Der Wecker klingelte um 5.30 Uhr; diesmal würden wir einen früheren Bus nach Moshi ins KCMC (Kilimanjaro Christian Medical Center) nehmen. Die Sonne kam gerade über den Horizont als ich mich auf den Weg in die Stadt machte. Es würde ein sonniger Tag werden, das verriet schon jetzt der wolkenlose Himmel. Wie immer begrüßte mich der Mount Meru, der mit seinen 4565m über Arusha wacht. Die Innenstadt befand sich noch im Halbschlaf als ich aus dem Dala Dala stieg. Langsam liefen die ersten Frauen mit ihren Körben voller Obst und Gemüse, die sie in den meisten Fällen auf dem Kopf tragen, in Richtung Markt. Menschen schliefen auf den wenigen Bürgersteigen unter Pappkartons und Plastikplanen. Später an der Busstation sah ich vier Buben, die durch den Reisetrubel erwachten und sorgsam ihr Nachtlager zusammenfalteten und hinter Mülleimern verstauten. 

Fast habe ich den Eindruck, dass an der Busstation kein Unterschied zwischen Tag und Nacht herrscht. Zu jeder Zeit versucht jemand etwas zu verkaufen, zu kaufen, es wird spekuliert und vermittelt, um das Business voranzutreiben. Es gibt Obst, Gemüse, Kekse und Brot, Nüsse, Sonnenbrillen, Kleidung, Möbel und natürlich die Kaffeeküche. Inmitten der Busse steht ein kleiner Kohlegrill auf dem eine große Kanne Kaffee kocht. Die Menschen versammeln sich dort und beginnen auf den Gehsteigen der Busstation bei einem heißen Kaffee ihren Arbeitstag. Ganz nebenbei hat man die Qual der Wahl. Für welches Busunternehmen soll man sich entscheiden? Jeder lockt mit dem rascheren Gefährt und der schnelleren Abfahrtszeit. Das Schönste an dem organisierten Trubel ist das Lachen in den Gesichtern der Menschen. Ungemütlich wird es nur, wenn entweder alle auf einmal in den Bus einsteigen wollen – wofür dann auch gerne die Räuberleiter zum Einsatz kommt, denn durchs Fenster steigt es sich genauso gut ein! Oder wenn sich zwei Busunternehmen um einen Kunden streiten. Je flinker man sich entscheidet desto gemütlicher wird die Fahrt. Denn losgefahren wird erst, wenn der Bus voll ist. Und hier scheint der Bus nie voll genug zu sein. Sind alle Sitze besetzt wird zusammen gerutscht. Zwei teilen sich einen Platz, Kinder sitzen auf dem Schoß oder es wird auf Eimern im Gang gesessen. Die Letzten stehen die Fahrt über. Nie hört man ein Wort der Beschwerde oder des Zorns. Immer wird bereitwillig aufgestanden und Platz gemacht, wenn eine Person aus der letzten Reihe aussteigen will. Die schönsten Reisen mit den Bus, habe ich als die Engsten empfunden. Essen wird geteilt, Lieder gesungen und als ich einmal erst bei Dunkelheit an der Busstation ankam, erkundigte sich der halbe Bus nach meiner sicheren Weiterfahrt nach Hause.

 

An diesem Morgen war ich die Erste unserer vierköpfigen Reisegruppe. Nach dem auch die Lehrerin und die Mutter mit Mara an der Busstation angekommen waren, fanden wir gleich einen gut besetzten Bus, der in wenigen Minuten losfuhr. Ich ergatterte einen Fensterplatz und konnte während der gesamten Fahrt, zuerst Mount Meru und später den Kilimanjaro bei Moshi in deren ganzen Pracht bewundern. 

 

Im KCMC war die Hölle los. Wir mussten lange warten bis der Spezialist seine Visite erledigt und Zeit für uns hatte. Maras Untersuchung verlief dann überraschend schnell. Ihr wurde abermals tief und lange in die Augen geleuchtet, danach wurden Fotos gemacht und dann … nichts. Wir bekamen einen Termin für morgen. Man sagte uns, Mara wäre ein interessanter und seltener Fall und man wolle mehr lernen durch weiterführende Tests. 

Durch diese Test, würde sich an Maras Blindheit nichts ändern, so dass TSB (Tanzanian Society for the Blind) die Kosten nicht weiter übernehmen wird. Niemand hat das Geld und die Zeit, um dieses wissenschaftliche Projekt weiterhin zu verfolgen. Damit endeten unsere KCMC Besuche. Mit auf dem Weg gab man uns noch, Maras Augen vor Staub zu schützen. Was in der sandig, staubigen Region um Arusha etwas Unmögliches ist. 

 

Mara war von uns allen die Glücklichste. Wir spielten während der langen Wartezeit Zahlen- und Rechenspiele und tanzten und hüpften und drehten uns im Kreis. Auch am nächsten Tag in der Schule nahm ihre Fröhlichkeit kein Ende. Aufgeregt erzählte sie allen sie könne sehen. – Der Unterschied ist ihr noch nicht bewusst.

 

FOTO: „International March for Elephants“ – 04.Oktober 2013 Arusha

(http://www.iworry.org/)

 

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