New York, September 2015. Die UNO beschließt die neuen Weltziele. Bei einem Side Event zum Thema Gesundheitsversorgung von Menschen mit Behinderung treffe ich Michael Herbst. Der vielfach engagierte Behindertenvertreter hat eine lange Karriere hinter sich. Vom Taxizentralist und Telefonsupporter für EDV-Probleme bis hin zum Manager, der das CarSharing in Marburg aufbaute, hat er einiges ausprobiert. Auch für behinderte Menschen setzte er sich stets ein, u.a. als Pressesprecher beim deutschen Verein Blinder und Sehbehinderter. Heute arbeitet er als Anwalt für die Christoffel Blindenmission Deutschland. Wie selbstverständlich er mit seiner Blindheit umgeht, zeigt seine Aussage, dass man sich für Menschen in benachteiligten Ländern einsetzen und „über den Tellerrand schauen muss“.

Ich führte mit Michael Herbst folgendes Gespräch:

Du engagierst dich bei der Christoffel Blindenmission (CBM) für behinderte Menschen in Entwicklungsländern. Warum ist dir das wichtig? Glaubst du, dass das Thema auch in der deutschen Behindertenbewegung angekommen ist?

Wenn wir in Deutschland für behinderte Menschen kämpfen, wenn wir z.B. Armut vermindern wollen, dann geht es um Gerechtigkeit. Wenn wir das in Entwicklungsländern für Entwicklungsländer tun, dann geht es ums Überleben. Nach zwölf Jahren deutscher Selbsthilfe musste ich etwas Neues machen. Dann kam dieses phantastische Angebot der CBM. Global zu denken, über den Tellerrand zu schauen, sich für die Ärmsten einzusetzen – was für eine großartige Aufgabe. Die Behindertenbewegung in Deutschland denkt nur punktuell international. Im Moment kämpft die Behindertenbewegung in Deutschland für ein Teilhabegesetz und denkt nicht global.

Du warst bei der UN-Konferenz in New York. Wie hast du die Beschlussfassung der neuen Weltziele erlebt? Wie inklusiv findest du die UN an sich?

Das waren schon bewegende Momente bei der Annahme der 2030-Agenda. Wie Malala vom 1. Stock des Versammlungssaals den versammelten Staatenlenkern mit einfachen Worten einen bildungspolitischen Einlauf verpasste – super! Die Annahme der Agenda selbst kam dann beinahe überraschend schnell. Die Reden, die ich mithörte, waren emotional (Kroatien), unterkühlt (Deutschland), rhetorisch klasse (USA)… Ich mochte die familiäre Atmosphäre bei den Side Events. Man trifft viele beeindruckende Leute…

Ich erfuhr bei den UN keinerlei Sonderbehandlung. Keine Behindertenplätze, keine Sondereingänge… Ist das jetzt fies oder inklusiv? Allein war ich in New York eigentlich nicht unterwegs, deshalb habe ich keine Probleme. Ansonsten erlebe ich die UN kommunikativ recht barrierefrei. Mit den Webseiten komme ich gut zurecht und die versandten PDF-Dokumente sind zwar meistens nicht strukturiert, man kann den Text mit blindenspezifischen Computerhilfsmitteln aber zumindest lesen.

Wie offen und barrierefrei hast du die Stadt New York erlebt? Warst du schon in Ländern des globalen Südens? Was hast du dort erlebt? Wie anders wird dort Inklusion gelebt?

New York scheint mir mit Behinderung ziemlich selbstverständlich umzugehen. Es ist, als sagten sich die Metropolenbewohner, wir haben schon so viel gesehen, da haut uns ein Blindenstock nicht mehr aus den Socken. Niemand bot mir einen Sitzplatz in der Subway an. In Deutschland tun das oft Menschen, die deutlich gebrechlicher sind als ich. Die Ticket- und Geldautomaten waren für mich auch dort nicht bedienbar. In der lebenslagengerechten Gestaltung der gebauten Umwelt scheinen sie mir Deutschland einige Jahre voraus zu sein. Aber gut, ich ging durch Manhattan, den Weg von der U-Bahn zur Unterkunft in Brooklyn und eine Einkaufsstraße in Harlem entlang. Ansonsten war ich im UN-Areal und eigentlich ständig in Begleitung. Ein abschließendes Urteil mag ich mir deshalb nicht erlauben.

Gerade komme ich aus Bangkok zurück. Ich genoss mal wieder die Service- und Hilfsbereitschaft dort. Der Mitteleuropäer von heute ist sein eigener Bankkassier, Ticketverkäufer, Lebensmittelbringservice, Frühstückskellner… In Thailand hat man die Wahl, Selbstbedienung oder Fremdbedienung. Das macht vieles einfacher. Auf der anderen Seite: Sich blind und landesuntypisch hochgewachsen durch Bangkok zu bewegen ist ein Abenteuer. Die Gefahr lauert oft halbhoch und damit für den Blindenstock unerreichbar. Eine Rollstuhlfahrerin sagte mir hingegen, Bangkok sei besser befahrbar als Brüssel. Blinde Menschen erlebte ich nur als „Karaoke-Bettler“, die Thaipopsongs über tragbare Verstärker schmetterten und die Hand aufhielten. Inklusion behinderter Menschen ist in Thailand wie in den meisten anderen ärmeren Regionen dieser Erde vornehmlich eine Frage sozialer Herkunft. Bildung, Mobilität, Assistenz – alles eine Geldfrage und damit eine des sozialen Status.

