Mein Falter-Leserbrief über Greta Thunbergs besonderen Blick auf die Welt und was wir von Menschen mit Behinderungen lernen können.

Sie löst in uns Bewunderung, aber gleichzeitig auch ein schlechtes Gewissen aus. Denn was Greta Thrunberg vorlebt, ist nicht einfach: sie kauft keine neuen Kleider, fährt nur mit dem Zug und ist Auslöserin der Fridays for Future Demonstrationen, wo Jugendliche weltweit jeden Freitag auf die Straße gehen.

Wie kommt es, dass eine Sechzehnjährige es schafft, eine Jugendbewegung auszulösen, die Politiker_innen ratlos macht? In sozialen Medien wird Thunberg von Leugner_innen des Klimawandels als „psychisch kranke schwedische Göre mit sauertöpfischem Gesicht“ beschimpft. Ja, Greta Thunberg ist behindert. Sie schreibt selbst in ihrer Biographie, dass sie Asperger Syndrom hat: „Mein ganzes Leben war ich unsichtbar, das unsichtbare  Mädchen im Hintergrund, das nichts sagt.“

Das Asperger Syndrom ist eine Form von Autismus und wird als Entwicklungsstörung bezeichnet. Greta Thunberg zeigt aber eindrucksvoll, wie Fokus und eine kompromisslose Haltung zu einer unglaublichen Stärke werden können, die uns alle bewegt. Es ist ihr besonderer Blick auf die Welt. Thunberg hat Schwierigkeiten im persönlichen Gespräch, denn sie kann Mimik und Gestik von Menschen nicht interpretieren. Doch vor einer großen Ansammlung von Menschen spricht sie unaufgeregt und sicher. Durch Greta Thunberg werden uns auch unsere Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen und unser defizitäres Denken bewusst. Ihr Auftritt und Wirken ist eine Schule der Achtsamkeit und Empathie für die Fähigkeiten und Potentiale von Menschen, denen wir das sonst nicht zutrauen.

Greta Thunbergs andere Wahrnehmung der Welt kann uns zu Veränderungen in unserem Denken und Handeln inspirieren und damit zu einer Veränderung in der Welt führen. Sie ist aber nur der Gipfel des Eisbergs. Bei vielen Menschen mit Behinderungen werden ihre Potentiale nicht erkannt, nicht wahrgenommen oder achtlos zur Seite geschoben. Wer behindert ist, dem traut man oft nichts zu und belächelt dessen Blicke auf die Welt. Nur durch das gemeinsame Lernen und Leben werden die Superkräfte, die oft im Verborgenen liegen, in jedem Einzelnen von uns geweckt. Deshalb ist auch ein gemeinsamer Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern ein unabdingbarer und richtungsweisender Weg zu einer inklusiven und gerechteren Gesellschaft. Vor allem müssen wir aber Menschen mit Behinderungen zur Welt kommen lassen, was durch Frühdiagnostik und Gentechnologie immer mehr in Frage gestellt wird.

 

Greta Thunberg bei der „FridaysForFuture“-Demo in Wien Foto von Lena Haidinger

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