9.12.: Weihnachten naht und Katharina spürt schon ein wenig die Aufgeregtheit der Erwachsenen. Judit hat ihr einen Adventkalender gekauft, leider ohne Schokolade. Aber Katharina weiß ja nicht, was ihr da entgeht und ist über die täglichen Bildchen hinter den Fenstern ganz begeistert. Schokolade darf sie erst essen, wenn sie ordentlich Zähne putzt. Und dabei gibt es große Widerstände. Judit hat ihr vor kurzem erklärt, dass hinter den Zähnen kleine Kariesteufel leben, die man mit der Zahnbürste wegputzen muss. Tief beeindruckt hat Katharina daraufhin zweimal freiwillig die Zähne ordentlich gereinigt. Am dritten Abend gab es wieder Proteste und die strikte Weigerung den Mund zu öffnen. Judit gab diesmal jedoch nicht nach und befolgte den Rat einer Freundin von uns, beim Zähneputzen hart zu bleiben und unbedingt als Sieger hervorzugehen. Eine Woche lang kämpfte Judit gegen die wild um sich schlagende Katharina an und ging mit blitzeblank geputzten Beisserchen schlafen. Die Woche darauf war Zähneputzen kein Problem mehr. Judit atmete wieder auf, denn eine solche Aktion tut ihr im Herzen weh und kostet eher viel Energie. Rechtzeitig also zur Weihnachts- und Schokoladezeit beherrschte Katharina das Zähneputzen. Gott sei Dank, denn auch der Nikolaus brachte trotz Verweigerung der Mutter Süßigkeiten mit. Es muss sicher nicht alles bis in den Himmel herumgesprochen haben.

Der Nikolaus kam am 8. Dezember, eigentlich zwei Tage zu spät. Aber so genau nimmt es Katharina ja noch nicht mit den Festtagsterminen. Katharinas Oma, Opa, ihre Tante Nicole und ihr Onkel Boris stärkten sich zunächst bei einem feierlichen Nikolaus-Brunch. Dann verschwand Onkel Boris plötzlich, er hatte einen dringenden Termin. Ciao dérweil sagte Katharina und winkte Boris nach, als er bei der Haustüre hinausging. Ein Abschiedsgruß, den üblicherweise Judit immer sagt. Kurz danach läutete es an der Türe und herein schritt mit bedächtigen Schritt ein alter Mann mit Rauschebart, goldenem Stock, großer roter Mütze und einem erfürchtigen Bischofsgewand. Nur die jungen Augen und die verstellte Stimme wirkten bekannt. Katharina zögerte kurz. Erkannte sie Onkel Boris? Nein. Denn gleich rannte sie aufgeregt und Schutz suchend zu ihrer Mutter. Fragte man Katharina einen Tag später was denn der Nikolaus gesagt habe, antwortete sie: „Nikolaus Schnuller haben.“ Und was hat die Nina darauf geantwortet? Katharina: „Nein! Nina nicht Schnuller geben!“. Einen Sack mit Leckerein bekam sie trotzdem. Die Erinnerung an den guten alten Mann mit scheinbar bösen Absichten wird für Katharina wohl zwiespältig bleiben.

 

