In die Rolle des Vaters schlüpfen

Als im Krankenhaus die Schwester ein Baby namens Katharina hereinbrachte und Judit die Hand drückte, war das das größte Geschenk unseres Lebens. Judit wickelte Katharina das erste Mal und ich sah zu. Danach legte sie mir das Baby in meine Arme und ich hielt es so gut wie möglich fest. Ganz los lies Judit nicht, das war ihr zu unsicher und für mich eine wichtige Unterstützung und Sicherheit.

Drei Tage später fuhr ich am Lenkrad meines Autos sitzend Mutter und Kind nach Hause. So vorsichtig bin ich davor und danach nie mehr autogefahren. Wir zeigten Katharina unsere Wohnung und führten sie von Raum zu Raum. Wir taumelten im Glück, alle Werte verschoben sich und vor allem auch Tag und Nacht. Üblicherweise steckt ein großes Konfliktpotential in der Frage: „Wer steht in der Nacht auf, wenn das Baby weint.“ Bei uns gab es diese Konflikte nicht. Es war klar, wer aufstand. Der Vater durfte liegen bleiben, tolle Rolle…

Freilich merkte auch ich, dass ich fortan die Nummer 2 in unserer Familie war. Wenn es darum ging, dass ich auf die Toilette musste und von Judit die Urinalflasche gebraucht hätte, aber gleichzeitig Katharina nach ihrem Fläschchen schrie, war auch klar wer sein Fläschchen zuerst bekam. Alles zusammenzwicken, zurückstecken und Geduld zu haben gehört eben auch zur Vaterrolle, lernte ich.

Judit hatte aber immer stets gute Ideen wie ich meine Vaterrolle ausfüllen kann. Beispielsweise stand ich mit meinen Stützapparaten an den Wohnzimmertisch gelehnt, und konnte Katharina auf der Tischplatte aufgestützt in meinen Armen halten und das Fläschchen geben. Wobei sie bereits nach 10ml an Erschöpfung einschlief. Ich streichelte ihr immer mit dem Zeigefinger über die Wange und dann begann sie wieder zu Saugen. Danach legte Judit Katharina in eine Wiege, befestigte eine Schnur daran und ich konnte sie vom Rollstuhl aus hin und her schaukeln.

Einiges konnte ich natürlich als Vater nicht mit dem Baby machen. Beispielsweise Katharina nach dem Essen über die Schulter legen, auf den Rücken klopfen bis sie ein Bäuerchen macht, oder sie beruhigend herumtragen, wenn sie schlecht geträumt oder Schmerzen hatte. Meine Aufgabe war es damals organisatorisch manche Dinge zu managen. Zum Beispiel ein Au-pair-Mädchen zu organisieren. Ich besorgte auch so manchen nützlichen Tipp, der uns weiterhalf. Zum Beispiel riet uns ein Freund, dass wir Katharina bei Bauchweh mit einem Föhn den Bauch wärmen sollten. Das half tatsächlich.

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