Engosengiu hieß unsere Endstation. Wir stiegen aus dem Dala Dala und liefen weitere 10 Minuten zwischen Bananenpalmen und Maniokfeldern. Die Sonne stand schon hoch am Himmel als wir unseren Zielort erreichten.
Die Grundschule, die die hauptverantwortliche Lehrerin und ich an diesem Tag besuchten, liegt 45 Minuten Fahrt ins Hinterland von Arusha. Die Menschen leben in Lehm-Bambushütten ohne Zugang zu fließend Wasser und Strom. Der Direktor der „Shule ya Msingi Engosengiu“ begrüßte uns herzlich. Er war über unseren Besuch nicht informiert worden, hatte aber sofort offenen Ohren für unser Anliegen. Die Lehrerin war erneut im Auftrag von TSB (Tanzanian Society for the Blind) unterwegs. Abermals konnte ich sie begleiten. Sie bat darum alle SchülerInnen zu untersuchen, die Schwierigkeiten mit ihren Augen bzw. mit ihrem Sehvermögen haben. Ihre Aufgabe ist es Kinder mit Sehbeeinträchtigungen zu identifizieren und weiterführend die Überweisung zu ärztlicher Fürsorge zu veranlassen. Uns wurde ein kleiner Raum mit Gittern anstelle von Fensterscheiben, einem Tisch und einem Stuhl zur Verfügung gestellt. Innerhalb kürzester Zeit warteten zwischen 40 bis 60 Kinder vor unserer Tür. Während die Lehrerin die Funktion übernahm mit dem/der SchülerIn über seine oder ihre Schwierigkeiten beim Sehen zu sprechen, stand ich am anderen Ende des Raumes und hielt die laminierte Sehtafel zur Überprüfung der Sehschärfe in die Höhe. Auf der einen Seiten befanden sich Buchstabenreihen unterschiedlicher Größe. Auf der anderen Seite sogenannte „Snellen Haken“. Sie ähneln einem großen „E“ und sind ebenso untereinander in verschiedenen Größen angeordnet. Die „Snellen Haken“ liegen entweder auf dem Bauch, auf dem Rücken oder zeigen nach Links oder Rechts. Die Aufgabe des/der Untersuchten besteht darin die Richtung, in welche die Lücken des E’s weisen, zu erkennen und anzuzeigen. Diese Form des Sehtest wird vorwiegend bei Analphabeten oder Kindern, die noch nicht lesen und schreiben können angewendet.
Langsam arbeiteten wir uns voran. Innerhalb kürzester Zeit machte sich bemerkbar, dass viele Kinder in Besitz ihres vollen Sehvermögens sind, jedoch über Schleier oder ein Kratzen und Jucken in den Augen klagten. Arusha und Umgebung ist ein sehr staubiges Gebiet. Sandkörner sind allgegenwärtig. Sie setzen sich nicht nur in der Kleidung sondern auch in Haaren, Ohren, Nase und Augen fest. Oft haben diese Kinder keinen täglichen Zugang zu sauberem Wasser, die hygienischen Bedingungen Zuhause und in der Schule sind schlecht. Sie können sich daher auch nicht regelmäßig das Gesicht waschen. Der Sand bleibt in ihren Augen, wird ihr ständiger Begleiter und wird auf lange Sicht ihre Sehkraft beeinflussen. Den einzigen Rat, den wir ihnen geben konnten, war es auf ihre Hygiene zu achten und sich wenn möglich, täglich das Gesicht zu waschen.
Nach vier Stunden hatten wir alle SchülerInnen untersucht. Viele von ihnen trugen keine Schuhe, kamen auf Socken oder barfuß zu uns. Ihre Schuluniformen waren oft entweder zu groß, zu klein oder zerrissen und schmutzig. Neun von ihnen werden eine weiterführende ärztliche Untersuchung erhalten. Sie werden entweder eine Brille bekommen oder notwendige medikamentöse Versorgung.

Auf unserer holprig-sandigen Fahrt zurück in die Stadt, erzählte mir die Lehrerin wie sie Pädagogin für blinde und sehbehinderte Kinder wurde. Nach Abschluss der in Tansania üblichen sieben Jahre Grundschule und der vier plus zwei Jahre Secondary School, studierte sie zwei Jahre an der Universität von Arusha Pädagogik. Jahrelang arbeitete sie als herkömmliche Grundschullehrerin. Die Situation blinder und sehbehinderter Menschen in Tansania gab ihr zu denken. Fehlendes Wissen und kulturelle Vorurteile führten dazu, dass Familien die Geburt eines behinderten Kindes als Unheil oder Fluch auffassten. Behinderte Menschen wurden und werden vor der Öffentlichkeit versteckt. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist dadurch entscheidend erschwert. Sie beschloss sich für deren Rechte und inklusive Bildung einzusetzen. Nach einer erfolgreichen Bewerbung beim Ministerium für Bildung in Arusha, absolvierte sie ein einjähriges Studium am „Patandi Teachers College for Special Needs Education“. Diese Ausbildungsstätte ist die einzige ihre Art in ganz Tansania. Sie erzählte mir, dass sich sogar LehrerInnen aus Kenia und Uganda dort weiterbilden ließen. Seit 1996 werden im Patandi-College folgende Spezialisierungen angeboten: Gehörlosenpädagogik, Blinden- / Sehbehindertenpädagogik, Intellektuelle-Beeinträchtigungs-Pädagogik.
Nach Abschluss ihres Studiums gründete sie die „Special Needs Unit“ an der Grundschule Themi, in der ich momentan arbeite.

In der vergangenen Woche gab es am Freitag noch ein ganz besonderes Geschenk für unsere kleine Klasse. Als ich um kurz vor acht Uhr den Raum betrat, winkte mir schon freudestrahlend die hauptverantwortliche Lehrerin entgegen. Sogleich verwies sie auf die Wand an der die Tafel hing; ganz unten im rechten Eck befand sich bisher die kaputte Steckdose – jetzt jedoch strahlte uns eine nagelneue Verkleidung entgegen. Nach einem erfolgreichen Test, schlugen wir uns in die Hände. Nun fehlen nur noch die nötigen Musikkassetten!

FOTO: Arusha Nationalpark – Momella Lakes (salzige Seen in denen hunderte von Flamingos leben)

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