7.1.: Weihnachten feierten wir heuer in Kärnten bei meinen Eltern. Die Vorfreude war sehr groß. Der Christbaum mit den vielen Lichtern, die Geschenke und auch die Weihnachtsstimmung würde Katharina wohl heuer erstmals so richtig miterleben. Voriges Jahr interessierte sie sich ja mehr für raschelndes Einpackpapier als für den flauschigen Teddybären darin. Über Jesus und seine Geburt im Stall mit Esel, Kuh, den Hirten und den heiligen drei Königen weiß Katharina gut Bescheid. Judit erzählte ihr einmal vor dem Einschlafen diese Geschichte und seither will sie Katharina immer wieder hören. Sie hat auch ein eigenes Jesus-Buch, dass sie sich vor dem Einschlafen mit Mama gerne ansieht. Dann wird noch gebetet für die Nona, Oma Sissi, Opa Franz, Opa Hans, Mama, Papa ihre Freundin Bilgisu aus Schwarzafrika, ihren Freund Janek vom Spielplatz … bis sie schließlich in den Armen von Judit einschläft. „Mama, näher“, sagt Katharina oft, greift mit ihrem Arm um Mamas Hals und zieht sie näher zu sich. Judit genießt es sehr, mit Katharina einzuschlafen. Meistens ist sie auch so müde, dass sie gleich eine Stunde mit ihr schläft. Dann steht sie müde auf und muss noch das abendliche Pflichtprogramm erfüllen: Die Wohnung und die Küche aufräumen, mir zu trinken geben, mir die Zähne zu putzen und mit einem Katheter die Blase entleeren. Das alles braucht viel Zeit und so kommen wir meist sehr spät ins Bett. Ab und zu wacht Katharina auf, weil sie ihren Schnuller nicht findet. Dann schreit sie und Judit eilt ins Schlafzimmer, um sie mit dem Ersatzschnuller zu beruhigen. Wenn sie nicht zu beruhigen ist, bringt sie Judit mit ins Wohnzimmer. Dort sitzt dann Katharina auf der Couch und beobachtet, wie brav Papa sich die Zähne putzen lässt. Dann alle beide ins Bett zu bringen ist gar nicht so einfach. Judit trägt Katharina am Arm und steuert gleichzeitig mit der noch freien linken Hand den Joystick meines Elektrorollstuhls. Einmal in der Nacht, so gegen vier, läutet bei uns der Wecker. Judit muss wieder aufstehen und mich kathetern und umlagern, was auch mindestens eine halbe Stunde dauert. Ab und zu darf sie gleich darauf die Windel von Katharina wechseln, die in der Nacht besonders viel trinkt. Was Judit da leistet, ist wirklich bewundernswert. Es ist wohl die Liebe zu ihrer Tochter und ihrem Mann, die sie diese schier übermenschliche Leistung erbringen lässt. Auch der Glaube spielt für Judit eine große Rolle und gibt ihr Energie. So gehört der wöchentliche Kirchenbesuch zum Pflichtprogramm. Katharina geht gerne in die Sonntagsmesse der Caritas. Betritt sie die Kirche, ruft sie gleich „Halleluja“. Es folgt das Kinderlob mit selbst geschriebenen Texten und Melodien von Katharinas Taufpfarrer Thomas Kaupeny. Alle Kinder versammeln sich vorne beim Altar, singen, klatschen und springen in die Luft, wie es Kaupeny vorzeigt. Katharina versucht die Bewegungen nachzuahmen, immer eine Spur verzögert. Danach kommt das, was Katharina am meisten freut: Malen. Ganz stolz ist sie auf ihre Zeichnungen, die zuerst am Altar hängen und die sie dann aber immer mit nach Hause nimmt und zuhause aufhängt. Katharina kennt denn Ablauf einer Messe und sie weiß, das sie bei Kommunion immer eine Zitronenschnitte bekommt. Als wir mit Katharina am heiligen Abend Nachmittags in eine andere Kindermesse gingen, protestierte Katharina heftig: keine Kinderlieder, kein Malen und keine Schnitte! Was soll denn das für eine Messe sein. Katharina war entsetzt. Vielleicht war es dieser Glaubensschock oder einfach nur eine normale Grippe, jedenfalls hatte Katharina am Heiligen Abend Fieber, interessierte sich weder für den Christbaum noch für die Geschenke. Sie wollte einzig bei ihrer Mama sein. Erst die nächsten Tage packte sie ihre vielen Geschenke aus und so dauerte für sie Weihnachten eine ganze Woche lang.

Katharina hat ihren Papa gern, ihre Mama liebt sie jedoch über alles. Bei vielen Kindern ist dies ähnlich. Eine Rolle dabei spielt sicherlich auch meine Behinderung, die mich sehr einschränkt, mit ihr zu Spielen, herum zu turnen oder sie einfach nur in den Arm zu nehmen oder zu streicheln. Ich würde oft gerne mehr tun. Katharina wohl auch. Sie nimmt es jedoch scheinbar gelassen und kommt von sich aus gerne auf mich zu. Judit spielt auch eine Vermittlerin zwischen mir und Katharina. So führte sie das Ritual ein, jeden Abend vor dem Schlafen gehen einen Gute-Nacht-Kuss von Papa zu bekommen. Katharina hat diesen Nachtkuss zu einer kleinen Zeremonie umgestaltet: Zuerst Küsse auf beide Fußsohlen, dann einen kitzeligen Bartkuss auf den Bauch, gefolgt von dem eigentlichen Gute-Nacht-Kuss, für den sie sogar den Schnuller aus dem Mund nimmt.

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