Gerührt zeigte sich Younusse Amad, zweiter Vizepräsident des mosambikanischen Parlaments, als er mit seinem Rollstuhl mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vom Hotel ins Parlament fuhr. Er sei jetzt in Wien, 23 Jahre nach seinem Unfall, das erste Mal wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen.

 

Younusse Amad lebt in Mosambik. Seit März 2015 ist er der zweite Vizepräsident des mosambikanischen Parlaments. Was er bis jetzt in dieser neuen Funktion erlebt hat, scheint ernüchternd: „Die Gesetze in Mosambik sind gut, aber niemand kümmert sich um die Umsetzung. Nicht einmal im Parlament. Es gibt dort keinen Lift. Ich selbst muss in meinem Rollstuhl über alle Stufen getragen werden. Wenn es schon im Parlament niemanden interessiert, warum und wie soll sich dann im Land „draußen“ jemand drum kümmern. Barrieren müssen nicht nur in den Gesetzen, sondern vor allem in den Köpfen abgebaut werden. Aber dafür fehlt das Herz und das Gefühl!“ Im Gespräch mit ihm nicke ich zustimmend. Das gilt nicht nur für die Länder des globalen Südens, sondern auch für Österreich. Menschen mit Behinderung werden in Entwicklungsländern viel zu sehr vernachlässigt, obwohl weltweit ca. eine Milliarde Menschen behindert sind und 80 Prozent davon in Entwicklungsländern leben.

 

Younusse Amad ist seit einem Verkehrsunfall vom Hals abwärts gelähmt. Seine Schwester sitzt damals ebenso im Fahrzeug, bleibt aber unverletzt, und wird daraufhin Ärztin, um Menschen wie ihrem Bruder helfen zu können. Beim Besuch im Rehabilitationszentrum „Weißer Hof“ in Klosterneuburg faszinieren ihn vor allem die kleinen Hilfsmittel, die das tägliche Leben mit Behinderung so maßgeblich erleichtern können. Da ist beispielsweise die rutschfeste Folie, die Schneidebrett oder Teller nicht vom Tisch rutschen lässt. Oder Besteck mit extradicken Griffen. Oder Verlängerungsstäbe und Zangen, um Dinge herzuholen oder vom Boden aufzuheben. Als der Ergotherapeut ihm die rutschfeste Folie vorführt, lacht Younusse herzlich, denn ihm sind beim Essen schon unzählige Teller vom Tisch gerutscht. Ein Rehabilitationszentrum in Mosambik aufzubauen, ist (s)eine große Vision, die er mit nach Hause nimmt. „Hilfsmittel sind bei uns eher ein Fremdwort. Es ist beispielsweise nicht selbstverständlich, dass jemand einen Rollstuhl bekommt. Mosambik ist bei Stunde Null, was die Belange, Anliegen und die öffentliche Unterstützung von Menschen mit Behinderung angeht. In keinem einzigen öffentlichen Krankenhaus in ganz Mosambik gibt es eine Anlaufstelle für gehörlose Menschen , Gebärdensprache beherrscht dort keiner“, erzählt er bedrückt.

 

Auch bei der Barrierefreiheit gibt es in Mosambik dringenden Handlungsbedarf, schildert Younusse Amad. Denn z.B. bei Neubauten werden keine Rampen gebaut. 40% der Straßen sind in einem schlechten bis sehr schlechten Zustand, was die Mobilität drastisch erschwert. Das Problem liegt aber vor allem im mangelnden Bewusstsein, meint der Vizepräsident: „Mit körperlich behinderten Menschen wird vielfach geredet als wären sie auch intellektuell behindert. Menschen mit Behinderung werden versteckt, das ist eine Schande!“ Sensibilisierung über die Medien sei in Mosambik jedoch sehr schwierig, da die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu diesen hat. Dazu kommt, dass im ganzen Land 17 verschiedene Sprachen mit unterschiedlichen Dialekten gesprochen werden. Selbst die offizielle Amtssprache Portugiesisch sprechen nicht alle gut, nicht einmal alle Abgeordneten und MinisterInnen. Zudem ist Analphabetismus ein weiteres gravierendes Problem im gegenseitigen Verständnis und in der Kommunikation.

 

Dass Younusse Amad einmal Abgeordneter wird, hätte er sich nie erträumen lassen: „Meine Familie war sehr erstaunt über meine Entscheidung, dem Ruf in die Politik zu folgen. Wir sind in der Wirtschaft stabil verankert, uns geht es gut, ich bin privilegiert. Politik ist nicht unser Familienbusiness. Aber ich möchte etwas bewirken, besonders für Menschen mit Behinderung. Viele Kinder sterben bereits in der Klinik, weil es weder Hilfsmittel noch Strom gibt und es an der Hygiene mangelt. Wir brauchen auch im Parlament mehr Miteinander statt dem derzeitigen Gegeneinander, um die aktuelle Situation zu verbessern!“

 

Wer ist Younusse Amad?

Younusse Amad ist zweiter Vizepräsident des mosambikanischen Parlaments und Mitglied einer Oppositionspartei. Seit einem Autounfall vor 23 Jahren ist er vom Hals abwärts gelähmt und bewegt sich im Rollstuhl fort. Er ist verheiratet und hat sechs Söhne.

Im Juni 2015 besuchte er auf Einladung des parlamentarischen NordSüdDialogs das österreichische Parlament und diskutierte mit Abgeordneten, NGOs und ExpertInnen über Verbesserungsmöglichkeiten im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit. Besonders interessant fand er das österreichische Gleichstellungsgesetz und den Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die auch Mosambik ratifiziert hat.

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