Die Christoffel Blindenmission wurde in vielen Ländern zum Verein „Licht für die Welt“. Wie siehst du diese Entwicklung? Ist der Name zeitgemäßer und hat sich auch die inhaltliche Ausrichtung geändert? Mit selbstbewussten Menschen mit Behinderungen kann man schlecht Spenden sammeln. Wie siehst du den Spagat zwischen dem Selbstbild behinderter Menschen und den Mediendarstellungen von Hilfsorganisationen, die Spenden sammeln?

„Licht für die Welt“ klingt für mich nach globaler Energieversorgung. „Christian Blind Mission“ nach Anachronismus, denn längst kümmert sich die CBM um alle Behinderten, missioniert allenfalls indirekt per gelebter Nächstenliebe und setzt einen Schwerpunkt nach wie vor auf die Vermeidung bzw. Beseitigung von Beeinträchtigungen. Von ihrem Ursprung her ist sie eine Rehabilitationseinrichtung für blinde Menschen. Überlassen wir die Diskussion über Markennamen besser Fachleuten und Beratern, die schließlich auch von etwas leben müssen. Wichtig ist, was gemacht wird.

Es muss gefragt werden, wie weit man diese emotionale Verstärkung rein ethisch treiben darf. Zwei Überlegungen hierzu: 1. kommuniziert eine Non-Profit-Organisation intern, sie äußert sich z.B. per Medienarbeit extern, sie wirbt vielleicht für Produkte und Dienstleistungen und sie betreibt Spendenwerbung. Auf Dauer wird sie all das nur erfolgreich tun können, wenn sie es konsistent tut und sich eines modernen Behinderungsverständnisses bedient. Wenn sie sich in Pressemeldungen für selbstbestimmte Teilhabe stark macht und gleichzeitig in Spendenmailings vermittelt, dass diese Teilhabe schier unmöglich ist, zerlegt sie sich genauso wie sie es tut, wenn sie durchgängig Behinderte als Mitleidsempfänger begreift und sich damit gesellschaftlichem Wandel verschließt. 2. sind gängige Formulierungen wie „an den Rollstuhl gefesselt sein“ oder „Licht ins Dunkel gebracht zu bekommen“ nichts weiter als die Kapitulation der Mailingautoren vor der eigenen Fähigkeit, korrekte Bilder zu erzeugen und sich stattdessen in Floskeln zu flüchten. Wer als Fundraiser bei einer NPO der Behindertenhilfe anheuert, der braucht a) ein differenziertes Bild von Behinderung und b) die Einsicht, dass ein selbstbewusster Behinderter die Top-Lösung eines vormaligen Problems ist, für dessen Beseitigung Menschen gespendet haben. Aber machen wir uns nichts vor: In den Medien tauchen Behinderte beinahe ausschließlich als „Superkrüppel“ oder „arme Schweine“ auf. Warum? Die Story muss sich verkaufen lassen und der ganz normale Behinderte ist unverkäuflich. Die Behindertenbewegung proklamiert vor diese Wahl gestellt eher den „Superkrüppel“. Sie schafft damit genauso ein Zerrbild von Behinderung, wie die Fundraiser in Sachen „Behinderte in Entwicklungsländern“ das entgegengesetzte verstärken.

 

Wer ist Michael Herbst?

Michael Herbst, geboren am 5.2.1966 im bayrischen Kaufbeuren als älterer von zwei Söhnen eines Luftwaffensoldaten und einer Drogistin. Die Kleinkindheit verbrachte er in Alhorn (Niedersachsen) und Kalifornien, bevor er mit sechs Jahren in Landsberg am Lech und damit wieder in Bayern landete. In Augsburg, später in Unterschleissheim bei München, absolvierte er Grund-, Haupt- und Realschule für Sehbehinderte. Retinopathia Pigmentosa heißt die Augenerkrankung, die ihn bis 19 Fußball spielen, bis 25 windsurfen und bis 33 lesen ließ. Danach ist er, abgesehen von Schemen- und Lichtwahrnehmung, komplett erblindet. In Marburg machte er sein Abi, studierte einige Semester Volkswirtschaft, schulte zum EDV-Administrator um und setzte sich mit Ende 30 berufsbegleitend bei der Fundraising-Akademie erfolgreich auf die Studienbank. Michael Herbst ist mit Karin verheiratet, über die er heute sagt: „Sie sah mich und nahm mich trotzdem“. Gemeinsam haben sie 3 Kinder. Seit 2014 ist er bei der Christoffel Blindenmission (CBM) für die anwaltschaftliche Arbeit verantwortlich. Der Sänger und Gitarrist spielt in einer Hobby-Rockband und hört in seiner Freizeit viele Hörbücher.

 

Leave a Comment