In Arusha hat die dritte offizielle Schulwoche nach den Sommerferien begonnen. Ich stehe endlich im Klassenzimmer. Es ist ein heller, von Tageslicht durchfluteter Raum. Die Wände wurden vor langer Zeit gelb gestrichen. Mittlerweile blättert die Farbe an einigen Stellen von den Wänden. Der Raum ist einfach eingerichtet. Es gibt vier Doppel- und zwei Einzelsitzbänke, ein paar Stühle und einen kleinen Gasherd zum Wasser oder Milch erhitzen. In der linken hinteren Ecke befinden sich zwei gläserne Schränke mit allen möglichen Utensilien; sie sind unordentlich eingeräumt, so dass ich nicht erkennen kann was sich im Einzelnen darin befindet. Bevor der Unterricht beginnt fahre ich mit meiner linken Hand über die echte, in die Steinwand eingemauerte Schiefertafel und habe Herzklopfen. Nach der Aufregung in den vergangenen Wochen fällt in diesem Moment eine große Last von meinen Schultern. Gleichzeitig schwöre ich mir, mich durch nichts mehr aufhalten zu lassen! Denn auch diese Woche verlief nicht reibungslos. 

 

Am Montag hießen mich drei der insgesamt fünf Lehrer der „special needs unit“ herzlich in der Klasse Willkommen. Sie freuten sich aufrichtig, dass ich in den kommenden drei Monaten bei ihnen sein werde. Als nächstes wurde ich den Kindern vorgestellt. Es besuchen vier SchülerInnen zwischen 5 und 10 Jahren mit unterschiedlichen Sehbehinderungen die Klasse. Zwei weitere blinde SchülerInnen werden in der dritten Klasse der Grundschule, zusammen mit nicht behinderten Kindern, inklusiv unterrichtet. Auch sie suchte ich in ihrem Klassenzimmer auf und konnte sie dabei beobachten wie sie auf ihrer Braille-Schreibmaschine die Fragen der Lehrerin beantworteten. Außerdem besucht ein Kind mit Albinismus die Grundschule. Albinismus wird in Tansania als Behinderung eingestuft.

Am Dienstag wurde ich abermals ins „Department of Education“ gerufen. Der „Headmaster of Education“ hatte Bedenken, dass ich in der öffentlichen Schule in Themi, in der rein auf Kisuaheli unterrichtet wird, arbeite. Die Kommunikation zwischen den Kindern und mir wäre dadurch, dass ich die Unterrichtssprache kaum spreche, sehr limitiert. Ich versicherte ihm, dass ich mit Hilfe der LehrerInnen, die alle gutes Englisch sprechen, gemeinsam einen Weg finden würde, um mich sinnvoll in den Unterricht einzubringen. Er willigte ein und ich hoffte insgeheim, dieses Büro nie mehr betreten zu müssen.

 

Die „Shule Ya Msingi Themi“ (Grundschule in (Stadtteil) Themi) wurde 1968 errichtet. Seit 2009 werden auch blinde und sehbehinderte SchülerInnen aufgenommen. Es handelt sich um eine große Grundschule, in der die Schuljahre 1 bis 7 unterrichtet werden, mit jeweils vier Klassen pro Schuljahr. Der Direktor der Schule beeindruckte mich mit genauen Zahlen: 1375 SchülerInnen und 43 LehrerInnen würden hier lernen und arbeiten. Die Klassen haben eine ungefähre Größe von 50 bis 60 Schülern. Die Schulbänke sind alt und bemalt und während ich zu meiner Schulzeit maximal zu Zweit auf einer Bank saß, teilen sich hier in den Klassenräumen drei bis vier Kinder eine Sitzbank. Nicht jedoch in der einzigen Klasse der blinden und sehbehinderten SchülerInnen, denn dort hat jedes Kind seine eigene Schulbank und wird individuell und direkt von einem/einer LehrerIn unterrichtet.

Das Schulareal sieht auf den ersten Blick sehr gepflegt aus. Fünf lang gezogene, einstöckige Gebäude reihen sich zwischen hohen Bäumen aneinander. Die Wege sind sauber angelegt und mit weißen Steinen begrenzt. Als ich das Gelände erkundete fiel mir sofort der schuleigene Garten auf, in dem großflächig Gemüse und Obst angebaut wurde. Im hinteren Teil des Geländes bereitet eine Köchin jeden Tag frisch das Mittagessen über einer offenen Feuerstelle zu. Auf den zweiten Blick wurden mir die kaputten Fensterscheiben bewusst. Manches Mal gibt es anstelle von Fensterscheiben Gitter. Der Putz fällt von der Mauer und die Holztüren der Klassenräume schließen nicht vernünftig. Die Farben der Schuluniform sind grün und beige.

Die vier Mädchen und Jungen der Klasse der „special needs unit“ lernen und arbeiten gemeinsam mit den LehrerInnen darauf hin, so bald wie möglich inklusiv an der Schule unterrichtet zu werden. Sind sie erst der Brailleschrift mächtig, werden sie in eine ihren Fähigkeiten entsprechende Schulklasse versetzt und weiter ausgebildet.

Meine erste Arbeitswoche verlief entspannt und gut. Ich wurde ganz natürlich in den Schulalltag integriert. Die Kinder sind großartig und ich habe sie alle sofort ins Herz geschlossen.

 

FOTO: Eingangstor der Grundschule in Themi, Arusha