„NI FRUHAHA KUSOMA KWA VIDOLE!“

(Die Freude mit den Fingern zu lesen!)

 Die kleine Regenzeit dauert von Ende Oktober bis Mitte Dezember. Faszinierenderweise hat es bisher nur während der Nacht geregnet. Am Tage scheint die Sonne; Arusha erscheint klarer, grüner und blumig-bunter.

 In der Schule hat sich meine Aufgabenwelt erweitert. Seit zwei Wochen ist unser Volontär, der seit seiner Geburt blind ist, geduldig damit beschäftigt mir die Brailleschrift beizubringen. Nach dem Unterricht sitzen wir zusammen; entweder lese ich die Texte der SchülerInnen oder schreibe einfache Buchstaben- und Wortreihen auf der Brailleschreibmaschine. Zum Lesen nutze ich nicht meine Finger, wie blinde und sehbehinderte Menschen es tun – ich lese mit den Augen. Mittlerweile darf ich die Übungsblätter der SchülerInnen übersetzen. Es ist immer sehr lustig und schön wenn wir gemeinsam Wörter und Sätze übersetzen, die ich zum Großteil nicht verstehe. Gleicherweise ist es sehr amüsant den Ausspracheversuchen unseres Volontärs zu lauschen, wenn er das deutsche Pendant wiederholt.

„Njooni Tucheze na Tuimbe“ (Kommt tanzen und singen wir!) lautet der Titel der ersten Musikkassette unserer kleinen Klasse. Der Direktor der Schule genehmigte uns ein kleines Budget, so dass wir eine Kassette mit dazugehörigem Liedtextbuch kaufen konnten. Das einzige Radio der Schule ist alt aber es funktioniert. Mittlerweile singen wir regelmäßig nach der Frühstückspause. Auch das Tanzen haben wir etabliert. Die Kinder blühen zusehend auf; wenn sie entweder hüpfen sollen wie ein Frosch oder so laut singen wie sie können. Oft summen die Melodien noch Stunden später in unseren Köpfen. Und so kam es auch, dass die SchülerInnen die Musik in unsere Sportstunde etabliert haben. Während der obligatorischen Laufrunde zum Aufwärmen, fassen wir uns an den Händen und singen: „taratibu“ oder „polepole“. In diesem Kontext wäre die Übersetzung: immer schön langsam.

Auch unser blinder Volontär kann sich durch die neue Musikstunde mehr entfalten. Zuvor hat er seine Zeit oft mit dem Kopf auf dem Schreibtisch, schlafend verbracht. Jetzt liebt er seine neue Aufgabe. Er erzählte mir, dass er seit Jahren im Chor tätig ist. Zuerst sang er im Schulchor jetzt im Chor seiner Kirche. Seine Schulausbildung absolvierte er in Tabora, einer kleinen Stadt im Südwesten des Landes. Tabora gehört zusammen mit Buigiri (nahe Dodoma, der Hauptstadt des Landes) zu den einzigen beiden Sonderschulen für blinde Menschen in Tansania. Beide Schulen sind Internate. Buigiri nimmt mittlerweile auch nicht-blinde Kinder auf. Die Regierung und das Bildungsministerium forciert im ganzen Land die inklusive Schulausbildung behinderter Kinder. Das Angebot an inklusiven Grundschulen ist dabei größer als die Ausbildungsmöglichkeiten im Sekundarbereich. An erster Stelle fehlt es schlicht weg an ausgebildetem Personal. Zu diesem Zweck bekamen wir in diese Woche Besuch von 20 angehenden LehrerInnen für die „Special Needs Education“ der Secondary School. Sie beobachteten unseren Unterricht und machten sich ein Bild über ihre Tätigkeit ab kommenden Januar 2014. Die Themi Secondary School startet dann den inklusiven Unterricht für behinderte Kinder.

Außerdem haben die hauptverantwortliche Lehrerin und ich zwei weitere Grundschulen in der Umgebung von Arusha besucht. Immer auf der Suche nach Kindern mit Einschränkungen im Sehvermögen. Bisher begegneten wir in jeder Schule einem Kind mit Albinismus. Seit ihrer Geburt leiden diese Menschen an Low Vision. Zusätzlich zu ihrer verminderten Sehschärfe und der Einschränkung im räumlichen Sehen, leiden diese Menschen an einer hohen Lichtempfindlichkeit. Sowohl für die Augen als auch für die Haut. Die pflegenden und hautkrebsvorbeugenden Hautcremes sind sehr teuer, daher können sich nur wenige Menschen mit Albinismus diesen Schutz leisten.

In der zweiten Schule wurden wir nach einer einstündigen Debatte wieder fortgeschickt. Der Direktor war felsenfest davon überzeugt, dass keine/r seine/r SchülerInnen untersuchungswürdige Probleme beim Sehen hätte.

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