Lagerarbeiter oder Schneiderin: Wer gehörlos ist, hat kaum Berufsaussichten. Ein Pilotprojekt will das ändern

 

Was heißt: Wir dürfen den Beckenrand nicht berühren? Wir dürfen uns also nicht mit den Füßen beim Wenden abstoßen?“ Roxana Wimberger fragt noch einmal genau nach. Nicht mit ihrer Stimme, sondern mit ihren Händen und mit ihrem Gesicht. Ihre Finger tanzen auf und ab, ihr Gesicht zeigt Zweifel, Aufmerksamkeit, Sekunden später dann Zustimmung. Alles klar. Sie und ihre acht Kolleginnen müssen im Wasser am Ende der Bahn wenden, tatsächlich ohne Boden- und Beckenrandkontakt. Wenn es sich staut, sollen sie früher umdrehen. Schließlich geht es bei der Freischwimmerprüfung einfach darum, 15 Minuten im Wasser schwimmen zu können, egal wie schnell oder wie elegant.

 

Roxana ist, ebenso wie ihre Mitschülerinnen, gehörlos, aber sie kann sich vermutlich besser durchsetzen als manch andere, die normal hören und sprechen können. Am letzten Donnerstag hatten sie ihre Lehrerin Sabine Czasch vom Institut „equalizent“ mit, sie vermittelt zwischen dem Prüfer des Schwimmverbands und ihren Schülern. „Alle mal herhören!“, zeigt Czasch, alle Gesichter wenden sich ihr zu. Noch einmal erklärt sie die Anforderungen an die Prüflinge. Jetzt 15 Minuten im Wasser durchhalten, dann sind alle Vorprüfungen geschafft, und es kann im Herbst endlich losgehen mit der neuen Ausbildung.

 

Roxana ist eine von sechs Gehörlosen, die sich erstmals in der Geschichte der Stadt Wien – und Österreichs – zur Assistenzpädagogin für Kindergärten ausbilden lassen wird. Drei Jahre dauert die Schule, der Unterricht findet an der bakip21, der städtischen Ausbildungsstätte für angehende Kindergartenpädagogen, statt.

 

Das Berufsbild ist gerade einmal ein Jahr alt. Bis jetzt gab es nur den klassischen Weg zur Kindergartenpädagogin mit fünfjähriger Schule und Abschluss mit Matura. Und daneben eine Reihe von vierwöchigen Schnellsiedekursen für sogenannte Kindergartenassistenten. Die konnte jeder machen, der älter als 18 ist. Ohne diese Helfer hätte es in den vielen neuen – vor allem privat geführten -Wiener Kinderkrippen, -gruppen und -gärten nach der Einführung des Gratiskindergartens im Jahr 2009 vermutlich ein riesiges Betreuungschaos gegeben. Besonders qualifiziert waren diese Kräfte aber nicht, und streng genommen hätten sie mit den Kindern auch nicht pädagogisch arbeiten dürfen, auch wenn das laufend geschah und geschieht.

 

Das Berufsbild Kindergartenassistenzpädagoge soll diese Lücke schließen und zur „Qualitätssicherung beitragen“, wünscht sich Sandra Frauenberger, Wiener Bildungsstadträtin. Von den rund hundert Schülerinnen, die im September 2016 starten, sind rund die Hälfte derzeit schon als Kindergartenhelferinnen in einem der städtischen Kindergärten beschäftigt, die Stadt Wien qualifiziert zuerst einmal ihr eigenes Personal weiter. Dass Roxanna und ihre Kolleginnen ab Herbst dieses Jahres auch dabei sind, verdanken sie dem beharrlichen Lobbying Sabine Czaschs, die den zehnmonatigen Vorbereitungskurs vorbereitet und geleitet hat. Das Sozialministerium finanzierte den Kurs bei equalizent, einem Schulungs- und Beratungsinstitut für Gehörlosigkeit, Gebärdensprache, Schwerhörigkeit und Diversity Management.

 

Obwohl die Gebärdensprache seit 2005 in der Verfassung als eigenständige Sprache verankert ist, werden die rund 456.000 Hörbeeinträchtigten in Österreich wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Man muss es so hart sagen. Nur 29 hörbeeinträchtigte Schüler schafften es im Jahr 2014 in Wien in eine AHS-Oberstufe, an einer Universität studieren in ganz Österreich derzeit bloß 30 gehörlose Studenten. Ein Kind kann durchschnittlich 3500 Wörter sprechen, wenn es in die Schule kommt. Ein gehörloses nur 250. Viele von ihnen wachsen als Analphabeten auf. Schneiderin, Bäcker, Maler, Tischler oder Schlosser – das waren bis jetzt die Standardberufe für sie.

 

„Wir mussten hart dafür kämpfen, dass Gehörlose jetzt im Kindergarten pädagogisch assistieren dürfen. Natürlich fällt ihnen musikalische Erziehung nicht leicht, natürlich können sie Kinder nicht alleine beaufsichtigen. Dafür können sie vieles andere. Sie nehmen ihre Umgebung mit allen Sinnen wahr“, erzählt Czasch. Auch Praktika in drei Wiener Kindergärten gehörten zum Vorbereitungskurs. „Die Kinder verstehen uns sehr schnell. Sie gehen völlig unbefangen mit unserer Gehörlosigkeit um. Statt mich zu rufen, klopften sie binnen kürzester Zeit auf den Arm. Wenn wir uns nicht gleich verstanden, haben wir Bilder gezeigt oder gezeichnet“, erzählt Christian Fischer, 35. Er hat acht Jahre bei H&M als Lagerarbeiter gearbeitet. „Ich habe das gerne getan, aber ich wollte eine Perspektive haben.“

 

Auch Mio Vasic, 33, war Hilfskraft bei dem schwedischen Mode-Multi. Er hat es im ersten Anlauf noch nicht in die neue Schule geschafft, will als Kindergartenassistent in einem bilingualen Kindergarten arbeiten und es dann noch einmal probieren. „Ich habe selber erlebt, was es heißt, wenn man als gehörloses Kind nicht von Anfang an in seiner Muttersprache – der Gebärdensprache – gefördert wird. Ich will etwas dazu beitragen, dass das anders wird.“

 

Das neue Berufsbild der Assistenzpädagogik und die Ausbildung am Bakip sind „ein Durchbruch für Gehörlose in den pädagogischen Berufen“, hofft Czasch. Als Nächstes will sie gehörlose Volksschullehrer durchsetzen.

 

Nach 15 Minuten klettern die Probanden aus dem Wasser, außer Atem, aber glücklich. Alle haben die Freischwimmerprüfung bestanden. Sie applaudieren sich gegenseitig. Dabei wacheln sie ganz schnell mit nach oben gehaltenen Händen. Das klingt noch fröhlicher als Applaus.

 

Unter www.equalizent.at kann man mehr über die Gebärdensprache und die Lebensrealität Gehörloser erfahren.

Quelle: Falter 27/2016

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