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„Bitte absaugen!“, sage ich zu meiner persönlichen Assistentin Sara. Sie holt das Absauggerät, steckt den Beatmungsschlauch ab und reinigt mit dem Katheter meine Atemkanüle. Das Absauggerät gurgelt und zischt, mein Beatmungsgerät piepst weil es mich nicht mehr spürt. Sara steckt den Beatmungsschlauch wieder an die Beatmungskanüle, ich bekomme wieder Luft zum sprechen und lächle: „Jetzt bin ich bereit für klare Worte.“ Sara lenkt meinen Elektrorollstuhl mit dem Joystick zur Haustür raus. Wir sind auf dem Weg zur U4-Station Hietzing, wo wir meine Freecards verteilen und mit den Menschen über ihre und meine politischen Anliegen sprechen werden. Im Magen ein ungutes Gefühl. Was erwartet mich? Den Leuten fällt es oft schwer mit mir ins Gespräch zu kommen. Mein Elektrorollstuhl und das Beatmungsgerät verunsichern. Ich sitze tief unten, die Leute sprechen von oben. So werden Begegnungen schwierig. Auch bin ich kein Politiker, der den Leuten die Hand entgegenstreckt und eine Hand nach der anderen schüttelt. Vielmehr strecken mir die Menschen die Hand entgegen, welche dann hilflos in der Luft hängen bleibt. Das versuche ich immer mit Witz auszugleichen: „Greifen sie einfach zu meiner Hand. Ich bin ein Politiker zum Angreifen!“

 

Bei der U4-Sation erwartet mich schon mein Team. Aufregung. Das BZÖ und die Grünen verteilen auch Prospekte. Alle sind im Wahlkampf und werben für Stimmen. Irene hat drei Schilder mitgebracht: „Begreif mich“, „Lass dich berühren“, „Huainigg zum mitnehmen“. Damit soll der Unsicherheit der Menschen offensiv begegnet werden. Auf meine Kopfstütze stelle wir einen gelben Styropor-Zwölfer, um zu verdeutlichen, dass man mir mit der Listennummer 12 eine Vorzugsstimme auf der Bundesliste bei der Nationalratswahl geben kann. Ich bin gespannt, was oder wer auf mich zukommt.

 

Eine ältere Frau nähert sich mir, beugt sich zu mir herunter und fragt: „Vertreten Sie auch christliche Werte?“. Die Antwort fällt mir leicht: „Ja, ÖVP. Unerträglich ist für mich, dass man ein Kind schon bei Verdacht auf eine Behinderung bis zur Geburt abtreiben darf.“ Sie schaut kurz ratlos, offensichtlich hat sie mich wegen des Lärms und meiner leisen Stimme nicht verstanden. Da nickt sie, macht mir ein Kreuzzeichen auf die Stirn und meint: „Ich wähle Sie.“

 

Eine andere Frau möchte ein Foto mit mir machen. Sie scheint von mir begeistert zu sein. Aber nicht so von meiner Partei: „Das Foto ist noch kein Wahlversprechen. Die ÖVP wählen, ich weiß noch nicht…“ Ich nicke ihr aufmunternd zu.

 

Überzeugt scheint hingegen ein vorbeielender Mann, der mir mit meiner Freecard freundlich zuwinkt: „Ich wähle Sie sicher. Ich bin Fahrtendienstfahrer. Ich habe Sie oft ins Parlament gefahren.“ Ich nehme mir vor, wieder öfters mit dem Fahrtendienst zu fahren, eine nicht zu vernachlässigende Wählerschicht. Aber eigentlich genieße ich es mit Straßenbahn, U-Bahn und Bus öffentlich zu fahren. Ich möchte Inklusion leben! Und auch da gibt es Wählerpotenzial. Letztens hat meine Assistentin Pia im U-Bahn-Lift einem jungen Pärchen mit Kinderwagen eine Freecard in die Hand gedrückt: „Für Sie ist ja Barrierefreiheit auch wichtig. Dieser Mann setzt sich für Barrierefreiheit ein, wählen Sie ihn!“

 

Der Kollege von Irene holt seine Klampfe heraus und wir stimmen gemeinsam das Krüppellied von Helmut Qualtinger und André Heller an. Während wir „Krüppel sind so was rührendes, Krüppel sind was Verführendes, wenn ich so einen Krüppel seh wird mir’s um’s goldene Wiener Herz so warm und so weh“ singen, macht sich Verunsicherung breit. Nur ein Mann mit Gehstöcken kann sich vor Lachen kaum halten. Am Ende des Gesangs meint er: „Sie hobn jetzt die Unterstützung des Behindertensprechers der KPÖ und des is ned einfach. Also, Griasench!“

 

Plötzlich kommt ein Mann mit einem Geldschein auf mich zu. Wir machen ihm klar, dass ich nicht Geld sammle, weil ich ein armer Behinderter bin, sondern Stimmen sammle, weil ich ein armer Politiker bin.

 

Meine Tochter Katharina und ihre Cousins helfen auch fleißig beim Verteilen der Freecards und entwickeln einen gewissen Geschäftssinn. Katharina erzählt mir stolz, dass sie eine Freecard von mir gegen eine Packung BZÖ-Gummibärchen eingetauscht hat. Und auch den Pizzamann hätte sie schon überzeugt. Ob er auch eine Pizzaschnitte gegen eine Freecard ausgetauscht hat ist nur eine Spekulation von mir.

 

Katharina erzählt mir, dass ein Mann beim Betrachten der Freecard gemeint hat: „Ich gehe nie wählen.“ Katharina darauf: „Dann probier es doch jetzt einmal aus.“ Er hat es ihr versprochen. Katharina: „Vielleicht wählt er sogar dich, Papa. Dann bist du wieder im Parlament…“