Freaks around the world

 

Freaks sind oft ein wenig verrückt, stellen die Norm in Frage und geben durch ihr Leben anderen so manches Rätsel auf. Welche Freaks leben in anderen Ländern? Wie gestalten sie ihr Leben und welche Geschichten haben sie zu erzählen? Unser Freak Franz-Joseph Huainigg rumpelt mit seinem Elektrorollstuhl und dem piepsenden Beatmungsgerät durch die Welt, um andere Freaks zu treffen und ihre Lebenssituationen zu portraitieren. Hierbei entstehen tolle Geschichten, Fotos und Videos, die er gerne mit euch teilen möchte: So let’s get freaky!

 

 „Ich öffne jetzt die verschlossenen Türen, vor denen ich einst selbst gestanden bin!“

 

Tirana 2014. 20 Jahre nach der Ära des Kommunismus stellt Albanien den Antrag auf Kandidatenstatus für einen EU-Beitritt, was Österreich sehr unterstützt.

 

Unser Mercedes-Bus schlängelt sich durch den dichten Verkehr. Autos und Fußgänger kreuzen scheinbar willkürlich die Fahrbahn. Plötzlich schert ein Auto über die doppelte Sperrlinie aus und kommt uns frontal entgegen. Es hupt und blinkt – gerade noch rechtzeitig findet es ein Schlupfloch auf seiner Fahrbahnseite. Rollstuhlfahrer und generell behinderte Menschen sieht man nicht in den Straßen Tiranas; die Gehsteige sind nicht abgeschrägt. Aber trotzdem können wir von Albanien lernen: Unser Taxilenker sitzt selbst im Rollstuhl, wir sind auf dem Weg zur stellvertretenden Sozialministerin, die ebenso im Rollstuhl sitzt und es gibt in Albanien keine einzige McDonalds-Filiale.

 

Auf Einladung der Caritas Österreich und der Caritas Albanien bin ich hier, um einen Dialog über die Behindertenpolitik auf Augenhöhe zu führen. Unser Auto parkt vor dem Sozialministerium. Es gibt eine Rampe, die etwas ungewohnt steil ist. Im Inneren des Ministeriums gibt es einen Lift, in den ich mich mit meinem Elektrorollstuhl quergestellt gerade noch hineinquetschen kann. „Fast so heimelig wie im Lift des österreichischen Parlaments“, scherze ich als ich mit meiner Assistentin in den zweiten Stock fahre. Eine sehr sympathische und intellektuelle Sozialministerin begrüßt mich lächelnd. Ihr zur Seite steht die Direktorin der Abteilung für Soziale Inklusion. Es ist ein herzlicher Empfang und ich freue mich auf das Gespräch:

 

Wichtig ist, dass Kinder mit Behinderung die Möglichkeit haben, eine Regelschule zu besuchen. Wie ist das in Albanien?

 

Ich persönlich habe das Amt der stellvertretenden Ministerin erst seit weniger als einem Jahr inne und mein Alltag ist noch nicht sehr routiniert. Wir stehen als Regierung vor vielen Herausforderungen in diesem Bereich, besonders vor gesetzlichen. Es braucht gesetzliche Regelungen für soziale Inklusion. 2013 hat Albanien die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert, woraus uns Verpflichtungen zur Umsetzung erwachsen sind. Ein Schwerpunkt dieser Maßnahmen und dieser Herausforderungen ist selbstverständlich die schulische Bildung. Albanien hat zuletzt auch ein Gesetz für die voruniversitäre Bildung überarbeitet. Weitere gesetzliche Bestimmungen müssen noch verabschiedet werden. Bei der Umsetzung gibt es immer das Problem der Finanzierbarkeit.

 

Wie sieht die Entwicklung der Förderung von Menschen mit Behinderungen aus? Hat es in Albanien auch einen politischen Paradigmenwechsel gegeben?

