Nach einem ersten unspektakulären Rendezvous, wo sie mich im Rollstuhl quer durch Wien schob, kreisten in den kommenden Tagen meine Gedanken immer wieder um Judit. Sie faszinierte und beschäftigte mich. Und ich hatte auch so etwas wie Herzklopfen, wenn ich an sie dachte. „Liebe?“ dachte ich. Dieser Gedanke hatte für mich einerseits etwas sehr schönes. Andererseits hatte ich auch Angst erneut verletzt zu werde, was in der Vergangenheit oft passiert war. Ablehnung hatte ich erlebt. Auch die Frage: Können wir es nicht bei einer tollen Freundschaft belassen, muss es denn gleich Liebe sein? Alles vertrautes Terrain. Aber ich konnte es auch diesmal nicht lassen und schrieb Judit ein Gedicht, das ich ihr als Buchwidmung schenkte:

Zuflucht

Irgendwann

hielt ich in meiner Ratlosigkeit inne

und blickte um mich.

Hätte ich dich nicht getroffen,

wie sinnlos wäre mir

der weiter Weg erschienen.

Zugegebenermaßen sehr hoch gegriffene Zeilen, für die mittlerweile drei bisherigen Begegnungen. Die Reaktion: Judit fühlte sich geschmeichelt. Nicht mehr und nicht weniger. Einen weiteren Schritt machte sie nicht. Also wurde ich noch einmal aktiv und schrieb ihr – anlässlich einer dreitägigen Wienabstinenz – aus Kärnten einen Brief. Darin öffnete ich ihr mein Herz und nun wusste sie, dass ich sie liebte. Reaktionen: keine. Mit einem Klumpen im Magen rief ich sie eine Woche später an. Das Gespräch war irgendwie sehr angespannt. Es fehlte (zumindest meinerseits) das lockere, flockige Plaudern. Dann das Wesentliche: Judit bedankte sich für den Brief.

„Und?“ fragte ich, mit ein wenig verzagtem Unterton. Judit stotterte herum – Essenz ihrer Worte: muss es denn Liebe sein? – Ich war am Ende – Das hatte ich notwendig gehabt. Warum ich auch immer mein Herz ausschütten musste! Selbstvorwürfe und die beklemmende Gewissheit, dass einen Rollstuhlfahrer eben keiner wirklich will. Genauer gesagt: Keine Beziehung mit ihm will.