Ich wurde in den letzten Monaten immer wieder auf das Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ angesprochen. Ein junger Mann im Rollstuhl mit Tetraplegie – eine ähnliche Behinderung wie ich sie habe – will nicht mehr leben. Er verlangt Sterbehilfe. Bekommt er sie auch? Ich wollte es auch wissen und habe mir das Buch gekauft, das so viele Menschen bewegt.

 

Anfangs hatte es mir sehr gut gefallen. Da ist ein junger Mann, der in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitet und karrieremäßig gut unterwegs ist, der durch einen Autounfall plötzlich im Rollstuhl sitzt. Gut, er hadert mit seinem Leben, aber da ist ja zum Glück die junge Betreuerin. Sie macht persönliche Assistenz, obwohl es in dem Buch nicht so genannt wird. Sie will ihn aus seiner Einsamkeit herausholen und denkt sich eine Aktivität nach der anderen aus. Ein Hauch von Liebe ist natürlich auch mit im Spiel, was die Herzen der LeserInnen gleich höher schlagen lässt.

 

Beim Lesen stieg in mir zunehmend die Verärgerung hoch. Warum arbeitete der gut ausgebildete Jurist nicht wieder? Das wird nicht einmal in den Raum gestellt. Vielmehr trifft er seine ehemaligen Arbeitskollegen, die ihn bemitleiden. Sein Leben wird als ständiges Leid dargestellt, die unentwegten Schmerzen, die Fieberanfälle durch die er früher oder später sowieso sterben wird, dazu kommt die Kälte der Gesellschaft, denn niemand will ihm helfen. Und der Höhepunkt der aufflackernden Liebe gipfelt darin, dass sie nebeneinander im Bett liegen und dem rauschenden Regen vor dem Fenster zuhören. Na, Sex geht natürlich auch nicht. Das Leben besteht nur aus Leid, Frust und Perspektivlosigkeit. Da erwartet man quasi nur noch die erlösende Sterbehilfe aus der Schweiz.

 

Ich erzähle Ihnen das, weil es eine typische Mediendarstellung zum Thema Behinderung ist. Wir leben in der „Licht ins Dunkel“-Gesellschaft. Behinderte Menschen sind Opfer, Leidende und Sterbende. Es kommen immer weniger behinderte Kinder zur Welt, da das als das schlimmste aller Schicksale dargestellt wird. Die Medien predigen Erlösung. Lassen wir sie doch sterben, ersparen wir ihnen das Schicksal Leben.

 

Sterbehilfefälle in Belgien oder den Niederlanden haben auch in Österreich die Diskussion über aktive Sterbehilfe entfacht. Bei uns ist das Ende des Lebens leider ein Tabuthema. Aber es geht uns alle an, wie wir unsere letzten Tage verbringen.Am 2. Juli 2014 wurde im Parlament die Enquete-Kommission zum Thema „Würde am Ende des Lebens“ konstituiert. Abgeordnete und ExpertInnen werden sich in öffentlichen Sitzungen zu den Themenkreisen Hospiz- und Palliativversorgung, Patientenverfügung, sowie zur Frage, ob das Verbot der Tötung auf Verlangen verfassungsrechtlich abgesichert werden soll oder nicht, beraten.

Um die Diskussion auf eine möglichst breite Basis zu stellen, sind alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen, ihre Anliegen auch via Mail bis 15. September 2014 an das Parlament zu richten: wuerdevoll.leben@parlament.gv.at