 

In den 1990er-Jahren, nach dem Fall des Kommunismus, stand das Land in vielen Bereichen vor großen Herausforderungen und damit besonders auch Menschen mit Behinderungen. Damals hat der Staat begonnen, diese Menschen finanziell zu unterstützen. Durch den internationalen Austausch wurde allerdings bald klar, dass es nicht nur der finanziellen Unterstützung bedarf, sondern der einzige zielführende Weg die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft ist. Wir entwickelten daraufhin entsprechende Maßnahmen. Die wichtigsten gesetzlichen Schritte in Richtung Förderung der Rechte von Menschen mit Behinderungen begannen im Jahr 2000. Für Menschen mit Behinderung wurde damals eine nationale Strategie erarbeitet. Wir können aber leider nicht behaupten, dass in diesem Bereich bislang viel umgesetzt worden ist und es scheiterte vor allem an der Finanzierbarkeit, aber auch am Mangel an Erfahrungen. Ich denke, die neue Regierung, die seit September 2013 im Amt ist, bemüht sich verstärkt um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Das zeigt sich auch darin, dass ich als Rollstuhlfahrerin zur Vize-Sozialministerin ernannt worden bin.

 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Ministerin im Rollstuhl aus?

 

Ein normaler Arbeitstag beginnt für mich so um 8 Uhr morgens und endet im Büro etwa um 17 oder 18 Uhr, dann fahre ich nach Hause. Wenn ich am Abend nach Hause komme, muss ich mich aufgrund meiner physischen Situation erst einmal hinlegen und ausruhen, um meine Gedanken zu ordnen und wieder zur Ruhe zu kommen.

Ich nehme mir auch viel Zeit, um Menschen mit Behinderungen zu treffen und ihre persönlichen Anliegen zu besprechen. Kein Tag ähnelt dem anderen und täglich gibt es unterschiedliche Besprechungen und Sitzungen, nicht nur mit Kolleginnen und Kollegen aus diesem, sondern auch aus den anderen Ministerien, in der neugegründeten interministeriellen Arbeitsgruppe. Wir befinden uns gerade in einem sehr wichtigen Reformprozess und wir müssen uns erst noch in vielen Dingen einigen. Barrierefreiheit ist dabei ein großes Thema, selbst dieses Ministerium wird nicht allen Voraussetzungen für einen barrierefreien Zugang gerecht.

 

Wie sieht es mit der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung aus? Das ist in Österreich ein Problem. Als ich mich nach dem Studium um eine Anstellung bemühte, wurde mir beim Arbeitsmarktservice gesagt, dass ich nicht vermittelbar wäre, aber gleich in Pension gehen könne. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint…

 

Ich glaube, Sie haben in Ihrer Laufbahn ähnliche Schwierigkeiten gehabt wie ich. Wir arbeiten daran, diese Hindernisse schrittweise abzubauen. Meine persönliche Erfahrung damit ist, dass ich vor 20 Jahren nach einer Krankheit plötzlich im Rollstuhl saß. Ich war Ingenieurin, musste meine Arbeit aufgeben, weil der Arbeitsplatz nicht barrierefrei war. Es wurde mir klar, dass ich nicht zu Hause bleiben möchte. Ich habe mich in vielen Organisationen der Zivilgesellschaft eingesetzt und für die Rechte von Menschen mit Behinderungen gekämpft. Wir konnten durchsetzen, dass einige Gesetze novelliert worden sind. Das habe ich 14 Jahre lang gemacht und jetzt sitze ich in dem Ministerium, wo ich oft an die Tür geklopft habe, um die Zusammenarbeit zu suchen. Jetzt ist es meine Aufgabe, diese Türen zu öffnen und mit den behinderten Menschen gemeinsam den Weg zu ebnen. In unserem Ministerium ist es gelungen, ein Sonderprogramm für Menschen mit Behinderung ins Leben zu rufen. Der Staat finanziert für einige Monate den Lohn und übernimmt die Kosten für die Adaptierung von Arbeitsplätzen.

