2007, ich begann gerade mein zweites Leben mit einem Beatmungsgerät, las ich von Janus Switaj. Ein 32-jähriger beatmeter Pole, der um sein Recht sterben zu dürfen kämpfte. Das hat mich damals sehr bewegt, wie Sie wohl verstehen können. Ich diktierte meiner Assistentin ein Email an Switjai und fragte ihn: „Was müsste passieren, damit sie wieder Freude am Leben haben?“ Er schrieb tatsächlich zurück und seine Antwort überraschte mich: Eine kleinere Beatmungsmaschine, damit er sein Bett verlassen kann, einen Job und Assistenz, die ihm ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Mich überraschte dabei, dass er diesen Grundsatz des Sterbewunsches hier und jetzt sofort durch die Verbesserung der Lebensbedingungen über Bord werfen würde.

Heute diskutieren wir in Österreich aktuell, ob das Verbot auf Töten auf Verlangen in der Verfassung verankert werden soll. Verschiedene Medien haben nicht nur darüber, sondern auch über aktive Sterbehilfe als Zeichen einer liberalen Gesellschaft diskutiert. Ich erinnerte mich an Janusz Switaj und recherchierte mit klopfenden Herzen im Internet, ob er überhaupt noch lebte. Seine Internetseite war aktualisiert, er lebt tatsächlich noch. Ich schrieb ihm wieder ein Email und fragte ihn, wie es ihm geht und wie er heute lebt. Seine Antwort überraschte mich wieder. Eine Organisation in Polen hatte seinen Hilferuf aufgegriffen: Er bekam ein kleines mobiles Beatmungsgerät und einen Elektrorollstuhl, mit dem er unterwegs sein kann. Er hat eine persönliche Assistentin, studiert Psychologie und arbeitet bei dieser Hilfsorganisation, indem er Menschen berät, die sich in ähnlichen Lebenssituationen befinden. Er lebt heute gerne, hat Perspektiven und Aufgaben. Hätte man ihn damals das Beatmungsgerät auf seinen Wunsch hin einfach abgedreht, wäre das nicht möglich gewesen.

Ähnlich die Situation von Pier-Giorgio Welby, der aufgrund seiner Beatmung jahrelang im Krankenhaus leben musste. Ihm hat man das Beatmungsgerät abgeschalten. Hätte man auf seinen Hilferuf nicht anders reagieren können? Etwa durch persönliche Assistenz? Ich lebe heute durch die Unterstützung von meiner Frau und 10 persönlichen Assistentinnen, ein selbstbestimmtes Leben in Mitten der Gesellschaft, bei meiner Familie und kann sogar meinem Job als Abgeordneter nachgehen.

 

Ich hatte das Glück, bei meiner Gesundheitskrise von Oberärztin Sylvia Hartl medizinisch versorgt zu werden. Sie antwortet auf den Sterbewunsch ihrer Patienten immer mit der Gegenfrage: „Was kann ich für dich tun, um deine Lebensqualität zu verbessern?“ Nahezu immer verschwindet der Sterbewunsch durch Schmerztherapie, der Schaffung von Kontakten zur Umwelt, Verbesserung der eigenen Kommunikationsmöglichkeiten (auch durch technische Hilfsmittel) oder der Schaffung eines integrierten Lebensumfeldes. Alle 25 mit einem Tracheostoma beatmeten und von ihr betreuten Patienten leben zu Hause und nicht in einem Heim.

 

Führen wir die Diskussion also anders: Der Wunsch nach Sterbehilfe ist ein Hilferuf, auf den man mit mehr Unterstützung antworten muss. Es geht um ein selbstbestimmtes Leben bis zuletzt und nicht um einen vorzeitigen und „selbstbestimmten“ Tod.

 

Sterbehilfefälle in Belgien oder den Niederlanden haben auch in Österreich die Diskussion über aktive Sterbehilfe entfacht. Bei uns ist das Ende des Lebens leider ein Tabuthema. Aber es geht uns alle an, wie wir unsere letzten Tage verbringen.Am 2. Juli 2014 wurde im Parlament die Enquete-Kommission zum Thema „Würde am Ende des Lebens“ konstituiert. Abgeordnete und ExpertInnen werden sich in öffentlichen Sitzungen zu den Themenkreisen Hospiz- und Palliativversorgung, Patientenverfügung, sowie zur Frage, ob das Verbot der Tötung auf Verlangen verfassungsrechtlich abgesichert werden soll oder nicht, beraten.

Um die Diskussion auf eine möglichst breite Basis zu stellen, sind alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen, ihre Anliegen auch via Mail bis 15. September 2014 an das Parlament zu richten: wuerdevoll.leben@parlament.gv.at