Alles bleibt besser. Eigentlich hätte es für den ORF das europäische Jahr behinderter Menschen nicht gebraucht, gibt sich ORF-Generaldirektorin Lindner bescheiden. Denn der ORF leistet nach Ansicht der ORF-Verantwortlichen auf diesem Gebiet ohnehin sehr viel. Aber da es dieses Jahr nun einmal gibt, hat man im ORF ein großes Brainstorming in allen ORF-Direktionen veranstaltet. Herausgekommen ist dabei eine beachtliche Ansammlung an Beitragsthemen, die in allen ORF-Sendungen ausgestrahlt werden. Bei der Präsentation der Behinderten-Großoffensive wurden auch gleich Beispiele vorgestellt, über die man am Küniglberg stolz ist: da sind die stillen Kämpfer im Rehabilitationszentrum; Christopher Reeve, der Superman im Rollstuhl wird am 5. März die Herzen der Zuseher rühren, wenn er sagt: „Und eines Tages stehe ich auf und gehe.“ Stolz ist man auch im ORF auf die Idee, das „No Problem Orchestra“ in den Musikantenstadl einzuladen, da geht sicher schenkelklopfend die Post ab. Doch sind das die vom ORF angekündigten „Neuen Bilder“, mit denen die Bevölkerung sensibilisiert werden soll? Neue Bilder Zugegebenermaßen gibt es auch gute und ambitionierte Themenvorschläge für ORF-Berichte, in denen auch die Lebenssituation behinderter Menschen in Österreich dokumentiert werden sollen. Vor allem Ö1 geht mit seiner Zusammenarbeit mit selbst betroffenen JournalistInnen im Rahmen eines EU-Projektes einen neuen Weg: Themenvorschläge kommen direkt von den Betroffenen und spiegeln daher deren Lebenssituation wider, die Beiträge werden mit ORF-JournalistInnen gemeinsam produziert. Ansonsten vermisst man im ORF-Konzept neue Ideen und Innovation. Beispiele aus anderen Ländern zeigen, was möglich wäre: In Großbritannien gibt es eine amüsante Kochsendung mit geistig behinderten Menschen, in Spanien gestalten zwei gehörlose JournalistInnen einen TV-Gebärdensprachkurs, in den meisten europäischen Ländern gibt es eigene Sendeplätze, die von behinderten Menschen gestaltet werden. Wirklich innovativ für den ORF wäre, wenn etwa bei Starmania ein blinder Sänger auftreten würde, oder wenn im Kinderprogramm gehörlose Kinder in ihrer Sprache, der Gebärdensprache, Sendungen moderieren könnten. Auch eine tägliche Nachrichtensendung in Gebärdensprache ist längst überfällig; die ZIB1 auf einem ORF-Kanal mit Gebärdendolmetschung zu senden, würde das Bewusstsein der Bevölkerung für diese Sprache stark steigern. Ist dafür das österreichische Publikum noch nicht reif genug, wie es die ORF-Verantwortlichen befürchten. Oder hat der ORF nicht den Mut wirklich neue Wege zu gehen? Moderator im Rollstuhl Stolz gibt sich der ORF, wenn es um die Erfüllung des Behinderteneinstellungsgesetzes geht, das sei voll erfüllt. Schweift man allerdings durch die langen Gänge des ORF-Zentrums oder der Landesstudios, wird man umsonst RollstuhfahrerInnen, blinde oder gehörlose MitarbeiterInnen in den Redaktionen suchen. Was behinderte Menschen in einer Medienanstalt bewirken können, zeigt die BBC. Dort zeigt es sich eindeutig, dass Beiträge von selbst betroffenen RedakteurInnen aufgrund der eigenen Lebenserfahrung („first hand life experiences“) anders aussehen. Gleichzeitig findet durch die behinderten KollegInnen in den Redaktionen auch eine Sensibilisierung der nichtbehinderten RedakteurInnen statt. Der ORF beteiligte sich im vergangenen Jahr in Kooperation mit dem Kuratorium für Journalistenausbildung und dem Verein Integration Österreich an einem Integrativen Journalisten-Lehrgang. Bei dem Pilotprojekt wurden 9 behinderte TeilnehmerInnen zu JournalistInnen ausgebildet. Nun gilt es für den ORF, die dabei gemachten Erfahrungen auch umzusetzen. Wenn im europäischen Jahr behinderter Menschen im ORF zwei Planstellen oder Ausbildungsstipendien für behinderte Menschen geschaffen werden würden, wäre das sicherlich eine sehr positive Überraschung. ModeratorInnen im Rollstuhl sollten nicht Utopie bleiben. Danke Kurt! Reformbedürftig im Sinne behinderter Menschen ist auch die Sendung „Licht ins Dunkel“. 30 Jahre flimmerndes Mitleid zur Weihnachtszeit sind hoffentlich genug. Viele selbst betroffene Menschen fühlen sich durch die klischeehafte Darstellung diskriminiert. Bleibt zu hoffen, dass der von Kurt Bergmann last minute eingeleitete Diskussionsprozess mit Gerhard Ruminak als neuen „Licht ins Dunkel“-Mann fortgesetzt wird und Reformen eingeleitet werden. Die Verwandlung der „Aktion Sorgenkind“ in Deutschland in die „Aktion Mensch“, bei der selbst Betroffene in die Produktion und Leitung miteinbezogen sind, sollte dabei als Vorbild dienen. Dort entstanden – bei gleichen Geldeinnahmen – völlig neue Medienbilder. Zu hoffen bleibt, dass auch der ORF auf diesem Gebiet im europäischen Jahr der behinderten Menschen Mut zu neuen Wegen zeigt.

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