 

Caritas Albanien pflegt mit der Caritas Österreich eine gute Zusammenarbeit. Im Rahmen dieser Kooperation wurde z.B. ein Tageszentrum geschaffen, Schulen wurden mit Rampen ausgestattet und Lehrkräfte für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern ausgebildet. Jetzt soll die Zugänglichkeit zu Sozialleistungen verbessert werden. Wie sehen Sie diese Kooperation?

 

Mit der Caritas haben wir eine langjährige und gute Zusammenarbeit, sie leisten hervorragende Arbeit und fördern die Dienste für Menschen mit Behinderungen. Die albanische Regierung hat leider nicht die finanziellen Mittel, um allen sozialen Unterstützungen, die es bräuchte, gerecht zu werden. Da sind wir für diese Zusammenarbeit, auch im Rahmen der österreichischen Entwicklungs-zusammenarbeit, die diese Projekte mitfinanziert, sehr dankbar.

Ein wichtiger Schritt ist eine soziale Reform, die Neustrukturierung der Sozialhilfe für benachteiligte Gruppen. Das Ministerium ist Partner verschiedener Projekten wie sie jetzt auch die Caritas durchführt.

 

Wenn Ihnen eine Fee erscheinen und Ihnen drei Wünsche erfüllen würde – was würden Sie sich wünschen?

 

Eine schwierige Frage. Ich kann meine persönlichen Wünsche nur schwer von den politischen Wünschen trennen. Ich habe zwei erwachsene Kinder, die sagen, dass ich nur für die Arbeit lebe. Ich mache meine Arbeit wirklich sehr gerne. Damit möchte ich sagen, dass ich auf jeden Fall mehr als drei Wünsche habe. Als ich behindert wurde, hatte ich keine Unterstützung und Hilfe von öffentlichen Einrichtungen und vom Staat. Ich musste vieles selbst erkämpfen. Heute wäre mein Wunsch, dass ich behinderte Jugendliche in ihrer Ausbildung unterstützen kann. Mein zweiter Wunsch bezieht sich auf Familien mit kleinen Kindern und dass diese Kinder abgesichert und integriert sind, auch wenn die Eltern eines Tages nicht mehr da sind. Und der dritte Wunsch bezieht sich natürlich auf die ersten beiden Wünsche: Ich würde mir wünschen, dass Albanien mit den Reformen schneller vorankommt und damit den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen gerecht wird.

 

 

 WER IST BARDHYRA KOSPIRI?

 

Geboren am 18. Juli 1955 in Tirana. Nach dem Abschluss der Grundschule studierte sie 4 Jahre Ingenieurwesen in Peking. Von 1978-1993 arbeitete sie am Institut für industrielles Design in Tirana, bis sie nach einer Erkrankung den Arbeitsplatz verlor und fortan bis 2002 als private Konsulentin arbeitete. Ab 1998 begann sie sich für Menschen mit Behinderungen einzusetzen, zunächst in einer albanischen Stiftung, später realisierte sie zahlreiche Projekte, für deren Umsetzung sie den „World of Difference Award“ der Vodafone Stiftung sowie den „courageous woman award“ der SH.BA Botschaft von Tirana erhielt. Außerdem wurde sie als eine der „10 eminent personalities of the year“ der Gemeinde von Tirana gelistet. Im September 2013 wurde sie zur stellvertretenden Sozialministerin ernannt. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

 

 

Der Autor Franz-Joseph Huainigg ist ÖVP-Sprecher für Menschen mit Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit und Abgeordneter zum Nationalrat. Auf seiner Homepage www.franzhuainigg.at können alle Freak-Portraits nachgelesen werden. Zudem bekommt man dort einen guten Eindruck, wie der Autor mit Beatmungsgerät und Persönlicher Assistenz selbstbestimmt und glücklich lebt.

 

 

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