharina schon, da gibt es dann ein gemeinsames Kichern. Am Sonntag wird Papa gebadet, da muss Nina – so nennt sie sich immer selbst – natürlich dabei sein. Mit Plastikenten, motorisiert schwimmenden Fischen und bunten Bällen wird Papa bei Laune gehalten. Katharina hilft durch heftiges Spritzen mit, sodass ihr Papa zunächst einmal ordentlich nass wird. Danach geht es ans Schrubben. Mit Waschlappen und Bürste wird getestet wie viel Papa aushält. Judit shampooniert  mein Haar und massiert den Kopf so lange, bis der Schaum mir ordentlich ins Gesicht und in die Augen rinnt. Meine zu erwartenden Protestkommentare werden mit Judits Bemerkung, „schau wie ruhig der Papa beim Haarewaschen ist“ abgefangen. Schließlich will man ja nicht das pädagogische Konzept der Mutter durchkreuzen. Katharina badet selbst sehr gerne. Sie könnte stundenlang in der Badewanne stehen, mit der Brause in der Hand und herum spritzen. Nach diesen Duschzeremonien weiß man nie genau, ob es darum ging, Katharina oder das Bad selbst zu reinigen. Jedenfalls passiert beides in einem Aufwaschen. Erinnerungen an den Sommer sind Katharina geblieben. So legt sie sich immer wieder flach in die Badewanne und zeigt durch das Rudern der Arme und Beine wie gut sie Schwimmen kann. Und auch nach dem Schwimmen will sie sich wie einst im Sommerurlaub nicht anziehen sondern läuft hellauf begeistert nackig in der Wohnung herum.

Katharinas Vater ist ein Langsamer. Er bewegt sich nicht schnell, denkt einwenig quer und zeitverzögert und hat auch einen langsamen Bartwuchs. Zumindest aus seiner Sicht reicht es, wenn der Bart einmal pro Woche rasiert wird, nämlich dann, wenn er zu jucken und beißen beginnt. Katharina liebt die Barthaare ihres Vaters doppelt. Zum einen gibt es dadurch Kitzelküsse, wie sie Mama niemals geben kann. Zum anderen findet jeden Sonntag das wöchentliche Rasierfest statt. Papa liegt frisch gebadet und bis zum Hals zugedeckt auf der Couch, Katharina steht davor und ruft, „Nina rauf, Nina rauf!“ Dann sitzt sie in gewohnter Manier auf Papas Bauch und wartet auf den Rasierschaum, den Mama ihr auf die Hände spritzt. Mit Leidenschaft und Wonne klatscht Katharina den weißen Schaum auf mein Gesicht. Dass der Bart nicht bei den Augen heraus wächst und diese deshalb nicht eingeschäumt werden müssen, musste ihr erst mühevoll klar gemacht werden. Das Rasieren mit dem Messer würde wohl Katharina gerne selbst machen, aber das blieb Gott sei Dank bislang in Judits Hand. Katharina sieht der Schaberei  im Gesicht immer ganz aufgeregt zu und will mitmachen. Zweimal ist es schon passiert, dass sie sich im Übereifer über den Plastiktopf mit Wasser hermachte und diesen dabei zur Freude ihrer Eltern umkippte. Das „Nina auch, Nina auch!“, blieb bisher ungehört. Man muss auch Grenzen ziehen.

Das ziehen von Grenzen ist nicht so einfach. Katharina ist eine moderne und technisch sehr interessierte junge Frau. Zu ihrem Lieblingsspielzeug zählt der Elektrorollstuhl ihres Vaters. Da gibt es viel Knöpfe und Lichter, die leuchten und blinken. Daneben gibt es Tasten, die Katharina vor kurzem entdeckt hat. Drückt man auf die eine oder andere Taste, gehen die Füße von Papa vor und zurück, wird Papa mit dem gesamten Stuhl nach vorne oder hinten gekippt oder fährt surrend in die Höhe. Das macht Spaß! Zumindest Katharina, ihr Vater lächelt ein wenig künstlich und angespannt. Aber soll man es Katharina grundsätzlich verbieten, soll der Rollstuhl zur Tabu-Zone werden? Eine Lösung wird noch gesucht. Die sichere Grenze liegt da, wo es für Katharina gefährlich wird, beispielsweise wenn der Rollstuhl über ihren Fuß fahren würde. Judit sah dem Spiel von Katharina mit ihrem Vater lachend zu und meinte, „ein wenig Bewegung tut dir eh ganz gut“.

13.11.: Wenn ich in der Früh die Wohnung verlasse, fällt der Abschied von Katharina immer sehr schwer. Besonders seit sie sich auf meine Fußpedale setzt und ruft, „Nina mit!“. Immer geht das nicht und ich muss ihr dann erklären, dass ich ins Büro arbeiten gehen muss, aber bald wieder zurückkomme. Katharina versteht das, nickt und sagt, „Papa kommt bald“. Heute nahm ich sie einmal mit, ich musste ins AKH zur Physiotherapie. Ich, Katharina und die Assistentin zogen unsere Mäntel und rollten bei der Tür hinaus. Katharina saß brav auf meinem Schoß, im Rucksack hatten wir Windeln, Schnuller, Bücher und Fläschchen zum Trinken eingepackt. Die sonst so zappelige Katharina saß ganz still und zeigte mit der Hand, was sie alles sah: Baby, Hund, Vogel,  U-Bahn … Im U-Bahnwaggon verfolgten neugierige Blicke jede unserer Bewegungen. Einige lächelten ob des offensichtlich niedlichen Bildes. Ein afrikanischer Student begeisterte Katharina und sie wiederum ihn „What´s your name?“ fragte er Katharina. Diese hatte zwar mit Mama schon einige englische Lieder gesungen, aber so weit reichten ihre Englischkenntnisse ja doch nicht. Und so zeigte sie auf mich und sagte „Papa!“, was wohl heißen sollte: Rede mit meinem Papa, der versteht deine Sprache. Die Physiotherapeutinen waren von dem freundlichen Kind mit blonden Locken hellauf begeistert und verwöhnten Katharina mit Keksen, was wiederum Katharina sehr gefiel. Ich bekam von ihr auch ein Keks und ließ es angesichts dieser kleinen Bestechung zu, dass sie sich mit Keksen voll stopfte. Zu Mittag auf der Heimreise saß Katharina wieder auf meinem Schoß. Sie schlief mit ihrem Kopf an meine Schulter gelehnt ein. Es ist ein schönes Gefühl Vater zu sein!

Fortsetzung folgt …

 

 

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